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Kultur Verbitterung fällt nicht vom Himmel
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17:38 28.09.2018
In den neuen Bundesländern verloren nach 1990 viele Menschen ihre Arbeit. Schicksalsschläge wie diesen haben nicht alle psychisch verkraftet. Das Foto zeigt eine Protestkundgebung gegen die Schließung des thüringischen Kaliwerks Bischofferode im Jahr 1993. Damals traten 42 Kumpel sogar in einen Hungerstreik. | Quelle: Ralf Hirschberger/ picture allianz/ZB
Potsdam

Michael Linden leitet die Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Charité. Bis 2015 arbeitete er als leitender Arzt im Rehabilitationszentrum Seehof, einem Klinikum der Deutschen Rentenversicherung im brandenburgischen Teltow.

Herr Professor Linden, Sie gelten als Spezialist für Menschen, die verbittert sind. Was verstehen Sie unter Verbitterung?

Michael Linden: Verbitterung ist zunächst einmal ein normales Gefühl, das jeder Mensch kennt und das kürzer oder länger anhalten kann. Als Facharzt begegne ich aber auch Menschen, die unter einer Verbitterungsstörung, unter andauernd schlechter Stimmung, leiden, die krank sind, die sich im Keller verkriechen, an Suizid denken oder sogar aus Verbitterung das Arbeitsamt anzünden oder Amoklaufen.

Könnte man sagen, das sind depressive Menschen?

Nein, die chronische Verbitterungsstörung ist viel schlimmer als Depression oder als eine Angstneurose. Die Betroffenen sind in ihrem Gemütszustand hilflos gefangen. Depressive suchen die Ursache für ihre Störung in sich selbst, Verbitterte machen die Umwelt für ihren Gemütszustand verantwortlich. Ihnen ist eine große Ungerechtigkeit, eine große Enttäuschung widerfahren, die sie nicht verwunden haben.

Sie haben sich die letzten 20 Jahre klinisch mit diesem Krankheitsbild befasst. Wird die posttraumatische Verbitterungsstörung (Posttraumatic Embitterment Disorder, kurz: PTED) heute von den Krankenkassen anerkannt?

Diese Störung wurde bereits von Emil Kraepelin, dem Urvater der psychiatrischen Diagnostik, beschrieben. Alle Patienten, die ich gesehen habe, waren bereits in unterschiedlichsten Behandlungen mit verschiedensten Diagnosen. Es geht also nicht darum, ob diese Menschen krank sind, sondern um eine präzisere Diagnose. Auch jetzt kann man die PTED bereits nach dem Diagnosesystem „ICD-10“ der WHO mit F43.8 verschlüsseln. Im kommenden ICD-11 wird der Begriff Verbitterung explizit genannt.

Was hat Sie veranlasst, sich mit dieser Krankheit näher zu befassen?

Etwa zehn Jahre nach der Wende haben wir derartige Störungen in größerer Zahl behandeln müssen. Nach dem Zusammenbruch der DDR haben 17 Millionen Menschen ihre Biografien reorganisieren müssen. Da sind Ungerechtigkeit und psychische Verletzung häufig vorgekommen. Wenn Bomben fallen, sieht ein Arzt auch postraumatische Stresserkrankungen häufiger als wenn alle ganz friedlich leben.

Können denn Pillen helfen, die dunklen Weltbilder aufzuhellen?

Patienten mit posttraumatischer Verbitterungsstörung sprechen nicht auf Antidepressiva an. Depression ist eine andere Emotion als die Verbitterung. Es gibt neurobiologische Untersuchungen, die dafür sprechen, dass unterschiedliche Systeme im Gehirn betroffen sind.

Michael Linden

1948 wurde Michael Linden im Hunsrück (Rheinland-Pfalz) geboren. Er ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrfie und Psychosomatische Medizin sowie Psychotherapeut.

Von 1998 bis 2015 war er Leiter der Abteilung Verhaltenstherapie und Psychosomatik und Leitender Arzt des Rehabilitationszentrums Seehof an der der Deutschen Rentenversicherung in Teltow bei Berlin. Er ist ein gefragter Gutachter.

