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18:38 04.12.2018
Fünf Jahre nach dem Absturz der polnischen Regierungsmaschine am 10. April 2015 erinnern Demonstranten in Warschau an den Ex-Präsidenten Lech Kaczyński. Quelle: PAP/dpa
Potsdam

 Um von Brandenburg nach Polen zu gelangen, muss man nur einen Grenzfluss queren. Berlin ist von der Westgrenze Polens gerade einmal 70 Kilometer entfernt. Das Nachbarland ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. Dennoch liegt Polen eigentlich außerhalb des deutschen Horizontes.

Beide Staaten haben sich in den letzten Jahren deutlich voneinander entfernt. Die ultrakonservative PiS-Regierung, die in Warschau seit 2015 über die absolute Mehrheit verfügt, sendet politische Signale, die Deutschland und der Westen kaum nachvollziehen kann. Hat dieses Volk nicht Jahrzehnte von der westlichen Demokratie geträumt, akzeptiert aber jetzt eine Einschränkung der unabhängigen Justiz sowie der Medien- und Versammlungsfreiheit? Sind nicht schon viele Millionen Polen als Flüchtlinge anderswo in der Welt aufgenommen worden und nun verweigert ihr Mutterland eine vorübergehende Aufnahme von Kriegsflüchtlingen? Die Polen geben viele Widersprüche auf.

Wirtschaftlicher Aufschwung geschafft

Wie hat das Nachbarvolk den wirtschaftlichen Aufschwung ohne milliardenschwere Transferzahlungen von außen geschafft? Sind die Polen wirklich faul (wie in der DDR gern behauptet wurde) oder bienenfleißig (wie es im Westen hieß, wenn Erntehelfer gesucht wurden)? Wie ticken die Polen?

Zwei aktuelle Bücher möchten dem deutschen Leser diese schwierige Frage beantworten. Beide Autoren sind in Polen gebürtig. Die in München lebende Publizistin Marta Kijowska schrieb den Aufsatzband „Was ist mit den Polen los?“. Der in Warschau akkreditierte FAZ-Auslandskorrespondent Gerhard Gnauck verfasste das Handbuch „Polen verstehen: Geschichte, Politik, Gesellschaft“.

123 Jahre nicht auf der Landkarte Europas

„Zwar ist die Situation in Polen zum Teil auch ein Abbild der antidemokratischen und populistischen Tendenzen, die in ganz Europa, von den Niederlanden bis Italien, zugenommen haben, doch nirgendwo sonst haben sie eine Partei hervorgebracht, die einen politischen Kurswechsel bewirkt, der einer 180-Grad-Drehung gleicht“, stellt Marta Kijowska fest. In neun Kapiteln arbeitet sie polnische Besonderheiten heraus, um sie mit kulturellen und historischen Erfahrungen zu untersetzen.

Polen war 123 Jahre – von 1795 bis 1918 – von der europäischen Landkarte verschwunden. Die Autorin verweist auf den 2007 verstorbenen Reiseschriftsteller Ryszard Kapuściński, der seinen Landsleuten ein „schwach ausgeprägtes Staatsdenken“ und „eine Kultur der Eigenbrötlerei“ attestierte.

Aggressive Schuldzuweisungen

Von der gegenwärtigen Niveaulosigkeit des innerpolnischen Gezänks ist Marta Kijowska peinlich berührt. Durch Unsachlichkeiten, infame Unterstellungen und aggressive Schuldzuweisungen scheint der politische Diskurs völlig vergiftet zu sein. Aus ihrer Verachtung für die Kaczyński-Zwillinge macht sie keinen Hehl. Nachdem Präsident Lech Kaczyński mit 100 weiteren Regierungsvertretern bei einem Flugzeugabsturz 2010 den Tod fand, goss Jarosław Kaczyński noch einmal Öl ins Feuer. „Wischt euch eure Verräterfressen nicht mit dem Namen meines Bruders ab, ihr habt versucht, ihn kaputtzumachen, ihr habt ihn ermordet!“, ließ er seine politischen Gegner wissen, die nicht wollten, dass Lech in der königlichen Krypta in Krakau beigesetzt wird.

Für patriotische Polen besteht die Geschichte „abwechselnd aus Heldentaten und edlem Leiden“, schreibt die Autorin. Die polnischen Romantiker schwärmten von einer „christlichen Sendung des polnischen Volkes, der Notwendigkeit seines Todes und seiner Wiedergeburt“. Deshalb drang die PiS-Regierung auch auf eine „dubiose Verschwörungstheorie“, um Lech Kaczyński tragischen Unfall-Tod mythisch zu verklären.

Katyn und Warschauer Aufstand

Aus der Opfer-Rolle beziehen die Polen einen Teil ihrer Identität, mutmaßt Kijowska. Wie sehr die Existenz des Volkes durch die übermächtigen Russen und Deutschen in Frage gestellt wurde, zeigte sich im Zweiten Weltkrieg. Massenerschießungen 1940 durch Stalins Rote Armee bei Katyn, einem Dorf bei Smolenks, dienten der systematischen Ausrottung der polnischen Mittel- und Oberschicht. Nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 starben allein 200 000 Menschen durch deutschen Nazi-Terror. Ob es klug war, diesen Aufstand zu wagen, diese Fragen stellen sich heute offenbar auch einige Polen. Ebenfalls steht eine Forderung nach 850 Milliarden Euro Kriegsentschädigung im Raum, die Jarosław Kaczyński von Deutschland erhofft.

Das über Polen verhängte Kriegsrecht 1983 war ein weiteres nationales Trauma. Doch eigentlich entwickelte sich die grandiose Solidarność-Bewegung schon wenige Jahre später wider alle geopolitische Vernunft zu einer Erfolgsgeschichte.

Umgang mit Juden und Ukrainern ist Thema

Marta Kijowska weiß stets mit Verweisen auf polnische Gegenwartsliteratur oder Kinofilme zu glänzen. Sie greift auch die blinden Flecken der polnischen Selbstwahrnehmung auf, thematisiert den polnischen Antisemitismus und den Umgang mit den Ukrainern. Einige Fragen bleiben offen: Wie konnte es der Kommunistischen Partei Polens gelingen, das katholische Volk zu beherrschen? Wie lässt sich die tiefe Frömmigkeit der Polen erklären?

Immerhin erzählt die Autorin, dass die polnische Caritas bereit ist, syrische Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Und sie erwähnt auch viele Initiativen der Zivilgesellschaft, die sich gegen die ultrakonservative und nationalistische Politik richten. Während Marta Kijowska an einen Machtwechsel in Polen im Wahljahr 2019 glaubt, meint ihr Kollege Gerhard Gnauck, dass die Politik der PiS-Partei gerade unter jungen Leuten an Rückhalt gewinnt.

Marta Kijowska: Was ist mit den Polen los? Porträt einer widersprüchlichen Nation. dtv, 208 Seiten, 16,90 Euro.

Gerhard Gnauck: Polen verstehen. Geschichte, Politik, Gesellschaft. Klett-Cotta, 320 Seiten, 9,95 Euro.

Von Karim Saab

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