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Mitreißendes Theater für Jugendliche in Potsdam

Hans-Otto-Theater Mitreißendes Theater für Jugendliche in Potsdam

Lässt sich der Tod zweier krebskranker Jugendlicher darstellen? Darf man dabei sogar lachen? Die Inszenierung des Jugendbuch „Wie man unsterblich wird“ von Sally Nicholls durch den Regisseur Fabian Gerhardt am Potsdamer Hans-Otto-Theater gibt darauf eine Antwort.

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Patrizia Carlucci (hier als Mutter), Jonas Götzinger (ihr krebskranker Sohn Sam) und Frédéric Brossier (dessen Leidensgefährte Felix).

Quelle: FOTO: HL BOEHME

Potdam. Eine grandiose Produktion für Jugendliche ab 13 Jahre setzt in der heiklen Potsdamer Theaterspielzeit 2016/17 doch noch ein dickes Ausrufezeichen. Am Dienstagabend feierte „Wie man unsterblich wird“ in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters Premiere. Gastregisseur Fabian Gerhardt gelingt es mit ruhiger Hand und einfachen schauspielerischen Mitteln, eine Geschichte zu erzählen, die von nicht weniger als von Leben und Tod handelt. Der 41-Jährigen vollbringt eine Gratwanderung zwischen Tragik und Komik und schlägt nicht nur Jugendliche 80 tief empfundene Minuten lang in den Bann.

Gerhardt selbst hat das gleichnamige Jugendbuch der englischen Autorin Sally Nicholls für die Bühne bearbeitet. In seiner Inszenierung stimmt einfach alles: Tempo und Bilder, Pointen und Brüche, Innen- und Außenschau. Selten erlebt man so sensibel eingestellte Schauspieler. Jonas Götzinger und Frédéric Brossier, seit September neu im Potsdamer Ensemble, geben die Jungen Sam und Felix, die unheilbar an Leukämie erkrankt sind. Obwohl beide Identifikationsfiguren im Laufe der Handlung nach Strahlenbehandlung und Tagesklinik sterben, behalten Lebensfreude, Galgenhumor und Witz die Oberhand. Jede Minute zählt gegen Schmerz und Depression. Aufgewühlt folgt der Zuschauer den Todkranken, die sich auf ausgefuchste Weise noch letzte große Wünsche erfüllen.

Geradezu atemberaubend ist die stimmliche Präsenz und die Überzeugungskraft des Schauspieler Jonas Götzinger, der hoffentlich in Potsdam noch viele Herausforderungen vor sich hat. Aber auch Patrizia Carlucci spielt mit äußerster Präzision zwei Rollen. Als verlegenes Mädchen Kira wird ihr von Sam mit Hilfe seines Freundes noch ein erster und zugleich letzter Kuss abgerungen. Und als verzweifelte Mutter von Sam fällt sie niemals in einen Weinkrampf. Dass aus jeder ihrer Gesichtsmuskeln Tapferkeit spricht, verweist auf die unsentimentale Grundhaltung der Inszenierung. Das zu Herzen gehende Todesschicksal der Jungs wird aber nicht verharmlost.

Geschickt lässt der Regisseur die Abwärtsschraube der Handlung manchmal stocken, wenn etwa Theater im Theater gespielt wird. Felix äfft Dr. Bill nach, der sich immer ein Piratenkopftuch umbindet, um seine haarlosen Patienten nicht zu frustrieren. Wiederholt öffnet sich die Inszenierung auch in Richtung Publikum, zum Beispiel wenn es den beiden minderjährigen Todeskandidaten nach einer ersten Zigarette gelüstet, die sie noch rauchen wollen. Ein Mädchen in Reihe fünf rückt zwei heraus. Nicht sofort wird deutlich, dass es sich um die Schauspielerin Carlucci handelt, die sich als Kira später auf der Bühne auch küssen lässt. Sparsame musikalische Einwürfe von Hauskomponist Marc Eisenschink fokussieren die Stimmung.

Als Felix stirbt, finden dafür der Regisseur und der Ausstatter Matthias Müller einen bildstarken Ausdruck. Das Gesicht des Toten erscheint als Projektion auf einem zarten, weißen, seidenen Vorhang. Es ist der letzte und größte Vorhang von dreien, die sich auf- und zuziehen lassen – eine magische wie unaufwendige Metapher für die rätselvolle Existenz. Dabei praktizieren die Akteure auf der Bühne bis zuletzt eine ziemlich unromantische Technik. Auf einen Tageslichtprojektor vorn in der Mitte legen sie immer wieder Folien auf, die sie mit To-do-Listen und Stichworten bekritzeln.

Jeder Augenblick zählt in dieser Inszenierung! Klug werden auch Signale der Verfremdung gesetzt, sogar dann, wenn das Publikum einbezogen wird. Bevor Sam den Leichnam seines Freundes Felix sehen darf, verlangt die Mutter von ihm, noch zwei Brote zur Stärkung zu essen. Diese reicht Sam heimlich ins Publikum, das auch dankbar zugreift. Als die Mutter dann wieder auf der Bühne erscheint, fragt sie: „Und, hat’s geschmeckt?“ Dabei schaut sie nicht zu Sam, sondern ins Publikum.

Für die laufende Spielzeit sind nur noch vier Vorstellungen vorgesehen. Lehrer, Erzieher und Familien sind also gut beraten, sich bald Tickets zu sichern. Qualität, Charme und Botschaft dieser Aufführung teilen sich auch Theaterverächtern mit. Garantiert.

Nächste Aufführungen: 2. Mai, 17 Uhr. 17. Mai, 18 Uhr. 18. Mai, 14 Uhr und 19. Mai, 10 Uhr. Reithalle des Hans-Otto-Theaters. Schiffbauergasse Potsdam. Karten unter 0331/98 11 900.

Von Karim Saab

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