Michael Linden veröffentlichte mehrere Fachbücher. 2008 erschien der Titel „Weisheitskompetenzen und Weisheitstherapie. Die Bewältigung von Lebensbelastungen und Anpassungsstörungen“ (Pabst, 132 Seiten, 15 Euro). 2017 publizierte er „Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung“ (Hogrefe, 106 Seiten, 19,95 Euro). In diesem Jahr brachte er ein Buch gemeinsam mit Sigrid Engelbrecht heraus: „Lass los! Es reicht –Wege aus der Verbitterung“ (Ecowin, 228 Seiten, 24 Euro).

In der DDR gab es Menschen, die ihre ganze Kraft in die Idee des Sozialismus investiert haben. Gehörten die zu Ihren Patienten?

Nein, die sind zunächst einmal nur enttäuscht oder traurig. Die Frage ist, ob sich jemand ungerecht behandelt fühlt. Ihre Frau kann Ihnen weglaufen, aber Sie verbittern nicht. Wenn aber Ihre Frau Sie ungerecht behandelt und herabwürdigt, dann können Sie verbittern.

Hat der Obrigkeitsstaat DDR inklusive Armee und Gefängnisse mehr psychische Leiden hervorgebracht als die liberale Bundesrepublik?

Davon kann man ausgehen. Aber auch aus extrem autoritären Unterordnungs-Verhältnissen kann der Einzelne mit einem gestärkten Ego hervorgehen. Es ist vom Individuum abhängig, wie es etwa einen Gefängnisaufenthalt erlebt. Fühlt es sich unschuldig eingesperrt oder meint es, für seine Überzeugung zurecht ins Gefängnis geraten zu sein. Einen Oppositionellen kann ein Gefängnisaufenthalt sogar stolz machen als Bestätigung seiner aufrechten Haltung.

Hat nicht auch die Nachwendepolitik der Bundesrepublik viele Verbitterungsstörungen ausgelöst? Viele Menschen verloren ihre Arbeit oder bekamen West-Chefs vor die Nase gesetzt.

Kränkung, Herabwürdigung und Ungerechtigkeitserleben sind von großer Bedeutung. Ich gehe davon aus, wenn heute im Ruhrgebiet ein Unternehmen plötzlich 5000 Angestellte entlässt, dann werden dort neben der normalen Verbitterung auch Fälle von pathologischer Verbitterung vermehrt auftreten.

Ehemalige DDR-Bürger mussten diesen Umbruch meistern. Sind sie deshalb vielleicht heute psychisch robuster als Westdeutsche?

Das könnte sein, denn sie sind ja nicht so weich gebettet aufgewachsen wie in Westdeutschland. Wer viel in seinem Leben durchgemacht hat, wird möglicherweise stabiler – wir nennen das Wachstum durch Belastung. Aber das kann auch andersherum ausgehen.

Brechen noch 28 Jahre nach dem 3. Oktober 1990 Störungen auf, die sich auf die DDR oder den Vereinigungsprozess zurückführen lassen?

Verbitterungsstörungen in unmittelbarer Reaktion auf die DDR sind eher selten geworden. Hier war der Höhepunkt in den 90er Jahren. Wir schätzen, dass grundsätzlich etwa zwei bis drei Prozent in der Bevölkerung an PTED erkrankt sind. Jetzt stehen persönliche, individuale Schicksale im Vordergrund. Man zieht gegen die Rentenversicherung oder gegen den Arbeitgeber zu Felde, hatte einen Unfall oder der Partner ist weggelaufen. Natürlich kommt es vor, dass Patienten zum großen Schlag ausholen und die politischen Verhältnisse und Veränderungen der letzten 50 Jahre mit heranziehen. Es gibt keine ostdeutschen Besonderheiten mehr. Allerdings kann man im Osten durchaus eine erhöhte „normale“ Verbitterung beobachten, die auch ansteckend sein kann.

Die Verbitterung - nicht als Krankheit, aber als Gefühl - hat derzeit gesellschaftlich durchaus Konjunktur.

