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Magische Welten auf sieben Bühnen

Potsdamer Theaterfestival Unidram Magische Welten auf sieben Bühnen

Zum 23. Mal ging das Potsdamer Theaterfestival Unidram in der Schiffbauergasse über die Bühne. Irritierend, faszinierend, überraschend – die internationalen Ensembles enttäuschten mit ihren Performances nicht.

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Das Künstler-Duo Ahke aus Russland gehört zu den ältesten Partnern des Festivals.

Quelle: Margarita Smagina

Schiffbauergasse. Das Theater-Pendel schlug auch in diesem Jahr wieder weit aus, das Angebot des Unidram-Festivals 2016 reichte von den leisen, meditativen Tönen bis zu nebelverhüllten Klangexplosionen. Und jede der zwölf Gastspiel-Gruppen hatte ein ganz unverwechselbares Konzept. Was alle eint: es dominiert das Gestisch-Szenische, das Wort ist allenfalls ein Ornament. Und es ist immer auch sparsames Theater, was sowohl den Bühnenaufwand als auch die Zahl der Akteure betrifft.

Im Alleingang führt Jan Jedenak aus Stuttgart mit „Séance“ die Zuschauer quasi hinters Licht und lässt Bilder aus vergangenen Zeiten aufscheinen. Auch Etienne Saglio aus Rennes steht als Solist auf der Bühne und erschafft mit „Les Limbes“ ein poetisches Universum umherschweifender Geister, dem man so fasziniert wie ratlos zuschaut, weil man keinen Schimmer hat, wie dieses magische Spektakel wohl funktioniert. Duda Paiva, Holländer mit brasilianischen Wurzeln, macht kein Geheimnis aus seinem Tun bei „Blind“ und bittet am Ende das Publikum sogar auf die Bühne, die von ihm erschaffenen Puppen im Wortsinne zu begreifen.

Ein Riesenpendel hat Nick Steur aus dem niederländischen Maastricht im Gepäck. Es ist zwar das Zentrum seiner „A piece of time“ betitelten Performance, aber eigentlich geben 32 Metronome den Ton an. Und 32 Zuschauer werden selbst zu Akteuren, bedienen jeweils einen der mechanischen Zeiteinteiler. Auf Steurs Zeichen hin werden mal einzelne, mal mehrere Geräte in Gang gesetzt und formen einen tickenden Klangteppich. Mitsamt der Stille in den Pausen hat das alles etwas durchaus Meditatives, man hat das Gefühl, die Zeit wird in dieser Schule des Hörens tatsächlich erlebbar.

Bizarre Farbschlachten vor einer braunen Wand

Auf die Stille folgt das Dröhnen. Dabei beginnt auch das Künstler-Duo Akhe aus St. Petersburg den Abend „Between Two. Karmic Storm“ recht getragen. In einem nur von wenigen Glühbirnen spärlich beleuchteten Raum entfalten die beiden Akteure vor einer braunen Wand eine schier altmeisterliche Szenerie. Da geht es zunächst ganz ums Elementare, man hantiert mit rostigen Hämmern und Sägen, Brot wird zerschnitten, es kommt Feuer hinzu. Bis der Bühnenboden zum Wasserbecken wird, die Akteure knöcheltief im Nassen waten und jene bizarren Farbschlachten beginnen, die Akhe in den Grenzbereich von Theater und bildender Kunst rücken. Dazu ein sich steigernder Sound, der die Zuschauer irgendwann an die Grenzen des Fassungsvermögens bringt und über Flucht nachdenken lässt.

Dabei ist doch gerade die Nähe das Plus des Festivals. Die Spielstätten liegen dicht beieinander, es gibt nächtliche Konzerte und immer wieder auch Gelegenheit, mit den Akteuren ins Gespräch zu kommen.

Zum Beispiel mit Alexej Bycek aus Prag, dessen „Heydrich“-Stück versucht, sich einer der Schreckensfiguren des Dritten Reiches zu nähern. Mit einfachen Mitteln zeigt er, dass diesem Mann aus eigentlich musischem Hause das Böse nicht in die Wiege gelegt wurde und über welche Mechanismen er in der Nazihierarchie aufstieg. Es sei für ihn bewegend gewesen, so Bycek, sein Stück gerade in Potsdam zu zeigen, wenige Kilometer von jenem Ort entfernt, an dem Richard Heydrich als Cheforganisator der berüchtigten Berliner Wannseekonferenz die Grundlagen für die planmäßige Vernichtung der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas legte. Byceks Arbeit gibt dem Festival, in dem naturgemäß das Spielerische dominiert, auch eine politische Dimension.

Das nächste Festival ist schon in Vorbereitung

Unidram , 1994 als Forum für studentische Bühnen begründet, ist mittlerweile eines der wichtigsten Festivals für das freie Theater in Europa. Es versteht sich als eine Zukunftswerkstatt, die dem kreativ-innovativen Potenzial junger Theatermacher eine Plattform bietet und unterschiedliche Theatertraditionen zusammenführt.

80 Künstler traten 2016 fünf Tage lang auf sieben Bühnen auf.

Einen besonderen Schwerpunkt bilden Inszenierungen, die sich in den Grenzbereichen zwischen Schauspiel, Tanz, Bildender Kunst und Performance bewegen.

Das Festival ist längst über das gastgebende T-Werk hinausgewachsen. Spielstätten in diesem Jahr waren die Fabrik, die Schinkelhalle, das Waschhaus, die Waschhaus-Arena und die Reithalle des Hans-Otto-Theaters.

Ahke aus St.Petersburg , das sich selbst Ingenieurtheater nennt, zählt zu den ältesten Partnern. Die Gruppe war 1996 mit „Das weiße Zimmer“ erstmals in Potsdam dabei.

2017 präsentiert Unidram wieder ein umfangreiches Programm unterschiedlichster Theaterformen aus Europa. Das 24. Internationale Theaterfestival in Potsdam soll vom 31. Oktober bis 4. November stattfinden.

Vorschläge und Bewerbungen für das kommende Festival können mit Unterlagen und DVD eingereicht werden. Bewerbungsschluss ist der 28. Februar 2017. Weitere Infos unter:


http://www.unidram.de/de/service/ausschreibung-bewerbung

Von Frank Starke

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