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Martin Walser und Monika Grütters liefern sich Grundsatzdiskussion

Literaturfestival eröffnet Martin Walser und Monika Grütters liefern sich Grundsatzdiskussion

Der 88-jährige Schriftsteller Martin Walser eröffnete in Potsdam das Literaturfestival LIT:potsdam. Der Sommerabend auf dem Hochufer der Havel hätte nicht lauschiger sein können. Doch die rechte Harmonie wollte sich nicht einstellen, als die CDU-Politikerin Monika Grütters von Walser dafür gelobt werden wollte, dass sie kritische Schriftsteller mag.

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Staatsministerin Monika Grütters und Autor Martin Walser.

Quelle: Foto: dpa

Potsdam. Es gibt zwei Stereotypen, mit denen das Urteilsvermögen von Greisen gern in Frage gestellt wird. Manchmal ist vom „Zorn der alten Männer“ die Rede, dann wieder von „Altersmilde“. Martin Walser ist mittlerweile 88 Jahre alt und unverdrossen auf Achse. Er verlässt recht häufig sein Domizil am Bodensee, das ebenso auf einem Hochufer gelegen ist wie die Villa Jacobs über der Havel in Potsdam. Hier eröffnete der Großschriftsteller gestern das Potsdamer Literaturfestival LIT:potsdam. In den privaten Landschaftspark pilgerten in der Abendhitze etwa 300 Menschen.

War Martin Walser nicht bereits ein wütender alter Mann, als er 2002 mit dem Roman „Tod eines Kritikers“ einen deftigen Literaturskandal vom Zaune brach? Und wie ernst wurde er von den Jüngeren noch genommen, als er 1998 die Paulskirchen-Rede hielt, in der davor warnte, den Holocaust als „Moralkeule“ zu instrumentalisieren. Davon hat sich Walser in den letzten Monaten distanziert. Ist er vielleicht altersmilde geworden?

Nach einem Reigen von Begrüßungsreden betritt der Mann mit den buschigen Augenbrauen mit leicht tastenden Gesten das Podium. Überraschenderweise liest er etwas mehr als eine halbe Stunde nicht im Sitzen, sondern im Stehen. Auf dem Pult vor ihm liegen seine gerade publizierten Tagebücher aus den Jahren 1979 bis 1981. Seine Sprachmelodie schraubt sich sofort auf das für ihn typische Energielevel und entfaltet eine magische Kraft. Launig berichten seine Eintragungen von einer Reise in die DDR zur Leipziger Buchmesse, wo er mit SED-Kulturpolitikern diskutiert, die ihn davon abhalten wollen, den verfolgten Schriftsteller Gert Neumann zu treffen und von der journalistischen Qualität des Neuen Deutschlands schwärmen. Launig erzählt er auch von Schriftstellerbegegnungen mit Bundespräsident Karl Carstens und Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Alle Schilderungen sind Steilvorlagen für das anschließende Gespräch mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Journalistin Thea Dorn. Als die CDU- Politikerin von Autoren schwärmt, die kritisch sind und „beißen“, wehrt Walser entschieden ab. Er halte das „für eine komische Routine“ und „für ein verlogenes Gebot“. Der Schriftsteller steht mitten in der Gesellschaft und nicht in kritischer Distanz zu ihr. Und plötzlich kommt bei Walser eine alte Empörung hoch, als er sich an den Vietnamkrieg der USA erinnert. „Ich habe gesagt, das ist Mord.“ Aber zum Beispiel Willy Brandt habe sich 1965 „gedrückt, die Mörderei in Vietnam zu verhindern. Von da an war die SPD für mich nicht mehr wählbar.“ Und sein Eintreten für die deutsche Einheit habe ihm wiederum die Linke verübelt.

„Sie sind für uns eben alles gewesen: Reaktionär, Avantgarde, Chauvinist, Kommunist“, erwidert Monika Grütters. „Aber ich habe mich nie geändert, basta!“, reagiert Martin Walser. Seine Stimme klingt so frisch und kräftig, dass man sein hohes Alter gar nicht heraushört.

Von Karim Saab

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