Die Politik trägt ihren Teil dazu bei. Generell tut man zum Beispiel so, als wäre man in Ostdeutschland generell benachteiligt und als würden dort unhaltbare Lebenszustände herrschen. Dies wird dann mit dem Westen verglichen und dies führt zu einem Gefühl des „vergleichenden Ungerechtigkeitserlebens“. Das führt zur Verbitterung, wenn man sich gekränkt und ungerecht behandelt fühlt. Psychohygienisch und wahrscheinlich auch politisch wäre es besser, sich auf die positive Entwicklung und die Zukunftschancen zu konzentrieren.

Bei den letzten Bundestagswahlen schlug im Wahlergebnis plötzlich wieder die alte DDR-Landkarte durch. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Die Menschen haben unterschiedliche Biografien. Wir haben in Westdeutschland eine Kultur der politischen Korrektheit mit vielen Denk- und Sprechverboten. Das hat man im Osten hinter sich. Man sagt, was man denkt, nachdem man jahrelang nicht sagen durfte, was man dachte.

Täuscht der Eindruck, dass gerade im Milieu der AFD die Verbitterung besonders ausgeprägt ist?

Ich habe dazu keine Untersuchung. Aber ich kann verstehen, dass ein Teil der Leute sich wie dumm behandelt und herabgewürdigt fühlt. Bei den Politikern und in den Medien ist zum Beispiel zu schnell von „Rassismus“ die Rede. Darauf reagieren die Leute mit Verbitterung. Und die Verbitterung führt zu einem „Jetzt erst recht!“ Wenn jemand sagt, ich will in Dresden keine Flüchtlinge haben, dann wird er moralisch herabqualifiziert, bis in die Nachrichten, die vielfach selektierte Informationen plus Bewertungen statt Informationen bringen. Da platzt den Leuten die Hutschnur.

Damit wären wir beim Vorwurf „Lügenpresse“.

Im Osten ist man geübt, eine politische Nachricht zu hören und die doppelte Botschaft zu verstehen. Die Leute merken das und reagieren mit Verbitterung, wenn sie sich bevormundet fühlen.

Kommt in den Weltbildern Ihrer Patienten heute das Flüchtlingsthema vor?

Wenn Sie in der Zeitung lesen, die öffentliche Hand gibt pro Flüchtling 5000 Euro aus und sie bekommen selbst nur 2000, dann werden natürlich Vergleiche angestellt und wir sind wieder beim Thema der komparativen Gerechtigkeit . Das kennen wir aus unserer Kindheit: Der Bruder bekommt das größere Kuchenstück, das kann zu Verbitterung führen.

Ganze Völker fühlen sich zu kurz gekommen!

Der Affekt Verbitterung, nicht die Verbitterungskrankheit, kann von Generation zu Generation vererbt werden. Es gibt heute Jugendliche, die die DDR nie erlebt haben, die sich trotzdem ungerecht behandelt fühlen. Auf dem Balkan schlägt man sich noch heute, weil man sich 1389 auf dem Amselfeld geschlagen hat. Und plötzlich fühlen sich die Griechen von Deutschland ungerecht behandelt und schon kommt es zu politisch höchst emotionalen Reaktionen. Sie können eine ganze Gesellschaft in die Angst treiben, indem sie sagen: Die Franzosen kommen! Wenn man das tut, bekommen selbst die Leute Angst, die noch nie einen Franzosen gesehen haben. Sie können auch ganze Bevölkerungsgruppen verbittern, wenn man behauptet, es sei Unrecht, dass Schlesien nicht mehr zu Deutschland gehört.

Als Psychiater sehen Sie darin nur Stellvertreterprobleme?

Nein, es geht schon ums Thema. Aber man muss dann die Gegenfrage stellen: Warum denkst Du, dass es ungerecht ist, dass Schlesien nicht mehr deutsch ist? Aber es gilt: Wir denken, was wir fühlen. Wenn Sie Ihre Frau mögen, fallen Ihnen nur gute Dinge ein, die sie gemeinsam erlebt haben. Wenn Sie von ihr schwer enttäuscht wurden, erinnern Sie die schlechten Seite der gemeinsame Geschichte.

Von Karim Saab

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