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Kultur Der ärgerlichste Film der Berlinale
Nachrichten Kultur Der ärgerlichste Film der Berlinale
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10:58 22.02.2018
Maurice Wojach guckt Filme – bis die Augen eckig sind. Quelle: Maurice Wojach
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Berlin

Wer die norwegische Insel Utøya bei Google sucht, stößt auf Zahlen. Fläche: 11 ha, Höchstlänge: 520 m. 20 Mal haben User die Location bewertet. Mit sehr gutem Ergebnis: 4,8 von 5 Sternen. Der Regisseur Erik Poppe erweitert die Statistik um eine Angabe - Spielfilme: 1. Höher hingegen ist die Zahl der gescheiterten Versuche, in einem fiktiven Film ein historisches Ereignis angemessen zu erzählen. Der Wettbewerbsbeitrag „Utøya 22. Juli“, dem es natürlich nicht um die schöne Lage der Insel sondern den widerwärtigen Amoklauf des Rechtsextremen Anders Breivig geht, reiht sich ein in die Liste des Scheiterns.

Alle bisher erschienen Kolumnen

– Teil 5: Eine Ode an das Eiskonfekt

– Teil 4: Porno oder Popcorn: Diese Filme passen zu Ihnen

– Teil 3: Auch Idioten dürfen inspirierend sein

– Teil 2: Pattinson, der ewige Posterboy?

– Teil 1: Hundefilme? Ich muss draußen bleiben

Nach dokumentarischen Anfangsszenen, die das Bombenattentat wenige Stunden zuvor im Regierungsviertel in Oslo zeigen, katapultiert der Film den Zuschauer auf die Insel und in das dortige Zeltlager. Politische Diskussionen und Partystimmung mischen sich. Im Mittelpunkt steht die 19-jährige Kaja, die sich gerade mit ihrer jüngeren Schwester Emilie gestritten hat. Dann plötzlich: Schüsse, Panik, Überlebenskampf. 72 Minuten lang folgt die Kamera der jungen Frau, der Täter tritt nur akustisch in Erscheinung, zumal Kaja die Schüsse zwar hört, aber zugleich versucht, nicht getroffen zu werden und ihre zuvor im Zelt schmollende Schwester wiederzufinden. Der Rest besteht aus panischem Davonrennen und Peng-Peng-Peng.

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Die Figuren sind fiktiv, basieren aber auf Gesprächen mit Angehörigen und Überlebenden. Vermutlich aus Angst, den Opfern zu nahezutreten, bleibt der Film an der Oberfläche. Kaja wird zur Heldin erhoben, die sich barmherzig den Angeschossenen und Traumatisierten annimmt. Die anderen Figuren entwickeln sich gar nicht, die gesellschaftliche Dimension der Tat bleiben außen vor. Wer sich entscheidet, 72 Minuten einem Menschen beim Wegrennen, hat wenig zu erzählen. Der Filmemacher und auch einige Überlebende verweisen auf die vielen Detailgespräche, die es vorab gab, und auf die Korrektheit der Abläufe. Mag sein, aber dann drängt sich eine Frage auf: Warum ein Spielfilm?

Erik Poppe erliegt demselben Irrtum wie einst Uli Edel bei „Der Baader Meinhof Komplex“, der sich in seiner vermeintlichen Authentizität suhlte und mit dem Einsatz der Original-Oldtimer aus den 70ern prahlte. Aber ein Kinofilm ist nun mal keine Ausstellung von Utensilien und kein Sammeln von Fleißkärtchen, sondern die Kunst des Geschichtenerzählens und die Suche nach neuen Bildern. Poppe geht es darum, zu zeigen, „wozu Rechtsextremisten fähig sind“. Aber das wissen wir doch: Ein Täter, 77 Tote, hunderte Verletzte. Der ideologische Hintergrund, die Folgen der Tat, die gesellschaftlichen Missstände – all das spielt in dem Film keine Rolle. Erkenntnisgewinn: Null.

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