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Maul halten und spielen: prekäre Lage am HOT

Potsdam Maul halten und spielen: prekäre Lage am HOT

Weinende Schauspieler, ein brüllender Intendant – die Schauspieler des Potsdamer Hans-Otto-Theaters arbeiten in Verhältnissen, die Angst machen. Ein Schauspieler wurde entlassen, nachdem er einen Brandbrief übergeben hatte. Stammkräfte und Leistungsträger verlassen das Theater. Die MAZ analysiert die prekäre Lage am Theater.

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Das Hans-Otto--Theater in Potsdam.

Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. Im Theater-Neubau in Potsdam ging vor zehn Jahren zum ersten Mal der Bühnenvorhang hoch. Bei einem Festakt am Freitag wird Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) dafür noch einmal lobende Worte finden und sicher auch die ein oder andere nette Anekdote beisteuern. Die raffinierte rote Dachkonstruktion ist aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Potsdam ist um ein Wahrzeichen reicher. Die Zuschauer haben sich daran gewöhnt, dass es zu wenige Toiletten gibt. Und die akustischen Probleme wurden durch zusätzliche Baumaßnahmen abgeschwächt. Alles bestens?

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Das Haus mit den 160 Mitarbeitern und einem 25-köpfige Ensemble ist für die Landeshauptstadt ein wichtiger Standortfaktor und ein zentrales Aushängeschild. Und weil die Stadt das HOT jährlich mit fast zwölf Millionen Euro bezuschusst - eine Spitzensumme, die gerade in der Kulturszene viel Neid weckt - ist das Hans-Otto-Theater dazu verdammt, erfolgreich zu sein.

Intendant Wellemeyer übernahm vor sieben Jahren

Doch wann ist ein Stadttheater erfolgreich? Wenn seine Inszenierungen Stadtgespräch werden? Wenn es die lokalen Themen aufgreift? Wenn die Zuschauerränge nicht nur in der Premiere dicht gefüllt sind? Wenn die Kritiker jubeln? Wenn einzelne Aufführungen auch in Berlin und anderswo Beachtung finden?

Die Bilanz könnte in allen Punkten sicherlich rosiger ausfallen. Doch wie lässt sich ein Theaterbetrieb optimieren? Gibt es strukturelle Ursachen für einzelne Unzulänglichkeiten? Würde ein anderer Intendant größere Erfolge einfahren?

Tobias Wellemeyer (55) übernahm vor sieben Jahren das Ruder. Das bedeutete für die Besucher und für die Mehrzahl der festen Mitarbeiter am Haus eine große Umstellung. Das Intendanten-Prinzip bringt es mit sich, dass die Chefpersönlichkeit einem Haus den Stempel aufdrückt.

Tobias Wellemeyer

Tobias Wellemeyer

Quelle: dpa-Zentralbild

Wellemeyer brachte zu zwei Dritteln sein künstlerisches Personal mit, eine eingeschworene Truppe, die vorher acht Jahre lang die Magdeburger Häuser bespielte. Wellemeyer setzte mit Nachdruck auf dieses Ensemble. Damit setzte er sich von der Philosophie seines Vorgängers Uwe Eric Laufenberg ab, der so manche Hauptrolle mit eingekauften Fernsehstars besetzte.

Mit Wellemeyer hielt ein harter und ernster Ton am Potsdamer Hans-Otto-Theater Einzug. In seinem Auftreten wirkt der schwerblütige Sachse oft gehemmt und in sich versunken. Seiner Chefdramaturgin Ute Scharfenberg steht stets eine akademische Strenge ins Gesicht geschrieben. Sie betont immer wieder, das Ensemble stehe für „relevantes Theater“. Um diesen abstrakten Anspruch zu untermauern, zitiert Wellemeyer gern den Hamburger Soziologen Heinz Bude, der in Büchern wie „Gesellschaft der Angst“ die Furcht der Menschen vor Versagen und sozialem Abstieg schildert. Ob Intimbeziehung, Kleinfamilie oder Arbeitswelt, überall lauern in diesem Weltbild angestaute Wut, stille Verbitterung und apokalyptische Abgründe.

Viele Potsdamer Kultureinrichtungen beklagen fehlende Offenheit am HOT

Wellemeyer, von Hause aus Regisseur, ist kein Mensch, der die Welt gern umarmt. Viele andere Kultureinrichtungen in Potsdam beklagen eine fehlende Offenheit des Theaters, die mangelnde Kooperationsbereitschaft gerade am Kulturstandort Schiffbauergasse. Im Zeitalter der Vernetzung ist das für alle Beteiligten ein Handicap.

Nun wäre es sicher ungerecht, der Intendanz Wellemeyer nicht auch künstlerische Erfolge zu bescheinigen. Er selbst konnte als Regisseur mit Inszenierungen wie „Der Turm“, „Vom Wasser“ und „Auferstehung“ durchaus punkten.

