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Momentaufnahmen aus einem geschundenen Land

Zwei Ausstellungen mit Afghanistan-Fotos im Berliner Willy-Brandt-Haus Momentaufnahmen aus einem geschundenen Land

Bilder des Glücks, der Traurigkeit, des Krieges: Im Berliner Willy-Brandt-Haus werden zwei Ausstellungen mit wunderbaren Fotos aus Afghanistan gezeigt. Die eine präsentiert Aufnahmen der dort 2014 erschossenen AP-Pressefotografin Anja Niedringhaus. Die andere jene von Lela Ahmadzai über vier Frauen in Kabul, wo die Journalistin geboren wurde und aufwuchs.

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Ganz vergnügt: Jungs in der Schulpause in Kandahar.

Quelle: AP/Anja Niedringhaus

Potsdam. Da sind die fröhlichen Gesichter. Mitten im Krieg. Auf einem der 130 Fotos von Anja Niedringhaus in der sehenswerten Ausstellung „Geliebtes Afghanistan“ im Berliner Willy-Brandt-Haus küsst ein Nomade so selig sein Töchterchen, das er auf dem Arm hält. Der Vater passt in Marjah auf seine Herde auf. In der südlichen Provinz Helmand, eines der Schlachtfelder Afghanistans. Berührend ist auch die Szene mit dem Tagelöhner Zekrullah, der gerade eine Pause macht, nachdem er die Öfen in einer Ziegelfabrik am Stadtrand Kabuls für die Feuerung vorbereitet hat. Voller Falten ist sein Gesicht, die Augen funkeln vor lauter Zuversicht. Und wie dieses Mädchen vor ihrer Klasse der Schule Ayeshe Sedeqa in Kunduz aus einem Buch vorliest. Ganz bei der Sache. Lernen – was für ein Geschenk. Unter den Taliban durften Mädchen das nicht.

Zu sehen sind aber auch Bilder der Traurigkeit. Wie jenes von der Gefangenen Nuria in Badam Bagh, dem zentralen Frauengefängnis in Kabul. Ohne Hoffnung blickt sie zwischen Gitterstäben hindurch. Man erfährt, dass sie vor Gericht ging, um sich scheiden zu lassen. Daraufhin wurde sie angeklagt, weggelaufen zu sein. So wie Nuria erging es auch jenen, die sich weigerten, eine von den Eltern arrangierte Ehe einzugehen. Über 200 Frauen sitzen in Kabul ein.

Anja Niedringhaus dokumentierte ebenso die grausame Seite des Krieges. Auf einem Bild, datiert vom 13. Februar 2011, bewacht ein Sicherheitsmann ein Viertel in Kandahar. Man kann lesen, dass am Vortag Taliban die dortige Polizeiwache angegriffen hatten. Mit Autobomben, Panzerfäusten. Mindestens 18 Menschen kamen ums Leben.

Es gibt die Momentaufnahmen der Sehnsucht nach Frieden. So hat sich ein Offizier der afghanischen Polizei an einem Checkpoint am Stadtrand von Maidan Shahr einen Blütenzweig in seinen Gewehrlauf gesteckt.

Geschundenes schönes Land. Anja Niedringhaus, die als Fotografin für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) arbeitete, hat über viele Konfliktregionen der Welt – Israel, Irak, Jugoslawien – berichtet. In Afghanistan ließ sie ihr Leben. In Banda Khel wurde sie am 4. April 2014 im Alter von 48 Jahren erschossen. Sie war mit einem Konvoi von Wahlhelfern unterwegs. Ein afghanischer Polizist eröffnete das Feuer auf ihr Auto. Vermutlich ein Racheakt. Seine Familie war von amerikanischen Soldaten getötet worden.

Gisela Kayser, Geschäftsführerin des Freundeskreises des Willy-Brandt-Hauses, die die Ausstellung mit Katharina Mouratidi, Chefin der Gesellschaft für Humanistische Fotografie, kuratiert hat, sagt: „Wir waren bei ihrer Mutter im nordrhein-westfälischen Höxter. Die über 70-jährige alte Dame erzählte, dass ihre Tochter als junge Frau mit ihren Bildern die Welt retten wollte, aber bald die bittere Erkenntnis hatte, dass es ihr nur möglich war, die Menschen zu informieren. Auch über die Schrecklichkeiten. Und dass ihr Afghanistan am Herzen lag. Sie schwärmte immer von dessen Menschen.“

Die Fotografinnen

Anja Niedringhaus wurde am 12. Oktober 1965 im westfälischen Höxter geboren, wo sie 16-jährig als freiberufliche Fotografin für eine Lokalzeitung zu arbeiten begann. Sie studierte in Göttingen ab 1986 Germanistik, Philosophie und Publizistik. Von 1990 bis 2001 war sie Fotografin bei der European Press Photo Agency (EPA) in Frankfurt am Main und berichtete mit ihren Bildern u.a. vom blutigen Konflikt im ehemaligen Jugoslawien.

