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Kultur Medizinerinnen in Haft
Nachrichten Kultur Medizinerinnen in Haft
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00:17 31.03.2016
Nach der Befreiung. Quelle: Foto: Museum
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Berlin

Die Soldaten der Wehrmacht blicken wie Hunde, die nicht wissen, ob sie schnuppern oder beißen sollen. Sie stehen im Kreis um eine gefangen genommene Soldatin der Roten Armee. Die Deutschen sehen aus, als würden sie im Kopf nach einer Gebrauchsanweisung für den Umgang mit weiblichen Gegnern suchen. Das Erstaunen der Soldaten schlug in vielen Fällen in Misshandlung und Mord um. Deutsche Hetzpropagandisten warnten vorm „russischen Flintenweib“, das besonders fanatisiert und gefährlich sei.

Die Aufnahme aus dem Sommer 1941 ist in einer neuen Ausstellung des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst zu sehen. Zu entdecken gibt es einen blinden Fleck der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs: die Rolle der in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen Rotarmistinnen. Im Fokus stehen sowjetische Militärmedizinerinnen, die im KZ Ravensbrück inhaftiert waren. Nach Kriegsende begegneten die aus deutscher Gefangenschaft befreiten Rotarmistinnen in der Heimat pauschalen Verdächtigungen, mit dem Feind kollaboriert zu haben. Die erlittene Kriegsgefangenschaft war dagegen kaum ein Thema – und das blieb Jahrzehnte so. Umso wichtiger, dass die von der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und dem Deutsch-Russischen Museum konzipierte Ausstellung den Schicksalen der Frauen nachgeht.

Von den 34 Millionen im Zweiten Weltkrieg mobilisierten Rotarmisten war eine Million weiblich. Es existierten Fliegerregimenter und Scharfschützenkompanien, die nur aus Frauen bestanden. Die Ausstellung illustriert ihre Rolle mit Urkunden geehrter Soldatinnen und einem sowjetischen Propagandaplakat, das eine Szene wie aus einem Spaghetti-Westen zeigt. Eine Frau vom medizinischen Personal hält einen Verwundeten im linken Arm und feuert mit der Pistole in der rechten Hand auf den Feind. Das wirkt heldenhaft, Antonina Kotljarowa erinnert sich an die tatsächlichen Gefühle beim Einsatz: „Nachdem ich den ersten Fritzen getötet hatte, kehrte ich zurück, an diesem und auch an dem folgenden Tag konnte ich weder essen noch trinken.“ Nach dem zweiten Toten sei es genauso schrecklich gewesen.

Von den Rotarmistinnen in Kriegsgefangenschaft mussten etwa 800 in das KZ Ravensbrück. 500 davon kamen Ende Februar 1943, sie wirkten auf die anderen Häftlinge eingeschworen und willensstark. Die meisten von ihnen waren Militärmedizinerinnen, die bei den Kämpfen um Sewastopol (Halbinsel Krim) in Kriegsgefangenschaft geraten und in einem Sammellager auf Funkerinnen, Artilleristinnen und andere Rotarmistinnen trafen.

Die 500 Frauen weigerten sich, als Zwangsarbeiterinnen die Rüstungsindustrie zu unterstützen. Deshalb lieferte die SS sie in Ravensbrück ein. Die Zeichnung einer anderen Gefangenen zeigt Rotarmistinnen, wie sie die tonnengroßen Suppenbehälter über das Gelände schleppen. Der Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Insa Eschebach, fällt auf, dass die Rotarmistinnen in dem KZ sehr präsent waren. „Einige haben sich in die Erinnerung eingeschrieben, weil sie im Krankenrevier sehr hilfreich gewesen sind, was Mithäftlinge angeht.“

Nach der Befreiung arbeiteten manche Militärmedizinerinnen noch monatelang, um andere Überlebende zu versorgen. In Ravensbrück entstand ein Repatriierungslager. Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge wurden in solchen Einrichtungen dahingehend überprüft, ob sie mit dem Feind kollaboriert hatten. Kaum einer wurde das nachgewiesen, trotzdem durften einige jahrelang nicht im erlernten Beruf arbeiten.

Jewgenija Klemm traf es besonders schwer. Die Pädagogin war von Odessa aus freiwillig als Krankenschwester an die Front gegangen, in Kriegsgefangenschaft geraten und hatte sich als Wortführerin der Gefangenengruppe der Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie verweigert. Sie gab ihren Mithäftlingen in Ravensbrück heimlich Schulunterricht. Aber als sie zurückkehrte, galt auch ihr der übliche Kollaborationsverdacht. Sie durfte nicht mehr als Dozentin arbeiten. Ihre Entlassung ertrug sie nicht, sie nahm sich das Leben.

Von Maurice Wojach

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