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Mit großer Burger Spreewaldhaube verewigt

Bildband „Wótmólowane – Mit Licht gemalt“ Mit großer Burger Spreewaldhaube verewigt

Besondere Zeugnisse ihrer Zeit: Im Bildband „Wótmólowane – Mit Licht gemalt“ aus dem Domowina-Verlag sind mehr als hundert historische Fotos aus der Niederlausitz zu sehen. Sie zeigen den Alltag der Leute, Mühsal, Vergnügen und jenes Erinnerungsbild, als im Mai 1878 eine wendische Abordnung bei Kaiser Wilhelm I. in Berlin war.

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Schulfoto mit dem Lehrer Gustav Leberecht Mahling in Weissagk bei Vetschau, um 1870.

Quelle: Anonymer Fotograf

Potsdam. Es hat etwas von einem Kunstwerk: Heinrich Steffen ließ dereinst um 1890 seine Töchter Marie und Grete vor einem mit Bäumen und üppigem Blattwerk bemalten hohen Hintergrund – einer Art Tafel, die er an eine Bretterwand lehnte – Aufstellung nehmen. Beide Mädchen in Tracht, neben der Großen ein Spinnrad. Betrachten kann man das betagte Foto in dem jetzt erschienenen Bildband „Wótmólowane – Mit Licht gemalt“ aus dem Domowina-Verlag. Urenkel Ingmar Steffen, der in vierter Generation das Fotografenhandwerk in Burg im Spreewald betreibt, fand es im reichen Nachlass der Familie.

Der Fotograf Heinrich Steffen mit seiner Frau, um 1860

Der Fotograf Heinrich Steffen mit seiner Frau, um 1860.

Quelle: Ingmar Steffen

Vorfahr Heinrich hatte in Burg 1887 sein Gewerbe angemeldet, er war quasi Autodidakt und ruinierte zunächst viele Foto-Platten. Er arbeitete im Freien, hielt das alltägliche Leben der Leute fest, den Spreewald bei jedem Wetter, war als Fotograf der Gendarmerie zu Diensten. Dabei hatte der umtriebige Quereinsteiger eine homöopathische Praxis, war auch Fleischbeschauer, zog kranke Zähne, stimmte Klaviere und wurde 1907 Wirt in seinem Lokal „Zum Spreehafen“. Heinrich Steffen schrieb auch Theaterstücke in wendischer Sprache. Und wenn es einen Auftrag gab, war er eben mit seiner schweren Fotoausrüstung, an der er mächtig zu schleppen hatte, unterwegs.

Heinrich Steffens Töchter Marie und Grete Steffen, um 1890

Heinrich Steffens Töchter Marie und Grete Steffen, um 1890

Quelle: Heinrich Steffen

Sohn Max, der 1920 das Fotografengeschäft übernahm, passierte dabei manches Missgeschick: „Einmal fuhr er mit dem Rad im Winter auf spiegelglatter Straße von Naundorf nach Burg, bepackt mit noch großer Fotoapparatur. In der Nähe der Kolonieschenke stürzte er … direkt in die Spree. Rad und Apparat versanken. Max konnte sich gerade noch an eine Wurzel klammern, bevor die Strömung ihn unter das Eis befördern wollte“, kann man im Band erfahren. Auch die zuvor „geschossenen“ Hochzeitsbilder waren hin. Mit dem Motorrad, das er sich später zulegte, waren die Touren zu Terminen komfortabler.

Was haben die Steffens nicht alles dokumentiert – vom 19. bis zum 20. Jahrhundert. Konfirmationen oder das Abschiednehmen von aufgebahrten Toten. Ein wahrer Schatz, der in den 1990ern gesichtet wurde. Heinrich hielt die große Burger Spreewaldhaube, früher Kopfputz der Frauen, für die Nachwelt fest. Auch die Wendentracht der Männer um 1895. Er nahm eine Kahnpartie der Papitzer Schule auf, ein Taufkind mit seinen Eltern.

Man kann im Buch lesen, dass es in der Niederlausitz um 1900 schon in jedem Haushalt Fotografien gab. Seit den 1840ern waren dort Porträtmaler und Optiker durch Dörfer und Städte gezogen und verdingten sich als Daguerreotypisten. Daguerreotypien – Porträts mit „Sonnenlicht zu malen“ – waren der neueste Schrei. Die Erfindung des Franzosen Louis Daguerre der Anfang der Fotografie. 1851 kam das Negativ auf, endlich ging‘s, unbegrenzt Abzüge auf Papier herzustellen. Die Lausitzer konnten es sich jetzt leisten, in Familie oder im Verein vorm Fotografen zu posieren.

