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Kultur Tocotronic besingen die eigene Verletzlichkeit
Nachrichten Kultur Tocotronic besingen die eigene Verletzlichkeit
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00:44 20.04.2018
Tocotronic am Montag in Berlin. Quelle: Imago/Carsten Thesing
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Berlin

Wer sich zu Fuß vom Südstern aus der Columbiahalle nähert, entgeht der hippen Hauptstadt-Aufgeregtheit. Berlin könnte plötzlich auch Darmstadt, Hamm, Hannover oder jeder andere mittelgroße Fleck der Bundesrepublik sein. Rechts ein Friedhof, links Schrebergärten und ein Fußballplatz. Um die Ecke liegt die Kfz-Zulassungsbehörde, schmucklose Läden für Kennzeichenbeschriftung und Versicherungsfilialen reihen sich aneinander. Auch das Wetter hat sich am Montagabend entschieden, gänzlich deutsch daherzukommen, Nieselregen, 13 Grad, gefühlt die Hälfte.

Abarbeiten an Stationen des eigenen Lebens

In der Halle am Columbiadamm, die nach dem Zweiten Weltkrieg amerikanischen Soldaten als Sporthalle diente, tritt die Band auf, die wie keine andere vermag, bundesdeutsche Piefigkeit in Texten zu sezieren: Tocotronic. Der Sänger Dirk von Lowtzow arbeitet sich auf dem aktuellen Album „Die Unendlichkeit“ an Stationen des eigenen Lebens ab. Er durchleuchtet den Kleinstadtwahnsinn seiner Kindheit, den Umzug nach Hamburg, die Verwandlung zum Punk, vor allem aber die Orte, denen er entflohen ist: das Reihenhaus, das Jugendzimmer, die Schulsporthalle. Ein Album im Selfie-Modus, das viel leichter zu kapieren ist als die meisten der elf vorangegangenen Werke. Vor allem setzt sich von Lowtzow mit den Prolls der Provinz auseinander - und mit ihren stechenden Blicken auf alles, was von der Normalität abweicht. Der beschriebenen Alltagstristesse stellt von Lowtzow die Schönheit der Flucht daraus entgegen: „Ich zieh mir den Pulli vor dem Spiegel aus / Teenage Riot im Reihenhaus / Ich gebe dir alles und alles ist wahr /Electric Guitar.“

Der Hang zur Parole ist geblieben

25 Jahre nach Gründung schaffen es die so oft als verkopft gescholtenen Tocotronic dieses faszinierende Gefühl der Jugend auf die mitgealterte Meute zu übertragen. Nach ein paar neuen Stücken – vorgetragen vor einer Weltalltapete – entschwinden Band und Fans in die eigene Frühphase. Sie flehen „Let There Be Rock“ und sehnen sich zurück nach dem letzten Tag der Sommerferien: „Drüben auf dem Hügel möchte ich warten / Im nassen Gras in unserem Schrebergarten.“ Dann biegen die vier Musiker in schluffigen Shirts in die spätere Schaffensphase ab. Was geblieben ist: der Hang zur Parole. 3500 kritische Geister singen lauthals den Protestsong „Aber hier leben, nein Danke“ und die Verweigerungshymnen „Sag alles ab“ und „Macht es nicht selbst“.

Magische Märchenstunde statt intellektueller Streber-Veranstaltung

Das Tocotronic-Konzert entpuppt sich - noch so ein Dauervorwurf – eben nicht als intellektuelle Streber-Veranstaltung, sondern als magische Märchenstunde. Hinten entführen Sterne ins All, vorne liegen Plüschtiere auf der Verstärker-Box. Entchen, Bärchen und Fuchs sind Zeugen, wie von Lowtzow die Schönheit der Sprache sprießen lässt. Lautmalereien, in denen es raschelt und knistert, flüstert und knirscht. Eine Fantasie-Welt aus Pusteblumen und Poesie, die Tocotronic der scharf kritisierten politischen Realität und dem bundesdeutschen Behördensprech vorzieht. „Ich mag die Tiere nachts im Wald / Wenn sie flüstern, dass es schallt / Ich mag den Weg, ich mag das Ziel / Den Exzess, das Selbstexil.“

Das Besingen der eigenen Verletzlichkeit

Musikalisch haben Tocotronic im Laufe der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte gewonnen. Alleine schon, weil Gitarrist Rick McPhail seit 2004 den arg schrammeligen Sound des ehemaligen Trios mit seiner Virtuosität Vielfalt verleiht. Zu mitunter leichtfüßigen („Kapitulation“) bis sphärischen („Explosion“) Klängen singt von Lowtzow von der Selbstaufgabe und macht das Scheitern tanzbar. Was jedem gangstarappendem Muskelprotz ein Graus ist, verschafft Tocotronic Genugtuung: das Besingen der eigenen Verletzlichkeit. Insofern gerät „Unwiederbringlich“ zum rührenden Höhepunkt des ersten von zwei Berlin-Konzerten. Der 47-Jährige spielt alleine, die Band-Kollegen stehen ihm bei. Es geht um einen verstorbenen Freund, er weint, die Fans applaudieren laut und lang.

Von Maurice Wojach

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