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Luther gegen Karl V.

Theater Luther gegen Karl V.

Vor 500 Jahren hat Luther seine kirchenkritischen Thesen in Wittenberg verkündet – der Potsdamer Schauspieler und Autor Christian Schramm hat jetzt ein Drama über Luthers Gegenspieler Karl V. geschrieben, er spielt das Ein-Mann-Stück alleine. Es gibt Parallelen zu unserer Zeit: Werte fallen, Menschen radikalisieren sich. Auch um den Islam geht es.

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Christian Schramm als Karl V., Gegenspieler von Martin Luther.

Quelle: Schramm

Potsdam. Christian Schramm spielte Theater auf Zuruf, knappe 25 Jahre ist das her – künstlerisch ist das wie ein Extremsport, schnell führt er einen Schauspieler in Höhenluft, und manchmal kriegt er Atemnot. Der Kopf sucht nach Ideen, doch wenn er keine findet, ist es aus.

Jemand rief zum Beispiel aus dem Publikum, in der Erwartung, das kriege Schramm da oben auf der Bühne garantiert nicht hin: „Pinkfarbene Dahlie im Stil der italienischen Operette!“ Nach den Regeln des Improvisationstheaters musste Schramm aus diesen inhaltlich sehr unsortierten Brocken etwas bauen. Sofort. Zusammen mit den Mitspielern. Immer haben sie es irgendwie gestemmt. Auf der Basis von Witz, Tempo und Unerschrockenheit.

Unerschrockenheit? Als 26 Jahre junger Mann hat er, knapp nach dem Ende seines Schauspielstudiums in Wien und London, am Tübinger Theater die Novelle „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ von Nikolai Gogol als Ein-Personen-Stück gespielt. 90 Minuten. „Das war riskant, aber es klappte!“, sagt Schramm.

Und dann kommt der Souffleusen-Witz

Er stemmte Gogol ohne Souffleur. Und erzählt jetzt einen Souffleusen-Witz, als wolle er sich Luft machen vom Kraftakt jener Tage: „Ständig ruft die Souffleuse etwas auf die Bühne, irgendwann ruft der Schauspieler zurück: Keine Details, sagen Sie mir lieber, welches Stück!“ Er lächelt. Christian Schramm weiß, wann er lustig ist. Und weiß, wann er es ernst meint. Rheinländer haben diese Gabe.

Christian Schramm, 50 Jahre alt, ist in Köln geboren, doch längst wohnt er in Potsdam. Die Zeit des Improvisationstheaters hat ihn geformt, gefordert, gestärkt. Im Publikum saß seinerzeit ein Produzent, „wenn du auf der Bühne lustig bist, kannst du das auch beim Fernsehen!“, sagte er zu Christian Schramm. Also ging Schramm zu Grundy-Ufa, der großen Potsdamer Produktionsfirma. Und arbeitete vier Jahre lang für „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Er schrieb die Texte, der Produzent guckte zur Tür herein, „kommst du voran?“. Es kam der Punkt, da wollte Schramm nicht mehr. Immer greller, zotiger und lauter? „Dieser Muskel war bei mir erlahmt, ich kriegte diesen Klimmzug nicht mehr hin.“ Dem Fernsehen kehrte er den Rücken. Und wollte Tiefe.

Christian Schramm hat nun ein Stück über Luthers Gegenspieler geschrieben, Karl V., vor dem sich Luther 1521 in Worms verteidigen musste. Karl, damals 21 Jahre alt, war Erbe des größten Weltreichs seiner Epoche, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, König über Spanien und Neapel und Herr über die Niederlande.

Wenn die Macht nicht weiter weiß

Christian Schramm wurde 1966 in Köln geboren und studierte Schauspiel in Wien und London. Als Autor schreibt er zudem für Bühne, Film und Fernsehen.

Im Ein-Mann-Stück „Die Nacht zu Worms“, von ihm geschrieben, spielt er Kaiser Karl V., den Gegenpart von Martin Luther. Das Stück lotet die Frage aus, wie ein Mächtiger sich entscheidet, wenn er eigentlich ratlos ist.

„Die Nacht zu Worms“ wird in Brandenburg an folgenden Terminen gespielt: 8. März, 19 Uhr, Evangelische Pfingstgemeinde, Große Weinmeisterstraße 49, Potsdam; 25. März, 19 Uhr, Dorfkirche Michendorf; 28. April, 20 Uhr, 7. Juli, 20 Uhr, 24. September, 20 Uhr in der Oberlinkirche, Potsdam; 1. Juli, 17 Uhr, Kunsthof Galm, Milower Land; 7. September, Dom zu Brandenburg/Havel. Eintritt jeweils frei, es wird nach dem Stück um eine individuelle Gabe gebeten. Infos unter www.schramm-potsdam.de

Was sollte der Kaiser, mächtigster Mensch der Welt, tun? Luther zum Tode verurteilen? Luther wäre fürs Volk ein Märtyrer geworden, die Stimmung hätte sich gegen Karl wenden können. Oder Luther die kirchenkritischen Thesen in Wittenberg durchgehen lassen? Dann hätte er Ärger mit dem Papst bekommen. Eine Patt-Situation, die Christian Schramm historisch abgesichert inszeniert, und dennoch eigene Pointen setzt. Er hat das Ein-Personen-Stück nicht nur geschrieben, sondern spielt es auch. In Rüstung und rotem Umhang.

Wieder steht er allein auf der Bühne, wie damals bei Gogol. „Die Menschen mögen, wenn man ihnen konzentriert eine Geschichte erzählt – dann hören sie zu, auch ohne grelle, laute Bühne, ohne den Lärm der Fernsehwelt.“

Er erzählt nicht aus Luthers Sicht, „weil mich die Perspektive der Macht interessiert“, sagt Schramm. Er war mit seiner Familie im letzten Jahr am Tag der Einheit in Dresden, „wir haben erlebt, wie die Leute ,Volksverräter‘ zu Angela Merkel riefen.“ Der Ton habe ihn schockiert. „Jeder kann sagen, dass er eine andere Meinung hat, aber Wörter wie Volksverräter überschreiten eine Grenze.“ Mit dem Stück „Die Nacht von Worms“, dem Drama um Luther und Karl V., will er nun ausloten, wie sich die Mächtigen der Welt fühlen, Merkel oder vormals Obama, wenn sie auf der Stelle etwas lösen müssen, das nicht gelöst werden kann.

Den Flüchtlingen hat er Deutsch beigebracht

„Das Stück erlaubt einen Blick durch die Augen des Kaisers auf unsere Welt von heute“, sagt Schramm. „Es geht um den Verlust von Werten, um die Radikalisierung weiter Bevölkerungsteile. Auch das Vordringen des Islams macht die Parallele unserer Tage zu Luthers Zeit unübersehbar.“

Christian Schramm hat mit Freunden Ende 2015 in Potsdam den gemeinnützigen Verein „Flüchtlingshilfe Babelsberg“ gegründet. Sie helfen vor allem Geflüchteten, die keine „Bleibeperspektive“ haben und deshalb vom Staat kaum unterstützt werden. Schramm bringt den Menschen Deutsch bei, er hat auf Englisch begonnen: „I am Christian“, sagte er, ich bin Christian. Ein junger Mann hat geantwortet: „I am Muslim“, ich bin Muslim. Ein Missverständnis, beide haben gelacht. Mittlerweile könne er mit den Geflüchteten Deutsch reden. Die Sprache verbindet. Darum ist sie das Metier von Christian Schramm. Auch jenseits der pinkfarbenen Dahlie im Stil der italienischen Operette.

Von Lars Grote

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