Elma Sprengel warb mit der Foto-Lieferung binnen acht Tagen

Speziell den ersten Fotografen in Cottbus ist ein gut recherchiertes, unterhaltsames Kapitel im Band gewidmet. Da quälte sich zum Beispiel jener Carl Friedrich August Schmalfuß mit dem Daguerreotypieren erst herum, bis ihm halbwegs annehmbare Bilder glückten. Carl Ferdinand Münch machte im Frühherbst 1849 Werbung damit, dass er Lichtbilder „bei günstiger Witterung täglich früh um 9 Uhr bis nachmittags 4 Uhr“ anfertigen könne. „Die Zeitdauer des Sitzens beträgt nur 20 bis 25 Secunden.“ Das wollte mancher gern – doch Daguerreotypien waren ziemlich teuer. 1854 bot Münch „Porträtaufnahmen nach der neuen französischen Manier, ohne Retouche, auf Verlangen coloriert“ an. Neun Jahre später eröffnete er am heutigen Cottbuser Oberkirchplatz ein Atelier. Zu seinen Offerten gehörten Bilder von Landschaften, Fabriken, plastischen Gegenständen. Für Nachbesteller hob er die Aufnahmeplatten auf. Carl von Wieland brachte es zum Hoffotografen des Prinzen Friedrich Carl von Preußen. Fürst Hermann von Pückler-Muskau lud ihn in den Branitzer Park für Aufnahmen ein. Carl Metzner fotografierte ab 1875 Cottbuser Straßenzüge, Gebäude sowie wendische Motive. Und stellte 1880 in Berlin aus. Richard Klauks Stadt-Ansichten fanden sich in Alben, die man in Buchläden erstehen konnte. Elma Sprengel versprach die Lieferung binnen acht Tagen. Und der mobile Paul Mietke hatte in den Dörfern seine Kundschaft.

Mädchen in Niederlausitzer Tanztracht, 1896

Mädchen in Niederlausitzer Tanztracht, 1896.

Quelle: Atelier W. Höffert, Dresden

Ihre Hinterlassenschaften finden sich ebenso im Bildband mit den Fotografien aus der preußischen Niederlausitz, für den der in Bautzen tätige Publizist und Fotografiker Jürgen Matschie mehr als 100 historische Motive zusammentrug. So verewigte Richard Klau unterschiedliche Trachten in Jänschwalde, Imker in Sielow, eine Picknickgesellschaft vor Heuschobern oder einen Waschtag am Spreewaldfließ. Von Paul Mietke stammen Bilder vom Radfahrerverein „Wanderer“ in Werben oder dem Frühjahrsmarkt nach 1913 hinterm Theater in Cottbus, auf dem sich ein Karussell dreht. Carl Metzner verewigte 1896 Mädchen beim Flachsbrechen in Papitz, eine Gedenkszenerie 1895/96 auf dem Friedhof in Werben oder die Mühle in Burg. Da sind auch Schnappschüsse vom Treiben an und auf den Spreewaldfließen. Sie waren alle Chronisten ihrer Zeit.

Was für ein Glück, dass auch dieses Erinnerungsbild erhalten blieb, als im Mai 1878 eine wendische Abordnung aus dem Spreewald nach dem Attentat auf Wilhelm I. beim Kaiser in Berlin war, um Anteilnahme und Treue zu bekunden.

Von manchen Motiven ist der Fotograf nicht bekannt. So von jenen, das Burger Spinnerinnen um 1895 zeigt, den alten Fischer Kubik aus Altdöbern in hohen Stiefeln und mit Netz unterm Arm, diverse Hochzeitsgesellschaften, Soldaten vor einer Kaserne um 1915 und zwei Jahre darauf die abgenommene Glocke der Kirche in Dissen, die im Ersten Weltkrieg für Kanonen eingeschmolzen wurde.

Mit ernstem oder andächtigem Gesicht

Es sind Zeugnisse aus einer vergangenen Zeit, die etwas Faszinierendes haben, einen anrühren und viel erzählen können. Von Freud und Leid. Vergnügen und Mühsal. Viele der Niederlausitzer stehen steif da, schauen ernst, gespannt oder andächtig drein. Bitte lächeln! Das hat der Fotograf damals vielleicht noch nicht gesagt. Womöglich aber fremdelten sie einfach noch mit der Fotografiererei. War ihnen das Ganze noch nicht geheuer?

Info: Jürgen Matschie (Hrsg.): Wótmólowane – Mit Licht gemalt. Historische Fotografien in der sorbischen/wendischen Niederlausitz. Domowina-Verlag, 147 Seiten, 19,90 Euro.

Von Angelika Stürmer

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