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Manifest: So ticken die Brandenburger

„Brandenbuch“ erklärt Land und Leute Manifest: So ticken die Brandenburger

Waldmöpse, Neonazis, Ehrenamtler, der Alte Fritz, Fontane, Naturschützer – die ganze Vielfalt brandenburgischer Geschichte und Gegenwart kommt im „Brandenbuch“ zum Ausdruck. Die Landeszentrale für politische Bildung hat es herausgegeben. Und die lässt auch die Macken des Märkers nicht aus.

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Friedrich II. als Motiv im „Brandenbuch“.

Quelle: Illustration/ Anne Baier

Potsdam. An jenem Tag im Januar 2005 hatte Thilo Sarrazin mal wieder einen Kasper gefrühstückt. Das Thema war dröge – die mögliche Länderfusion von Berlin und Brandenburg – der damalige Finanzsenator setzte voll auf Pointe: „Machen wir uns nichts vor“, frotzelte er, „ein gemeinsames Bundesland besteht aus Berlin mit angeschlossener Landschaftspflege.“ Als Belohnung für die Provokation lud ein Landespolitiker ihn ein, seine Vorurteile mit der Wirklichkeit abzugleichen. Vor dem Jugendstiltheater in Cottbus blieb der Berliner stehen, wie im Reflex reagierte er auf den Anblick gewohnt überheblich: „Vor dem Krieg war das hier ja eine richtig reiche Stadt.“

Das gerade erschienene „Brandenbuch“ bietet Anekdoten wie diese, in mehr als 65 Texten erzählen die Autoren, wie Mark und Märker wahrgenommen werden und wie sie sich selbst sehen. Die Landeszentrale für politische Bildung hat es herausgegeben. Die Texte sind liebevoll und launig geschrieben, sie belehren nicht, würdigen Land und Leute, klammern aber die kleinen Macken der Märker nicht aus. Das Buch ist aufgebaut wie ein Lexikon, die Einträge von „Aar“, also dem Adler, über „Modern Art“ und „Regionalexpress“ bis zu „Zweitausenddreißig“ streifen so ziemlich jede Lebenswirklichkeit.

Comicartige Abbildungen zeigen einen Mops mit Geweih oder das Duell zwischen märkischem Adler und Berliner Bär. Sparsam illustrierte Grafiken stellen zum Beispiel die Seen in Brandenburg als über 3000 blaue Punkte dar. Auf Fotos haben die Herausgeber, die sich an Einheimische wie auch an Bewohner anderer Bundesländer wenden, verzichtet. Das wirkt spartanisch, aber stylish. Bloß keine Touri-Broschüre sollte das zwei Jahre lang vorbereitete „Brandenbuch“ werden. „Viele Bundesländer haben prächtige Bildbände mit mehr Fotos als Texten“, sagt Katrin Marx von der Landeszentrale für politische Bildung, und ergänzt schmunzelnd, „dass wir die Fotos nicht brauchen. Der Brandenburger nimmt sich, was er braucht“.

Sich kurz zu fassen, ist das wichtigste Prinzip des Märkers

Wie er so tickt, der Brandenburger – das beschreibt die Potsdamerin Antje Rávic Strubel in ihrem Text über den „Homo Brandenburgensis“. Nach dem Lesen stellt man sich eine eigene Evolution vor, dabei wäre der Mensch in der Mark wohl aus einer Heckenschere entstanden. Nichts erscheint Rávic Strubel landestypischer als das Werkeln im Garten. Das verbinde sich mit des Märkers markanter Neigung zu kurzen Sätzen und schnellen Taten. Sie schreibt: „Sich kurz zu fassen, ist eines der wesentlichen Prinzipien eines brandenburgischen Gesprächs. Die Themenvielfalt ist so groß wie überall; worauf es ankommt, ist, sie mit dem kleinstmöglichen Wortaufwand zu bewältigen.“

Jüngere Kapriolen der Landesgeschichte wie der Streit um den weißen Adler, der im neuen Landtag in Potsdam hängen sollte, kommen vor – alte Legenden werden unter die Lupe genommen. Wie war das etwa mit Friedrich II., der angeblich die Kartoffel in Brandenburg eingeführt hat? Tatsächlich bemühte sich der Alte Fritz seit 1748 redlich um den Ruhm der Knolle. Aber der Bürgermeister von Teltow erwiderte den Kartoffelbefehl mit dem Hinweis, dass die königliche Order nicht nötig sei, weil „hiesige Bürger, besonders die Gärtner, dieses neue Erdengewächs aus Peru in America (...) pflanzen, und wenigstens jährlich über sechs Winspel gewinnen“. Auch in der Prignitz und der Mittelmark soll die Kartoffel bereits seit den 1730ern heimisch gewesen sein.

Ein Original aus Brandenburg: der Waldmops

Ganz und gar originär brandenburgisch ist der Waldmops. Geschaffen von Vicco von Bülow alias Loriot ist das flachschnauzige Wesen in seiner Geburtsstadt Brandenburg an der Havel zu bewundern – einen halben Meter hoch, gehörnt und aus Porzellan. Das „Brandenbuch“ zitiert den lustigsten Märker aller Zeiten mit einer Erklärung seines geliebten Geschöpfs und der Abstammung vom Elch: „Der Mops genießt heute einen zweifelhaften Ruf als ringelschwänziges Schoßtier. Das war nicht immer so. Im Laufe des 17. Jahrhunderts hat man sie jedoch rücksichtslos zurückgezüchtet, da sich Vierzehnender im Schoße älterer Damen als hinderlich erwiesen hatten.“

Die Autoren manövrieren sich gekonnt durch den Parcours von Heiterkeiten und weniger humorigen, sogar beschämenden Aspekten der Landesgeschichte. Etwa in dem Eintrag „Nagelprobe“, unter dem programmatisch steht: „Schöner leben ohne Nazis“. Simone Wendler erzählt von rechtsextremen Aufmärschen zum Soldatenfriedhof in Halbe und dem gewachsenen Widerstand gegen die Neonazis. Was sie schreibt, macht Mut und erinnert zugleich an die Feigheit mancher Bürger. 1992 hatten Bewohner eines Dorfs im Kreis Dahme-Spreewald Neo-Nazis dafür bezahlt, ein Asylbewerberheim anzuzünden. Intoleranz und Menschenhass gehören bestimmt nicht zum märkischen Charakter, zumal im Buch viele Beispiele für Zuwanderung und die unterschätzte Internationalität Brandenburgs stehen. Es ist aber ein Verdienst der Autoren, auch Schattenseiten der Landesgeschichte zu beschreiben.

Von Maurice Wojach

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