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Momentaufnahmen im Dunkel

Jürgen Bürgins Fotografien in der Potsdamer Ausstellung „Urban Nights“ Momentaufnahmen im Dunkel

In New York, Kioto oder Barcelona: Der Berliner Jürgen Bürgin hat abends und nachts auf den Straßen der Metropolen dieser Welt in ganz besonderen Momenten fotografiert. 28 seiner Bilder sind ab Donnerstag in der Ausstellung „Urban Nights“ im Potsdamer „Treffpunkt Freizeit“ zu sehen. Sie erzählen Geschichten vom Alltag der Menschen.

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Nach dem Gewitter: Dieses Foto machte Jürgen Bürgin 2013 in der Nähe der New Yorker Metropolitan Opera.

Quelle: Bürgin

Potsdam. Verkniffen und verknittert sieht die aufgetakelte Lady unter ihrem Regenschirm aus. Es war grad ein Gewitter. Im blauen edlen Kostüm und mit Goldklunkern hastet sie über die regennasse Straße – völlig auf sich selbst konzentriert. Sie will in die New Yorker Metropolitan Opera, in dessen Nähe der Fotograf Jürgen Bürgin just in diesem Moment auf den Auslöser seiner Kamera drückte. „Diese ältere Dame kam offenbar vom Einkaufen und hat sich wegen des Wolkenbruchs zur Opernvorstellung verspätet“, berichtet Bürgin. Warum schleppt sie da die Shopping-Tüte mit? Wer weiß? Bürgins Foto erzählt eine kleine Geschichte. Man kann sie ja selber weiterspinnen.

So wie bei Bürgins anderen 27 Farb-Fotos von seinen nächtlichen Wanderungen durch Großstädte dieser Welt, die ab Donnerstag im Potsdamer „Treffpunkt Freizeit“ zu sehen sind. Da ist auch jenes mit der alten Vietnamesin, die er 2013 in Hoi An traf. Voller Falten und Runzeln im Gesicht. Und einer glimmenden Zigarette im rechten Mundwinkel. Sie schaut über einen hinweg in die Ferne. „Hinter ihr spiegeln sich Lichter von Häusern im Fluss“, erklärt Bürgin. Diese Frau scheint einem voller Würde, und so stark. Sie wird viel erlebt haben. Bestimmt auch den Vietnam-Krieg, denkt man sich.

In Kioto wollte Bürgin 2012 in einer Straße, über der längst die Dämmerung lag, eigentlich bloß jenen parkenden roten VW-Bus – dieses Modell sieht man bei uns gar nicht mehr - fotografieren. Wohl neu lackiert, so gut in Schuss. In diesem Augenblick kam eine betagte Japanerin mit Basecap und einer roten Tragetasche im Fahrradkorb angeradelt. Ein noch viel besseres Motiv für Bürgin. Gedankenverloren kommt sie einem vor und sehr müde. Wo war sie? Sie könnte in der Markthalle, die im rechten Rand des Fotos noch ein bisschen abgebildet ist, gewesen sein. Und wo will sie hin? Man weiß nur: Den Fotografen hat sie nicht wahrgenommen.

Anders jener ältere Herr in Barcelona 2011 in einer Gasse der Altstadt, der mit seinem Hund abends Gassi geht. Overdressed für seinen Gang mit dem Hund, in feiner Stoffhose und mit Sakko. Das Laternenlicht scheint ihm auf seine Glatze. Er hält die Leine mit spitzen Fingern und sieht den Fotografen an. Derweil sein Vierbeiner einfach nicht vom Fleck will. Vor ihm eine Holztür – vielleicht die eines geschlossenen Ladens – mit Graffiti besprüht. Als Betrachter mutmaßt man, dass dieser Mann einen schönen Lebensabend hat. Und auch hier kann man sich eine eigene Geschichte ausmalen. Genau wie bei Bürgins Foto von einer Tanzszene in einer Bar, wo ein Paar versonnen und fast einschlafend noch eine Runde Tango dreht. Oder dem mit einem Opa am Krückstock in der Nähe des nächtlichen New Yorker Times Square, dessen Augen nach oben gerichtet sind. Hinter ihm die gleißenden Leuchtreklamen. Wo schaut dieser alte Herr hin?

Es ist das Verborgene, das Abseitige, das den Berliner Fotografen Bürgin anzieht, der hauptberuflich in einem Film-PR-Büro arbeitet. Und im Urlaub in den Großstädten mit seiner Kamera unterwegs ist. „Ich bin ein Cineast, ein Kinogänger“ erzählt der 1971 in Lörrach (Baden-Württemberg) Geborene. „Viele meiner Bilder haben den Ausdruck wie jene Aushangfotos, die im Kino als Ankündigung eines neuen Films hängen. Und deren Geschichte andeuten sollen.“

Zu fotografieren hatte er vor sechs Jahren begonnen. Er wollte mit seiner Frau raus aus Berlin und fuhr in die brandenburgische Natur. In Vogelschutzgebiete, ins Storchendorf Linum, in die Uckermark. Erst war ihm nach Tieren und Landschaft vor der Linse. „Das komplette Gegenteil von dem, was ich jetzt mache: Straßenfotografie.“

Er läuft einfach los mit wachen Augen. Lauert nicht auf den richtigen Zeitpunkt. „Aber wenn der Zufall es will, hab ich ein schönes Motiv“, sagt er. Und dass er mit seinen Fotos nach ein bisschen Heimeligkeit in den anonymen Riesenstädten suche und nach dem, was die Menschen dort ausmacht. Die Schwere wie das Glück ihres Alltags. Und sei es eben in der Nacht.

Ausstellung: Jürgen Bürgin: „Urban Nights“, Vernissage 13. August, 19 Uhr, bis 2. Oktober, „Treffpunkt Freizeit“, Am Neuen Garten 64, 14469 Potsdam.

Von Angelika Stürmer

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