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Kultur Mit viel Wodka und russischer Seele
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17:59 05.11.2017
Axel Strothmann als Onkel Wanja am Mikrofon. Quelle: Marlies Kross
Cottbus

Am Ende ist die Aufführung für Momente ganz dicht an Anton Tschechows Original - wenn nämlich das Mädchen Sonja ihr finales „Wir wollen leben“ mit dem dazugehörigen Enthusiasmus vorträgt. Doch dann gibt es sofort wieder einen Bruch und der Abend findet zurück zu seiner eigentlichen Tonlage, indem sie nachsetzt: „Wenn Sie ein schwarzes Kätzchen sehen, geben Sie es an der Pforte ab“.

Am Cottbuser Staatstheater wird „Onkel Wanja“ in der Regie des neuen Schauspieldirektors Jo Fabian gespielt. Man klammert sich dabei nicht an den Text, sondern spielt vielmehr ein Nachdenken über das Stück, mit einer überaus vitalen, frischen, mal ironischen, mal witzigen Sicht auf die Vorlage und ihre Figuren. Und ist dabei sehr russisch. Nicht bloß, weil der Wodka in Strömen fließt. Fabian lässt sein Team durchgehend mit russischem Akzent im Stile der bei uns lebenden Petersburger und Moskauer Exilanten sprechen. Man prostet sich mit „Na sdorowje“ zu, sagt zum Abschied „Doswindanja“. Dabei findet Fabian beeindruckende Lösungen, um die Langeweile, den Leerlauf auf dem alten Gut irgendwo in den Weiten Russlands greifbar zu machen.

Nach endloser Pause: „Dann fang ich mal an.“

Die Akteure kommen schon auf die Bühne, während sich der Zuschauerraum füllt. Sie sitzen um eine große Tafel im Salon (Ausstattung Pascale Arndtz), im Vordergrund eine herrschaftlich-bröckelnde Wand, im Hintergrund eine echte Ziegenherde, in deren Nachbarschaft eine in die Jahre gekommene Schwanensee-Ballerina tanzt. Auf einen furios-rockigen Einstieg folgt eine schier endlos lange Pause. Irgendwann der erlösende erste Satz: „Was für ein schöner Tag“. Ein Mann greift zum Mikrofon, sagt im Alltagston: „Dann fang ich mal an“. Es ist Wanja. Er beschreibt das Haus, seine derzeitige Situation. Der Schwager, der Professor aus der Hauptstadt, ist zu Besuch mit seiner jungen Frau, und seit deren Ankunft ruhen alle Arbeiten auf dem Gut.

Axel Strothmann zeigt den Titelhelden, der noch so viel tun will und doch immer nur die Wodkagläser nachfüllt, liebenswürdig-verschmitzt. Ihm zur Seite steht der Landarzt Astrow (Gunnar Golkowski), der da ist, um dem Professor bei dessen körperlichen Malaisen beizustehen, ein schnauzbärtig-resignierender Weltverbesserer. Sein Lieblingskommentar: Alles bekloppt. Eines der vielen Kabinettstückchen, die der Inszenierung von Anfang an ihren besonderen Rhythmus geben: Wenn Wanja seinem Freund Astrow im Angesicht des drückenden Wetters in Slapstick-Manier vergeblich beizubringen versucht, dass es „schwül“ heißt und nicht „schwul“.

Und dann dieser Professor: Thomas Harms stattet ihn mit einer blasierter Selbstgefälligkeit aus, die selbst dann nicht bröckelt, als offensichtlich wird, dass er letztlich nur ein schmarotzender Schwindler und Schaumschläger ist.

Prügelei um die schöne Jelena

Das eigentliche Ereignis dieser verlorenen ländlichen Gesellschaft: die junge Frau des Professors, Jelena Andrejewna. In ihrem weißen Kleid ist sie das, was man eine Erscheinung nennt. Kein Wunder, dass die Männer bei ihrem Anblick hin und weg sind und sich sogar wegen ihr prügeln. Lisa Schützenberger gibt sie dabei nicht abgehoben, sondern durchaus sympathisch nahbar. Und als das angekündigte Gewitter kommt, stellt auch sie sich ans Mikrofon, sagt, sie hätte da ein kleines Gedicht, um mit der Drafi-Deutscher-Schnulze „Weine nicht wenn der Regen fällt“ auf skurrile Weise nicht bloß das Wetter zu kommentieren.

Es ist dies eine von vielen Facetten einer musikalischen Grundierung, die von der Rockballade bis zum Tschaikowski-Klavierkonzert reicht. Besondere Bonbons sind zwei Lieder aus Schuberts „Winterreise“, die Sigrun Fischer als Dame des Hauses singt; sie wird dabei auf einer Art Stehrollator über die Bühne geschoben.

Die heranwachsende Sonja (Lucie Thiede), Wanjas Nichte, ist es, die versucht, in allem Chaos das Leben auf dem Gut doch irgendwie am Laufen zu halten. Und hat dabei auch eine stille Hoffnung, die sie schließlich ganz übermannt: Sie knutscht ihren Schwarm Astrow regelrecht zu Boden. Leider merkt er kaum etwas davon, weil er gerade sturzbetrunken ist. Am Ende viel Beifall für eine bemerkenswert-lustvolle Inszenierung mit einer Wundertüte voller szenischer Einfälle.

Nächste Vorstellungen: 10. November, 2., 14., 26 Dezember. Staatstheater Cottbus, Schillerplatz, Karten unter Tel. 0355/7824 24 24.

Von Frank Starke

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