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„Mein Pferd ist mein Therapeut“

Schauspielerin Nadeshda Brennicke im MAZ-Porträt „Mein Pferd ist mein Therapeut“

Schauspielerin Nadeshda Brennicke wohnt zurückgezogen auf dem Land. Sie teilt sich einen Bauernhof mit ihrem Sohn und vor allem vielen Tieren. In der MAZ erzählt die 42-Jährige, die ihr Schauspiel-Debüt in „Manta, Manta“ feierte, was sie an der Abgeschiedenheit schätzt und so ein Klischee nach dem anderen sprengt.

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Schauspielerin Nadeshda Brennicke schätzt das Leben auf dem Land.

Quelle: Maddalena Arosio

Oderbruch. Wer mit Nadeshda Brennicke zusammenwohnen will, muss nicht schön sein. Die Katze Baba, eine Mischlingssiamesin, hat’s auch mit halbem Schwanz geschafft, auf ihrem Bauernhof im Oderbruch einzuziehen. „Ich wollte das hässliche Tier“, sagt die Schauspielerin und geht an der sich räkelnden Katze in schnellen Schritten vorbei zur Scheune. Mal sehen, ob ihr Sohn die Türen vernünftig gestrichen hat – „oder, ob ich ihn ausschimpfen muss“.

Zur Person

Nadeshda Brennicke wurde am 21. April 1973 in Freiburg geboren.


Kino-Karriere: Mit 18 Jahren wurde sie von Söhnke Wortmann entdeckt und spielte die Tina in „Manta – der Film“. 1994 besetzte Christian Petzold sie für die Hauptrolle in „Pilotinnen“. Es folgten „Kanak Attack“ (2001), „Tattoo“ (2002), „Antikörper“ (2005). Für ihre Rolle in „Banklady“ (2013) erhielt sie beim Chicago International Film Festival den Preis als beste Schauspielerin.

TV-Karriere in Serien wie „Kommissar Rex“, „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Für ihre Rolle in „Das Phantom“ gewann sie den Adolf-Grimme-Preis.

Zackig geht’s zu bei Brennickes. Auch wenn dem Sohnemann nicht wirklich eine Standpauke droht: Nadeshda Brennicke mag’s lieber rau als glatt. Im Fernsehen spielte sie eine Hauptrolle im preisgekrönten Politthriller „Das Phantom“ (2000) oder eine Karrierefrau auf High Heels in dem Sat1-Film „Frauenherzen“ (2014), den der Sender wegen des großen Erfolgs zurzeit als Serie drehen lässt. Dazwischen Rollen als verführerische Affäre oder harmloses Blondchen, die ihr selbst zu klischeehaft gezeichnet waren. Fast ungeschminkt, in Jeans, Turnschuhen und einem grauen, löchrigen Pulli sagt sie Sätze wie diesen: „Ich lebe nicht gerne in oberflächlichen Territorien.“

In Nadeshda Brennickes Territorium leben orientalische Katzen, arabische Pferde und eine deutsche Dogge. Im Gemäuer eines Stalls haben sich Wildbienen eingenistet, um den abgeschieden gelegenen Hof herum singen nachts die Nachtigallen so laut, dass es einen kaum schlafen lässt. Das ist der natürliche Lebensraum der 42-jährigen Schauspielerin – dazu kommt noch ein Zweibeiner: ihr 18-jähriger Sohn, der gerade das Abitur macht und bald aus dem Haus sein wird. Mag sie keine Menschen? Was ist mit der Nadeshda, die ab und zu bei der Fashionweek in Berlin auftaucht? Was mit der, die in „Gala“ und „Bunte“ steht und die von Journalisten die peinlicherweise nett gemeinte Bezeichnung „deutsche Angelina Jolie“ erhielt? Diese Nadeshda scheint unterwegs zu sein, stattdessen setzt sich eine Frau Brennicke auf einen Holzstuhl im Garten, zündet sich eine Zigarette an und sprengt ein Klischee nach dem nächsten.

Mädelscliquen habe sie immer „grauenvoll“ gefunden. Nadeshda Brennicke hat’s nicht so mit Menschen, die ihr in Massen begegnen, sie beginnt ihre Sätze nie mit „Man“, meist mit „Sie“, ab und zu mit „Ich“. „Ich bin schon auf Klassenfahrt immer mit der Schülerin, die angeblich stank, in einem Zimmer gelandet“, sagt der „Frauenherzen“-Serienstar - „weil sonst keiner wollte.“ Die kleine Nadeshda fantasierte, erschuf sich Traumwelten, hielt sich von Gruppen fern. Blickte sie auf andere Außenseiter, faszinierte sie herauszufinden, warum die so sind. Schauspielerische Neugier, noch vorm ersten Film.

