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Kultur Hach, Berlinale! Eine Bilanz
Nachrichten Kultur Hach, Berlinale! Eine Bilanz
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05:33 27.02.2018
Maurice Wojach guckt Filme – bis die Augen eckig sind. Quelle: Maurice Wojach
Berlin

Heute bestatte ich meine Berlinale-Tickets. Ein altes Post-Paket wird ihnen zur letzten Ruhestätte, noch stapeln sich die Karten auf dem Tisch. Da liegen sie, die Geschichten von einem tibetischen Kind ohne Gummistiefel, norwegischen Jugendlichen auf der Flucht vorm herumballernden Attentäter, einem polnischen Heavy-Metal-Fan ohne sein altes Gesicht, japanischen Teenagern im Kampf gegen die Erwartungen der Gesellschaft, einer äthiopischen Geflüchteten im Schweizer Schnee, einem österreichischen Alt-Nazi auf der Karriereleiter nach ganz oben, einem Comic-Zeichner aus Oregon im Suff und Rollstuhl, einem ostdeutschen Gabelstaplerfahrer im Liebesrausch. Hach, Berlinale!

Alle bisher erschienenen Kolumnen

– Teil 10: Wie verreiße ich einen Kinderfilm?

– Teil 9: Das Glamour-Gejammer

– Teil 8: Warum ich gerne harte Kost kaue

– Teil 7: Schwule Filme, was soll das sein?

– Teil 6: Der ärgerlichste Film der Berlinale

– Teil 5: Eine Ode an das Eiskonfekt

– Teil 4: Porno oder Popcorn: Diese Filme passen zu Ihnen

– Teil 3: Auch Idioten dürfen inspirierend sein

– Teil 2: Pattinson, der ewige Posterboy?

– Teil 1: Hundefilme? Ich muss draußen bleiben

Die vergangenen zehn Tage haben mich mit Halbwissen für die nächsten zwölf Monate versorgt. Dass der höchste Jesus der Welt nicht in Rio de Janeiro sondern im polnischen Świebodzin steht, dass die erste erfolgreiche Gesichtstransplantation ebenfalls in Polen stattfand, dass man in China so süßes Zeug aus kleinen Tütchen lutscht, dass eine Pause im Großmarkt schlicht „ne Fuffzehn“ heißt, dass das indische Strand-Paradies Goa scheinbar ein vermüllter Moloch ist.

Was mir die Tickets auf dem Tisch wirklich gebracht haben? Klingt pathetisch, aber ist so: ein Gefühl für die Welt. Das kann Kino mehr als jede andere Kunstform, es verwandelt Stimmungen in Bewegtbilder. Politische, gesellschaftliche, persönliche. Und nach zig Filmen entsteigt man der Berlinale, als sei es ein Bett, in dem man zehn Tage geschlafen hat und aus dem man doch nicht raus will. Ganz schön lange weggewesen von den im Minutentakt aufblinkenden GroKo-News, der alltäglichen Trump-Show und dem Abwasch zu Hause. Kino als Weltflucht? Auch das.

Wir haben wieder viel geschimpft, mit pochendem Herzen über Filme gestritten, als entschieden sie allein über Wohl und Übel auf der Welt. Schön ist das, wie im Fußballstadion, alle wissen alles, aber jeder noch ein bisserl mehr als der jeweils andere. Und genauso verhält es sich mit der Sprache. Kein Fan verlässt die Arena, ohne auch mal „Scheiß Schiri!“ gesagt zu haben. Kein Berlinale-Stammgast packt seine Akkreditierung in die Kiste, ohne zuvor solche Begriffe wie „Narrativ“, „Komposition“, „halbdokumentarisch“, „Schwächen im Drehbuch“ mal in den Mund genommen und Argentinien, Rumänien oder Chile auskennerisch als das spannendste Filmland auserkoren zu haben. Mitgefangen, mitgehangen – und irgendwann Tocotronic mitgesungen:

„Und im Leben geht’s oft her wie in einem Film von Rohmer. Und um das alles zu begreifen, wird man was man furchtbar hasst, nämlich Cineast, zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen.“

Von Maurice Wojach

Wer es bislang verpasst hat, sich Filme mit Willem Dafoe, dem das Festival eine Hommage widmet, auf großer Leinwand anzusehen, hat am Sonntag noch eine letzte Gelegenheit. „Die Tiefseetaucher“ und „Mississippi Burning“ stehen auf dem Programm.

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