Aber als Intendant geht Tobias Wellemeyer wenig strukturiert zu Werke. In der vorletzten Spielzeit wuchs deshalb der Unmut sogar in seinem Allerheiligsten, im Schauspiel-Ensemble. Vorausgegangen war eine desaströse Premiere der „Komödie der Verführung“ von Arthur Schnitzler. Der MAZ-Rezensent wusste damals nichts von den Zerwürfnissen hinter den Kulissen, schrieb aber über die Premiere: „Der Kraftakt erfordert 15 Schauspieler, die bei der Premiere durch die Bank ziemlich unglücklich wirkten. Uninspirierter und langweiliger hätte die Regiearbeit ihres Chefs kaum ausfallen können.“

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Ensemble-Sprecher wird nach kritischem Brief freigestellt

In der Nachbereitung setzten die Schauspieler einen Brief an die Leitung des Hauses auf, an dessen Sätzen sie lange gemeinsam feilten. Am Ende unterschreiben ihn 17 Kollegen. In dem Schreiben, das erst jetzt bekannt wurde, heißt es: „Wir haben eine ensembleinterne Umfrage gestartet, in der jeder Schauspieler seine Kritik und seine Wünsche in einer produktiven Form in wenigen Sätzen zusammenfassen sollte.“ Die Schauspieler beklagten, dass sie „wenig in die Entscheidungen und Planungen eingebunden und nur sehr lückenhaft über diese informiert“ werden. „Übergeordnete Ziele, Perspektiven, Visionen, wo wir als Theater hin wollen, wie unser Profil aussehen soll, werden uns gegenüber selten kommuniziert.“ Sie formulierten die Bitte, künftige Spielpläne nicht aus der Presse erfahren zu müssen, wenigstens einmal im Jahr über „die inhaltliche und thematische Ausrichtung des Theaters“ Gesprächsrunden abzuhalten und Besetzungspläne zeitiger bekannt zu geben.

Wenige Wochen später wurde dem Überbringer der internen Kritik, dem gewählten Ensemble-Sprecher Axel Sichrovsky, von Intendant Wellemeyer mitgeteilt, dass sein Anstellungsverhältnis beendet wird.

Einige Schauspieler weinten nach dem Gespräch mit Wellemeyer

In beinah jedem Betrieb werden Mitarbeiter manchmal das Gefühl haben, von der Leitung übergangen zu werden. Skandalös und menschlich enttäuschend in diesem Fall ist aber die Reaktion des Intendanten. Aus mehreren Quellen hat die MAZ erfahren, dass Wellemeyer gebrüllt und getobt habe. Statt eine Versammlung einzuberufen, wurden einzelne Schauspieler zu Einzelgesprächen zitiert. Einige verließen das Chefzimmer weinend. Indirekt wurde ihnen mit Kündigung gedroht mit Sätzen wie „Wir müssen mal über Deinen Vertrag reden“.

Der ehemalige Ensemble-Sprecher Alex Sichrovsky

Der ehemalige Ensemble-Sprecher Alex Sichrovsky.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Zwei Jahre zuvor war es schon einmal zu einem innerbetrieblichen Machtkampf gekommen. Der alte Betriebsrat wurde ausgehebelt (trat zurück) und ein neuer wurde gewählt, der dem Intendanten weniger kritisch gegenübersteht.

In dem Ensemblebrief heißt es weiter: „Auf unseren Bühnen setzen wir uns Abend für Abend für Werte wie Offenheit, Verständnis, Einfühlungsvermögen, Toleranz, Transparenz, Achtung vor dem Nächsten, und immer und immer wieder für Kommunikation, Austausch, Dialog, für eine ehrliche, offene Auseinandersetzung und eine respektvolle, demokratische Diskussionskultur ein... Innerbetrieblich sind dies aber genau die Qualitäten, welche wir am meisten vermissen.“

Stammkräfte und Leistungsträger verlassen das Theater

Für zwei Belange macht sich Wellemeyer gern in der Öffentlichkeit stark: für eine angstfreie Gesellschaft und für ein starkes Ensemble. Sein Leitungsstil spricht aber eine gegenteilige Sprache. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich Stammkräfte und Leistungsträger aus dem Ensemble wegorientieren. Nach dem Ausscheiden von Elzemarieke de Vos, Holger Bülow und Alexander Finkenwirth werden zum Ende der aktuellen Spielzeit Melanie Straub und Wolfgang Vogler Potsdam den Rücken kehren.

Festanstellungen an einem Stadttheater sind unter Schauspielern begehrt. Sie ermöglichen es, an einem Ort zu wohnen, zu arbeiten und vielleicht sogar eine Familie zu gründen. Doch betrachtet man ihr Arbeitsverhältnis genauer, stehen sie nicht besser da als andere prekär Beschäftigte. Der Intendant hat Jahr für Jahr die Macht, den Vertrag eines Ensemble-Schauspielers auslaufen zu lassen. Wellemeyer musste dem Schauspieler Sichrovsky nicht einmal kündigen. Er musste nur „künstlerische Gründe“ geltend machen. Zwei Ensemble-Sprecher, die Sichrovsky 2015/16 in diesem Amt folgten, sprachen aber deutlich aus, dass die Mehrheit des Ensembles von einem direkten Zusammenhang zwischen dem kritischen Brief und der Entlassung ausgeht. Ein geflügeltes Wellemeyer-Wort machte die Runde, lässt ein Kollege von Sichrovsky blicken. Den Mao-Satz „Bestrafe einen, erziehe hunderte“ lässt Wellemeyer gern in seinen Proben fallen.