Ihre Debütrolle in „Manta – der Film“ (1991) entpuppt sich als Klette, die Jahre an ihr kleben bleibt. „Ich habe als Friseurin Tina meine Karriere begonnen, festgelegter kann man gar nicht sein“, sagt Nadeshda Brennicke. Wohlwissend, dass sie es später vermag, Klischees zu brechen, Schönheiten als einsam und Diven vom Triumph bis in den Sturzflug Charakter zu verleihen. Wer ihre Filmografie durchstöbert, entdeckt Anfang der 2000er-Jahren viele solcher Glanzrollen, etwa in „Hotte im Paradies“ (Regie: Dominik Graf) und im Polizeiruf 110 („Silikon Walli“, 2002) als einsames Busenwunder, das oben rum immer größer werden will. In Berichten über ihre Arbeit stehen Sätze wie dieser: „Die Schauspielerin sieht nicht nur toll aus, sie spielt auch überzeugend.“ Es klingt wie das gutgemeinte Lob für einen Behindertensportler, der trotz Beinprothese sprinten kann.

Weiter unten in der Liste folgt Mitte der 2000er-Jahre eine Reihe von Filmen für den Broterwerb. Meist seichte TV-Komödien, denen sie heute wieder emanzipiertere Charakteren entgegenstellt, etwa als die erste deutsche Bankräuberin Gisela Werler in „Banklady“ (2013). Nicht nachzulesen sind die abgelehnten Rollen. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele mit dem Popo wackelnde Sekretärinnen mir in meinem Leben angeboten wurden.“

Ein Schelm, der den Frust über das Schubladendenken deutscher TV-Macher mit Brennickes Entschluss, aufs Land zu ziehen, in Verbindung bringt. Nadeshda Brennicke fühlte sich als Farbklecks ihrer Filme. Sie machte das Spielchen mit – heute, sagt sie, recke sie den Mechanismen der Branche „einen internen Stinkefinger“ entgegen, indem sie simpel gezeichnete Figuren besonders fragil, gebrochen oder mit ironischem Witz spielt.

Brennicke suchte nach Erfolgserlebnissen aus eigener Kraft – und landete im Oderbruch. Am Morgen mit der Arbeit beginnen, am Abend das Ergebnis ernten. Auf der Wiese steht eine Hütte mit zerbrochenem Fenster, berankt von den nach unten baumelnden Blüten einer Blauregen-Pflanze. Dass sie nach vier Jahren wieder blüht, lässt Brennicke lächeln als halte sie einen zweiten Grimme-Preis in Händen. Sie redet über Pflanzen und Tiere wie über gute Freunde: „Wenn Sie nach einer langen Dürre Ihr Grundstück ausgiebig gewässert haben, bekommen Sie das Gefühl, dass am nächsten Morgen alle Danke sagen.“ Der Umzug sortierte ihren Freundeskreis wie ein Sieb. Wer den Geruch von Mist meidet, kommt nicht zurück, wem der Weg in den Osten zu müßig ist, fährt erst gar nicht hin. Nadeshda Brennicke freut sich über wahre Freundschaften, die den Umzug überstanden. „Ich habe keinen stylishen Freundeskreis“ – so wie sie es sagt, ahnt man, was sie denkt: Gott sei Dank!

Nadeshda Brennicke steht auf, stapft über matschigen Boden zu ihren Pferden, wuchtet den Querbalken des Zauntors aus der Befestigung und streichelt sich durch den Bestand, der fast ausschließlich Namen von Filmen, ihren Machern und Protagonisten trägt. Der Hengst El Mariachi, benannt nach einem Actionfilm von Robert Rodriguez, verweilt gerade in Bayern. „Er schafft Geld ran für seine Weiber“, sagt Brennicke. Sein Sperma ist bei Züchtern begehrt, weshalb sich die Besitzerin gerne auch mal „Pferdezuhälterin“ nennt. Wenn sie so etwas sagt, folgt ein breites Brennicke-Lächeln. Und dann ein ruhiger Satz hinterher: „Mein Pferd ist mein Psychotherapeut.“

Von Maurice Wojach

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