2002 ging sie zu Associated Press (AP) nach Genf, wo sie seitdem wohnte. Sie berichtete aus Konfliktregionen wie Israel, Irak, Afghanistan. Die Pulitzer-preisträgerin fiel einem Attentat zum Opfer, als ein afghanischer Polizist am 4. April 2014 in Banda Khel, im Osten Afghanistans, das Feuer auf ihr Auto eröffnete. Es war vermutlich ein Racheakt. Sie war gerade mit einem Konvoi von Wahlhelfern unterwegs, unter Schutz der afghanischen Armee und Polizei.

Lela Ahmadzai wurde 1975 in Kabul geboren und wuchs in Afghanistan auf. Mit 17 Jahren wanderte sie nach Deutschland aus und machte an der Hochschule in Hannover ihren Master. Die in Berlin lebende Fotografin und Multimedia-Journalistin kehrt seit 2003 immer wieder in ihr Heimatland zurück und berichtet über die dortigen Veränderungen – veröffentlicht in Magazinen wie „Spiegel“ und „Stern“ sowie in der „Los Angeles Times“. Sie wurde und mit einem 2. Platz des World Press Photo Award in der Kategorie Kurzfilmfeature sowie einem Grimme Online Award ausgezeichnet.

Die Ausstellungen „Geliebtes Afghanistan“ und „Die Unbeugsamen – Vier Frauen in Kabul“ sind jeweils bis zum 24. Januar im Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, Berlin, zu sehen. Geöffnet Di - So, 12 bis 18 Uhr, Eintritt frei, Ausweis erforderlich

Dort sind sich Anja Niedringhaus und Lela Ahmadzai auch begegnet, deren 40 Fotos sowie Kurzfilme parallel in der zweiten Schau „Die Unbeugsamen – Vier Frauen in Kabul“ präsentiert werden. Die 1975 da geborene Journalistin Ahmadzai lebt mittlerweile in Berlin. Auch ihre Bilder der Frauen, die so kraftvoll ihren Weg gehen – auf einem schmalen Grat zwischen Selbstbestimmung und Rollenzuweisung – bleiben einem im Kopf.

Die 35-jährige Bäckerin Reza Guel, Mutter von sieben Kindern, musste nach dem Tod ihres Mannes ihren Schwager heiraten. Der ist opiumabhängig. So bringt sie allein die Familie durch. Sinnierend sitzt sie, einen dicken Brotlaib haltend, im Schneidersitz in ihrer kleinen Bäckerei. Der Tonofen wird 280 Grad heiß. Zum Foto steht geschrieben: „Meine Lungen sind voller Rauch, der aus dem Tandor aufsteigt. Ich huste ständig und habe das Gefühl, ich huste schwarzen Rauch.“

Die Politikerin Shinkai Karokhail, die Englisch und Medizin studiert hat, sieht man indes stolz in der ersten Reihe im Parlament, in das sie 2010 erneut einzog. Schon 2005 wurde sie Kandidatin für das Unterhaus. Und Pari Guhlami ist ein Pop-Star. Ihre Hände sind mit Henna verziert. Sie singt auf einer Hochzeit. Die Männer sehen sie voller Begehren an. Viele Frauen finden es unmoralisch, was sie tut, für sie ist sie eine Hure. Pop ist Sünde.

Die Polizistin Saba Sahar stieg zur Direktorin bei der Kabuler Kriminalpolizei auf und ist in der Filmproduktion gut im Geschäft. Ihr Mann nahm ihr nach der Trennung die drei Kinder weg. Nun hat sie ein Kind adoptiert, das in einem Krankenhaus zurückgelassen wurde. Wie sie sich liebevoll um dieses kümmert, auch das ist zu sehen.

Überhaupt: Es sind beeindruckende Porträts von starken Frauen. Dazwischen werden Lela Ahmadzais atemberaubende Fotos der afghanischen Landschaft gezeigt.

Von Angelika Stürmer

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