Kommt ein neuer Intendant wird oft das Ensemble gewechselt

Die Schauspieler sind in einem besonders starken Maße abhängig. Und so erklärt sich auch ihre Angst und ihre Wagenburgmentalität, wenn man sie auf die Vorgänge anspricht. Sie können sich Zivilcourage und Solidarität nicht leisten, wenn sie dadurch in Widerspruch zur Hausleitung geraten.

In der moralischen Anstalt Stadttheater geht es sogar noch verflixter zu. Arbeitet ein Schauspieler nicht gern unter einem Intendanten, ist er dennoch auf Gedeih und Verderb an ihn gebunden. Lässt Oberbürgermeister Jakobs nämlich den Vertrag mit dem Intendanten auslaufen, verliert auch der Schauspieler seine Anstellung. Der nächste Intendant wechselt in der Regel das Ensemble komplett durch und die Machtspiele im Stadttheater beginnen von vorn.

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Wellemeyer hat es nicht geschafft, dass Interesse des Publikums zu steigern

Am Hans-Otto-Theater sorgt eine ganze Riege von Gastregisseuren dafür, dass mehreren Milieus in der Stadt etwas geboten wird. Gastregisseuren, die heute hier und morgen dort inszenieren, fällt es schwer, präzise auf einen Ort einzugehen. Sie stehen für ein Allerwelttheater. Dabei liegen in Potsdam so viele konkrete Geschichten und Motive auf der Straße. Die Erbteile Preußens, der Nazis und der DDR reichen bis in die Gegenwart. Die Impulse in Richtung einer Stadt, die sich neu aufstellt, blieben blass.

Insgesamt ist es dem Intendanten nicht gelungen, das Publikumsinteresse zu steigern. In den letzten Jahren besuchten im Schnitt 56.000 Menschen das Neue Theater, dafür waren aber oft auch mehr Vorstellungen nötig. Wellemeyer hat es kaum noch versucht, sich ein Publikum für sein sozial-ästhetisches Programm heranzuziehen. Sein ureigentliches Anliegen, die höllenhafte Seite der Ehe, der Familie, der Kleinstadt und der feinen Gesellschaft auf der Bühne darzustellen, blieb auf der Strecke. So unterließ es Wellemeyer tunlichst, die Potsdamer mit seiner Lieblingsdramatikerin Dea Loher zu behelligen. Deren erschütternden Schicksalsstücke sind allein schon durch ihren Pessimismus ein Affront und könnten ihm auch als intellektuelle Überforderung ausgelegt werden.

Es bleibt immer erkennbar, wann dieses Haus nach der Quote schielt und Risiken scheut

Nach einem humorfreien Start, der Wellemeyer nach der ersten Saison angekreidet wurde, setzte der Intendant regelmäßig Unterhaltungsstücke auf den Spielplan. Doch Leichtigkeit auf der Bühne fällt diesem Ensemble schwer. Es bleibt immer erkennbar, wann dieses Haus nach der Quote schielt und Risiken scheut. Geht‘s um Amüsement, bleibt es oft platt, wird dagegen trockenere Kost geboten, bleibt die Provokation in der Regel auch aus.

Mit eingängigen Bestseller-Stücken wie „Geächtet“, „Kunst“, „Frau Müller muss weg“ oder „Terror“ will Wellemeyer nichts falsch machen, sie machen das HOT aber verwechselbar. Für aktualisierende Ausdeutung klassischer Repertoirestücke ist der Intendant derzeit nicht zu haben. Nur ein altbewährter Text steht auf dem aktuellen Spielplan. Aber auch hier beweist Wellemeyer kein originelles Händchen. Denn den „Nathan der Weise“ mit Flüchtlingen auf die Bühne zu bringen, das hat dem großen Stadttheater schon das kleine Potsdamer Privattheater „Poetenpack“ vorgemacht.

Vielleicht sind 465 Plätze einfach zu viele

Es ist sicher nicht einfach, in Potsdam am Kulturstandort Schiffbauergasse vor den Toren der Kulturmetropole Berlin einen Theaterneubau erfolgreich zu betreiben. Zumal es schon grandioser Schauspielkunst bedarf, um in dem Saal eine Atmosphäre der Nähe und Intimität herzustellen. Vielleicht sind 465 Plätze einfach zu viele. Vielleicht fehlt es dem gegenwärtigen Stadttheater auch an Integrität. Vielleicht ist die Bühnenkunst zu sehr in Routine erstarrt. Vielleicht ist auch das Pensum zu groß, dass sich die Mitglieder des Hans-Otto-Theaters zumuten. Denn dass sie hart arbeiten, steht nicht in Frage. Vielleicht hat sich auch Tobias Wellemeyer „auserzählt“. Mit dieser Begründung war er nach acht Jahren Magdeburg nach Potsdam gezogen, wo er nun schon sieben Jahre im Amt ist.

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Von Karim Saab

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