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Marc-Uwe Kling vergegenwärtigt die Zukunft

Roman Marc-Uwe Kling vergegenwärtigt die Zukunft

Die letzten Tage im Jahr ist Zeit für Einkehr und Bestandsaufnahme. Wohin entwickelt sich die Menschheit? Wie lange dauert es noch, bis Maschinen mehr empfinden können als Menschen? Marc-Uwe Kling hat eine Satire auf die Zukunft geschrieben, die längst begonnen hat.

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Der Schriftsteller Marc-Uwe Kling.

Quelle: Sven Hagolani

Potsdam. Menschen wie Peter Arbeitsloser - so heißt die Hauptfigur in Marc-Uwe Klings phänomenalem Roman „Qualityland“ - fühlen sich im Kapitalismus immer nutzloser. Zusehends erledigen computergesteuerte Maschinen körperliche und geistige Arbeiten. Künstliche Intelligenz (KI) verrichtet schon heute viele Aufgaben schneller und besser als es die menschliche Arbeitskraft vermag. Und die Algorithmen von Google, Amazon und Ebay kennen die Kunden genauer als sie sich selbst.

Erst kürzlich wurde ein erschütternder Fortschritt vermeldet. Forscher haben im Dienste von Google einen Computer entwickelt, der sich Brettspiele wie Go oder Schach selbst beibringt. Die Maschine siegt mit absoluter Sicherheit auch gegen die weltbesten Spieler, obwohl sie nie mit menschlichen Erfahrungsdaten gefüttert wurde.

Das Buch von Marc-Uwe Kling spielt in der unmittelbaren Zukunft. Er hält der digitalen Welt einen dystopischen Spiegel vor, der auch die Gegenwart mit einfängt. Denn Gesichtserkennung, Drohnen, selbstfahrende Autos, Übersetzungs- und Schreibprogramme werden bereits eingesetzt. Die Dynamik der technologischen Entwicklung beschert Konzernen und Krankenversicherungen, dem Militär und dem Überwachungsstaat einen ungeahnten Machtzuwachs.

Marc-Uwe Kling ist von Hause aus ein Witzbold und ein Akteur der Lesebühnen. Mit seinen dialogreichen Känguru-Chroniken, einer von ihm selbst eingelesenen, familienkompatiblen Textsammlung, begeisterte er ein Millionenpublikum. Auf kabarettistische Weise erörterte er darin nicht nur lebenspraktische, sondern auch ideologische und philosophische Fragen. „Qualityland“ ist sein erster Roman. Der apokalyptischen und virtuosen Komödie vorzuhalten, sie sei nicht ganz so witzig, zielt am Kern der Sache vorbei. Marc-Uwe Kling erzählt mit leichter Hand einen skurrilen Plot und seine irrwitzigen Figuren lässt er auch pointensicher sprechen. Nur bleibt dem Leser oft das Lachen im Halse stecken.

Peter lebt in einem durchtechnisierten Land, das nach einem Neustart allen Geschichtsballast abgeworfen hat. Er heißt mit Nachnamen Arbeitsloser, weil sein Vater zum Zeitpunkt seiner Zeugung arbeitslos war. Andere Menschen in Qualityland heißen Bob Vorstand, Melissa Sexarbeiterin, Henryk Ingenieur oder Aisha Flüchtling.

Peter ist von Beruf Maschinenverschrotter. Vom Ansehen her rangiert er in einer 100-Punkte-Skala nur auf Level 10. Dieser Zahlenwert, den der allmächtige Logarithmus German Code errechnet, bestimmt zum Beispiel Peters Wartezeit auf Ämtern. Er sorgt auch dafür, dass jeder Mensch in einer scheinbar perfekten digitalen Blase lebt, in der „nicht nur Suchergebnisse, Werbung, Nachrichten, Filme und Musik personalisiert“ werden. Wenn Peter seinen Durst noch nicht einmal verspürt, schickt ihm TheShop schon eine Drohne mit Bier vorbei und erwartet dafür eine positive Bewertung.

