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Kultur Marion Brasch über den Film „Familie Brasch“
Nachrichten Kultur Marion Brasch über den Film „Familie Brasch“
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18:05 12.08.2018
Radiomoderatorin und Schriftstellerin Marion Brasch. Quelle: Holmsohn
Potsdam

Am Donnerstag kommt der Film „Familie Brasch“ ins Kino. Er basiert auf einem autobiografischen Roman von Marion Brasch.

Vor sechs Jahr schrieben Sie über sich und die Familie Brasch das Buch „Ab jetzt ist Ruhe“. Annekatrin Hendel hat mit Ihnen und einigen Zeitzeugen den Dokumentarfilm „Familie Brasch“ gedreht. Ist das ein Neuaufguss oder trägt die Auseinandersetzung mit Ihrer Familie neue Früchte?

Marion Brasch: Ich habe damals einen Familienroman geschrieben – ganz aus meiner subjektiven Sicht. Der Regisseurin ist es gelungen, ein differenziertes Bild dieser Familie und ihrer Zeit zu zeichnen. Es kommen im Film neben Katharina Thalbach und Bettina Wegner auch Menschen zu Wort, die in meinem Roman nicht vorkommen, etwa Christoph Hein, der sowohl meinen Vater wie auch meinen Bruder gekannt hat und davon eindrücklich erzählt. Das gilt auch für Florian Havemann, der ein enger Freund meines Bruders Thomas war.

Würden Sie das Buch heute anders schreiben?

Ich habe damals absichtlich eine subjektive Perspektive gewählt und würde das heute genauso machen. Ich wollte nicht bewerten, wer welche Rolle in meiner Familie gespielt hat. Mein Buch ist nur ein Mosaikstein in einem größeren Bild, das zur DDR gehört. Es gibt auch andere Sichtweisen, sowohl auf diese Familie als auch auf das Land, in dem sie gelebt hat.

Sie waren das Nesthäkchen, 16 Jahre jünger als Ihr Bruder Thomas, der ein berühmter Dichter wurde. Ihnen ist viel erspart geblieben. Ihr Vater, der ein dogmatischer SED-Funktionär war, hat Ihren drei Brüdern das Leben schwer gemacht. Alle kamen auf Droge und gingen den Weg der Selbstzerstörung. Sind Sie froh, in der DDR gelebt zu haben?

Jein. Ich hatte im Gegensatz zu meinen Brüdern eine relativ behütete Kindheit und auch eine ziemlich sorglose Jugend. Es ging mir gut. Nicht, weil ich die Tochter eines Parteifunktionärs war. Mein Vater hat das nie herausgekehrt und auch nicht ausgenutzt. Aber er war autoritär, seine Söhne rebellierten und ich geriet zwischen die Fronten. Harmoniesüchtig wie ich war, passte ich mich an und kam klar.

Eine deutsche Familie

Regisseurin Annekatrin Hendel dokumentiert in dem Film „Familie Brasch“ den Konflikt zwischen dem linientreuen Vater und den eigensinnigen Kindern. Jahreszahlen wie 1938, 1945, 1968, 1976, 1989 prangen groß über den Szenen. Es geht es nicht nur um einen Familienzwist, sondern auch um die Brüche eines Landes. Der Untertitel des Films: „Eine deutsche Geschichte“.

Der Jude Horst Brasch (Jg. 1922) musste 1938 Nazi-Deutschland verlassen. In London wird er zum Kommunisten und lernt Gerda Wenger kennen. Bevor sie nach dem Krieg in die Sowjetische Besatzungszone übersiedeln, wird 1945 Thomas Brasch geboren. In der DDR kommen 1950 Klaus und 1955 Peter Brasch zur Welt. Horst Brasch war ein Jugendfreund von Erich Honecker und starb im Sommer 1989 als Generalsekretär der Liga für Völkerfreuschaft. Er erhielt er das letzte Staatsbegräbnis in der DDR.

Thomas Brasch studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg. 1968 wurde er nach einer Flugblattaktion zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Angeblich hatte ihn sein Vater verraten. Im Westen wurde er nach seiner Ausreise ein viel beachteter Dichter und Autor („Vor den Vätern sterben die Söhne“, 1977). Er war drogenabhängig und starb 2001.

Klaus Brasch wurde Schauspieler. Nach den Dreharbeiten für „Solo Sunny“ (1980) starb er an einer Alkoholvergiftung. Peter Brasch schrieb vor allem Hörspiele, hatte ebenfalls Suchtprobleme und starb 2001.

Marion Brasch, das jüngste der vier Kinder, wurde im März 1961 in Ost-Berlin geboren. Die gelernte Schriftsetzerin arbeitete von 1987 bis 1992 beim Radiosender DT 64. Heute moderiert sie regelmäßig als freiberufliche Mitarbeiterin beim RBB-Rundfunksender Radio Eins. Nach ihrem Familienroman „Ab jetzt ist Ruhe“ (2012) schrieb sie noch weitere literarische Bücher – „Wunderlich fährt nach Norden“ (2014) und „Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot“ (2016).

