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Kultur „Momente, da wird man auf den Pott gesetzt“
Nachrichten Kultur „Momente, da wird man auf den Pott gesetzt“
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17:23 11.03.2018
Die Theatermacherin Bettina Jahnke Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Bettina Jahnke sucht sich nicht die große Bühne, sondern eine stille Ecke im „Mercure“, dem Hotel, das viele in Potsdam wie einen kranken Zahn ziehen wollen. Der DDR-Bau passe nicht ins Bild, sagen die einen, die aufs Stadtschloss schauen und sich ins hübsche Barberini verknallen, dem Museum, wo jetzt französische Idyllen des Impressionismus hängen. Das ist ein Teil von uns, rufen die anderen, man könne dieses Haus nicht ausradieren.

„Es ist ein normales Hotel, superguter Service – ist halt eine Ostplatte, ich kenne das. 1985 habe ich hier mal gewohnt, jetzt komme ich wieder. Und es ist immer noch da!“ – Bettina Jahnke sagt es ruhig wie eine Therapeutin, die diese Stadt beruhigen möchte, weil sich Potsdam überhitzt mit seinem eigenen Wesenskern beschäftigt. Die Meinung von Bettina Jahnke, 53 Jahre, hat jetzt Gewicht, denn sie tritt im Sommer 2018 das Amt der Intendantin am Hans-Otto-Theater an. Die größte Bühne der Stadt, nach der Gegend um den Alten Markt, wo sie jetzt immer häufiger den Ehrgeiz zeigen, historische Kulissen aufzufahren.

Am Mittwochabend ist Jahnke von den Stadtverordneten als neue Intendantin bestätigt worden. Die zehn Mitglieder der Findungskommission hatten sie vor einer Woche in die finale Runde eingeladen, vier Kandidaten sprachen vor. Noch am Abend rief Oberbürgermeister Jann Jakobs bei ihr an: „Wir wollen Sie!“

Qualität lässt sich nicht daran messen, ob man in der „Zeit“ erscheint

Wie hat sie das geschafft, Potsdam zu überzeugen? „Ich habe erzählt, dass ich mir ein Theater für die Stadt vorstelle, in der wir eigenwillig arbeiten, mit den Potsdamern reden, vor der Stücken und danach. Wir treten selbstbewusst an, wir fürchten uns nicht vor Berlin.“ Der Erfolg des Theaters bemesse sich nicht daran, „ob die Hütte voll ist und man im Feuilleton der ,Zeit’ steht“, sagt sie. Wichtig sei, dass die Leute in der Stadt merken, sie werden angesprochen. „Das geht nicht nur über leichte Kost, die Leute wollen sich ernstgenommen fühlen.“ Ständig Boulevard, das sei eine Form des Veräppelns. „Obwohl die leichten, luftigen Stücke natürlich hohe Kunst und großes Handwerk sind. Eine gute ,Pension Schöller’ zu inszenieren, das gelingt nicht jedem.“

Derzeit arbeitet Bettina Jahnke, die groß ist, aufrecht geht und lässig einen rustikalen Anzug trägt, in Neuss an der Landesbühne, gleich neben Düsseldorf. „Ich kenne mich aus mit großen Nachbarn“, sagt sie. Dort, in Neuss, wurde sie 2008 zur Intendantin gewählt, die gebürtige Wismarerin hat es geschafft, das Haus ins Zentrum der Debatten zu führen. Schon ihr Auftakt war fulminant: Drei Premieren in 36 Stunden, darunter „Wie im Himmel“, bei dem die Menschen vor Rührung weinten, dann „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ nach dem Roman von Robert Musil. Es gab drastische Bilder mit Nacktheit und Gewalt, einige Gäste verließen den Saal. „Das ist völlig in Ordnung“, sagt Bettina Jahnke, „obwohl es ist schade, dass sie nicht wissen, wie es zu Ende ging.“

Zu Beginn der Neusser Intendanz gab es Momente, „da wird man auf den Pott gesetzt“, erinnert sie sich, „teilweise gingen wir durch die Hölle, das Echo war sehr intensiv.“ Doch dann kochten die Themen Mobbing und sexuelle Gewalt in der Gesellschaft hoch, „und plötzlich hatten wir mit ,Törleß’ das Stück der Stunde.“

Eine pikante Zeit, doch die ist am Theater bekannt

Sie weiß noch nicht, mit welcher Schlagzahl sie in Potsdam beginnen wird. Zunächst führt sie Gespräche, um sich ein Team zu bilden. Sie wird sich Stücke in Potsdam anschauen, um zu gucken, mit wem sie weiterarbeiten möchte, dann „freundschaftliche Gespräche“ führen und gucken, ob die Leute überhaupt Interesse an ihr haben. Sie überlegt, wen sie aus Neuss mitnimmt. „Ja, das ist eine pikante Zeit, doch solche Situationen sind am Theater bekannt.“

Bettina Jahnke sagt, sie sei eine „stringente Geschichtenerzählerin“ und möge Autoren wie Tennessee Williams, Horváth und Ibsen, deren psychologischer Realismus sie begeistert. Am wichtigsten aber sei Vielfalt an einem Stadttheater, einem reinen Schauspielhaus, das für alle da sei. Von solch einem Stadttheater habe sie immer geträumt. In Neuss steht sie einem Landestheater vor, das durch Nordrhein-Westfalen reist, ohne feste und exklusive Bühne.

Berühren und Reiben, das sind Vokabeln, die ihr bei der Theaterarbeit gefallen. „Wir müssen uns bewusst sein, dass Theater ein Dinosaurier ist, wenn man es vergleicht mit Fernsehen, Handy und digitalen Medien. Das ist auch eine Chance, hier können wir Fragen stellen, die in unsere Tage passen: Was bedeutet Freundschaft in Zeiten, da man bei Facebook 120 Freunde hat, und was passiert bei Cybermobbing?“ Mit solchen Themen kriege man auch 18-Jährige ins Theater, denen man vorher – zu deren großem Bedauern – sagen müsse, dass sie im Stück nicht twittern dürfen. „Zwei Stunden auf die Bühne gucken, das fällt manchem nicht mehr leicht.“

Einmal gab es während der Probe in Neuss ausdrückliche Handy-Erlaubnis. „Für zehn Minuten standen wir bei Twitter ganz oben“, Bettina Jahnke lacht. Sie persönlich twittert nicht, „ist mir zu kurz“.

„Die Rheinländer in Neuss haben eine andere Mentalität als die Brandenburger“, glaubt Jahnke. „Das Rheinland ist katholisch, fröhlich, CDU und Schützenverein. Der Brandenburger aber hat einen Bruch mit der Wende erlebt. Das möchte er im Theater wiederfinden. Brüche findet man auch bei Fallada und Kästner, das ist toller Stoff.“

Es gebe die Zeit vor dem Bruch und die Zeit danach. Bettina Jahnke trinkt ihren Kaffee aus und überlegt, wo sie sich im Moment befindet. „Ich fühle mich genau dazwischen.“ Das scheint ein guter Zeitpunkt für den Anfang in Potsdam.

Von Lars Grote

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