Als ihm eines Tages ein rosafarbener Delfinvibrator zugestellt wird, mit dem er nichts anfangen kann, fühlt sich Peter verkannt. Sein Verdacht: „Weil meine Profile falsch sind, lebe ich in einer falschen Welt.“ Er will es nicht hinnehmen, dass der Amazon-ähnliche Konzern den Fehler nicht eingesteht und sich weigert, den Vibrator zurückzunehmen.

Seinem Feldzug gegen das System schließt sich bald eine illustre Schar liebenswerter Maschinen-Persönlichkeiten mit kleinen Macken an. Um die Wirtschaft anzukurbeln, hat die Regierung ein Reparaturverbot erlassen. Peter brachte es aber nicht übers Herz, den Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung, die Dohne, die unter Flugangst leidet, und den Sexdroiden mit Liebeskummer zu verschrotten.

Das Buch spielt in einer Zeit, in der sich Menschen und Maschinen scheinbar auf Augenhöhe begegnen. Jeder Mensch verfügt über einen stets auskunftsbereiten „digitalen Assistenten“, der die Präferenzen seines Eigentümers kennt und jederzeit entsprechende Empfehlungen ausspricht. Gerade ist Wahlkampf und erstmals tritt als Präsidentschaftskandidat ein Roboter (für die Sozialisten) gegen einen Menschen (für die Konservativen) an. Maschinen haben noch kein Wahlrecht.

Für die Überlegenheit der „Stromfresser“ gegenüber den Menschen führt das Buch viele Beispiele an. Die Computer können parallel an mehreren Dingen arbeiten, sie brauchen keinen Schlaf, kein Essen und leisten sich auch keine sexuellen Eskapaden. Sie sind unbestechlich, absolut exakt und verraten sich bestenfalls „dadurch, dass sie zu freundlich und zu höflich sind“.

Die Dialoge zwischen Androiden und Menschen gehören zu den Höhepunkten in diesem Buch. Die selbstfahrenden Auto sind jeder Unterhaltung gewachsen und bieten im richtigen Moment höflich an, das Humormodul lasse sich auch abstellen. Einem orientierungslosen Auto muss Peter den Weg weisen - plötzlich spricht er selbst wie ein GPS-Gerät und lotst das Auto um ein „Hasso-Plattner-Monument“ herum.

Der 1982 in Stuttgart geborene Kling ist seit vielen Jahren Potsdam eng verbunden. Regelmäßig tritt er in der Potshow im Kulturzentrum Freiland auf, das auch auf seiner Spendenlist steht. Denn wer seine Bücher und CDs nicht bei Amazon bestellt, sondern in seinem eigenen Online-Shop, dem verspricht der bekennende Linke, den „kompletten Gewinn“ engagierten Projekten wie „Pro Asyl“, „NSU-Watch Brandenburg“ oder eben dem Freiland zur Verfügung zu stellen.

Auch wenn Marc-Uwe Kling manchmal mit einem überdeutlichen Zeigefinger schreibt und an manchen Stellen auch ins Kabarettistische abrutscht, sein „Qualityland“ könnte durchaus auch ein internationaler Erfolg werden. In „Qualityland“ sind viele populäre Motive eingeflossen. Sein Held bezieht sich ausdrücklich auf Kleists Rächerfigur Michael Kohlhaas. Die bunte KI-Truppe, die Peter Arbeitsloser um sich scharrt, erinnert an das Märchen „Der Zauber von Oz“. Ebenfalls Pate standen Science-Fiction-Serien und Computerspiele sowie die Klassiker der Zukunftsliteratur „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams „1984“ von George Orwell.

Kling hat für seine Satire eine Form gefunden, die der heranwachsenden Lesergeneration Rechnung trägt. Zwischen den nicht all zu langen Kapiteln in dem stilvoll layouteten Buch befinden sich launige Kommentare, Nachrichten und Werbung. Diese unterscheiden sich, je nachdem, ob sich der Käufer für die freundlich-hellgraue oder die pessimistisch-schwarze Ausgabe entschieden hat. Die Zweiteilung soll auf Personalisierung durch Logarithmen anspielen, bleibt aber natürlich weit hinter den Möglichkeiten der digitalen Welt weit zurück.

info Marc-Uwe Kling: Qualityland. Ullstein, 384 Seiten, 18 Euro.

Von Karim Saab

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