Der Film, eine Koproduktion von RBB, Südwestfunk und MDR, kommt ab 16. August in die Kino. In Brandenburg wird er zunächst nur im Thalia in Potsdam zu sehen sein. Am 28. August, 20 Uhr, wird Marion Brasch anwesend sein.

Welches Gefühl hegen Sie heute Ihrem Vater gegenüber – Wut, Mitleid, Vergebung?

Verständnis. Ich habe meinen Vater, der im Sommer 1989 starb, gar nicht so richtig gekannt. Das wurde mir klar, als ich anfing, das Buch zu schreiben. Ich habe das Dilemma, in dem er steckte, erst nachträglich begriffen. In dem Dokumentarfilm wird deutlich, was für eine gebrochene Person er war. Er war ein sehr aufrechter, fast religiöser Kommunist. Und auch seine Söhne wollten eigentlich das Gleiche, nur die Söhne wollten es eben anders machen als die Väter. Das ist in der Realität gründlich schief gegangen. Ich bin froh, in dieser Familie gelebt zu haben und ihre Geschichte erzählen zu können. Das waren alle sehr interessante Leute. Ich bin weder wütend noch muss ich jemandem vergeben.

Sie haben selbst eine 25-jährige Tochter. Haben Sie als Mutter einen weiteren Generationenkonflikt durchgemacht?

Ich glaube, Jugendliche haben heute ganz andere Sorgen und Konflikte. Rebellion gegen die Eltern steht da nicht mehr an erster Stelle. Aber ich finde es toll, dass sich meine Tochter auch mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt, obwohl sie nur noch zwei meiner Brüder kennenlernen konnte. Und ich finde es toll, dass Leute ihres Alters jetzt die Texte von Thomas lesen. Texte, die sehr heutig sind, weil sie von Utopien sprechen und sich an Gesellschaft reiben.

Heute ist der 13. August. Was hat dieses Datum aus Ihrer Sicht für die DDR bedeutet?

1961 wurde eine Mauer gebaut, die das Schicksal eines Landes beschieden hat. Das kann man so oder so werten – genauso wie den Mauerfall 28 Jahre später. Mir steht es nicht zu, zu entscheiden, was das bedeutet hat, weil es für jeden etwas anderes bedeutet. Die Mauer hatte natürlich auch für meine Familie und ihr Scheitern in diesem Land eine Bedeutung. Aber nicht ursächlich.

Die Mauer hat auch Ihre Familie zerrissen.

Ja, weil mein Bruder 1976 in den Westen gegangen ist, um arbeiten zu können. Aber ich würde nie sagen, dass meine Brüder an dem Land, an der Mauer oder dem Sozialismus zugrunde gegangen sind. Warum sich Menschen selbst zerstören, kann viele Gründe haben und hatte auch bei meinen Brüdern viele Gründe.

Sie sprechen immer sehr liebevoll vom „Land“.

Von einem Staat kann man nicht liebevoll sprechen, der ist nur ein gesellschaftliches Gefüge. Das Land, in dem man aufwächst, wird zum Staat, wenn man an seine buchstäblichen und ideologischen Grenzen stößt. Den Staat haben meine Brüder zu spüren bekommen, ich weniger. Und trotzdem haben meine Brüder Peter, Thomas und Klaus dieses Land geliebt, es war ihr Zuhause. Sie haben sich an der DDR gerieben, weil sie eine bessere DDR wollten.

Die Mauer, so hieß es offiziell, sollte ein besseres Deutschland ermöglichen. Warum ist diese Idee nicht aufgegangen?

Die Idee, eine sozialistische und demokratische Republik zu schaffen, war gut, ist aber irgendwann verkommen. Vielleicht hatte die Generation, die damit begonnen hat, einfach nicht mehr die Kraft. Vielleicht haben sie deshalb ihrem eigenen Volk nicht mehr getraut. Vielleicht ist der Mensch für den Sozialismus auch ungeeignet.

Sowohl Ihre Mutter wie auch Ihr Vater waren jüdischstämmige Deutsche. Ist Ihnen das für Ihre eigene Identität wichtig?

Nein. Allerdings ist mir schon bewusst, dass ich ein Kind von Leuten bin, die im Exil waren. Das Exil macht etwas mit Menschen. Aber die jüdische Herkunft hat in meiner Familie keine Rolle gespielt. Mein Vater ist mit dem katholischen Glauben groß geworden. Das Judentum hat auch für mich später keine Rolle gespielt. In den 80er Jahren bin ich in Ostberlin auch mal zur jüdischen Gemeinde gegangen und wollte sehen, ob die Stimme des Blutes zu mir spricht. Hat sie nicht. Das war immer so, als würde ich ins Theater gehen. Dabei hatte ich damals durchaus so eine Sehnsucht, anders zu sein als „deutsch“.

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