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Moritz Götzes kunterbunte Welt des Glaubens

Kunst Moritz Götzes kunterbunte Welt des Glaubens

Leichtfüßig, fast flapsig geht der Hallenser Künstler mit religiösen Themen um. In der Ausstellung „Das Cranach-Experiment“ hat er die Lukas Cranachs Bildmotive in Pop-Art verwandelt. Das sieht ziemlich gut aus.

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Abendmahl, 2017 nach Lucas Cranach Emaillemalerei auf Holz montiert

Quelle: Moritz Götze

Berlin. Die Jünger haben’s sich gemütlich gemacht. Sie hocken eng beisammen auf Zeitungspapier, trinken und quasseln. Nur einer ist schon weggedöst, vielleicht hat er einen im Tee. Smartphones werden ausnahmsweise ignoriert, eines liegt am Rande des Freiluft-Gelages auf der Bank. Keiner wischt drauf rum, das bunte Völkchen in grünen, roten und lila Jäckchen hat genug zu bequatschen.

Persöhnlichkeiten der Deutschen Geschichte

Der Maler und Grafiker Moritz Götze, 53, beschäftigt sich immer wieder mit Persönlichkeiten der deutschen Geschichte, zum Beispiel mit Fürst Hermann von Pückler Muskau bei einer Ausstellung mehrer Kunstobjekte im Branitzer Park 2015 in Cottbus. In einer Performance auf der Wartburg rekonstruierte er gemeinsam mit dem Kulturtheoretiker Bazon Brock Luthers historischen Tintenfasswurf . Sie schmetterten mit Gallustinte gefüllte Glaskugeln auf die Wand der Studierstube. Daraus entstanden 99 großformatige Werke. Mehrere davon sind auch in der neuen Ausstellung zu sehen.

Die Ausstellung „Das CranachExperiment“ ist in der St. Matthäus-Kirche in Berlin-Tiergarten gegenüber von der Neuen Nationalgalerie zu besichtigen. Die Kirche ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag zwischen 11 und 18 Uhr. Am 7. Dezember findet ein Künstlergespräch mit Moritz Götze statt, es beginnt um 19 Uhr.

Die Potsdamer Galerie KunstKontor war an der Vorbereitung der Berliner Ausstellung beteiligt und hat schon mehrmals Moritz-Götze-Werke präsentiert. Weitere Informationen: www.kunst-kontor-sehmsdorf.de

Leichtfüßig, fast flapsig – so wirkt das an Lucas Cranachs Reformations-Altar angelehnte Emaillebild von Moritz Götze. Es bildet den Höhepunkt einer Ausstellung des Hallenser Künstlers in der St. Matthäus-Kirche in Berlin. Die Potsdamer Galeristin Friederike Sehmsdorf hat die Ausstellung, die den Titel „Das Cranach-Experiment“ trägt, mitorganisiert. „Schon Cranach hat die Menschen im Habitus des 16. Jahrhunderts gezeigt und auch Moritz Götze transportiert das Motiv in unsere heutige Zeit“, sagt Sehmsdorf. „Er holt das Heilige auf die Erde.“ Das gilt auch für die anderen Götze-Werke, die comic-artig und mit einem Hauch Melancholie religiöse Themen vom kirchlichen Pathos befreien. Die Motive sind frei von Frömmigkeitsaufrufen und strotzen doch vor Symbolik.

Das Abendmahl, quitschbunt

Das ungegart, am Stück und mit Messer servierte Lamm ist das einzige Detail in Götzes Abendmahlszene, das zu biblisch ist, um wahr zu sein . Es unterscheidet sich in der ansonsten quietschbunten Darstellung auch farblich. „Das Lamm ist golden“, sagt Sehmsdorf, „es symbolisiert das Leid Christi.“ Die Form des Bildes erinnert im oberen Abschnitt an eine Comic-Sprechblase, frei schwebt es über dem Altar der lichtdurchfluteten Kirche.

Die Galeristin kurvt um das Wörtchen „naiv“ herum, um Götzes typische Art zu beschreiben. Dann sagt sie, er gehe „unvoreingenommen“ an seine Themen heran. Tatsächlich schafft er es, selbst der Kreuzigungsszene das Martialische zu entziehen. Jesus ist aus bröckelndem Gold, seine Wunden bleiben verborgen. Kein Blut, das aus seinem Körper strömt, das Kreuz steht auf einer Blumenwiese, selbst der Totenschädel wirkt zwischen den bunten Blüten geradezu pittoresk. Kirche macht manchmal Angst, Götze macht schlicht Spaß. Schuld, Sühne, Vergebung – solche Themen schleichen sich fast unerkannt ins Werk.

Beichte mit Laptop und Energydrink

Da wäre zum Beispiel das Bild einer Beichte. Zwei Männer und eine Frau stehen auf einer Insel. Einer grübelt, der andere wendet sich mit Blümchen und Schlüssel in der Hand der Dame in sündenroten Kleidchen zu. Vom priesterlichen Zwiegespräch im kargen Kämmerlein keine Spur. Stattdessen ein aufgeklappter Laptop, daneben eine geöffnete Getränkedose – vermutlich ein Energydrink. „Die Beichte ist ja eigentlich eine liturgische Angelegenheit“, erklärt Sehmsdorf, „aber in unserer Gesellschaft hat es sich zu einer sozialen Funktion entwickelt.“ Götze überlässt es dem Betrachter, die angerissene Dreiecksgeschichte im Geiste weiterzuführen.

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Popig, grell und bunt. Moritz Götze hat Motive von Lukas Cranach in die Gegenwart transferiert. Die MAZ zeigt eine kleine Auswahl.

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Und wo sieht sich der Künstler selbst? Hinweise darauf lassen sich finden und frei deuten. Götze verteilt in seinen Szenen haufenweise Hinweise auf die Wegschmeiß-Mentalität einer Gesellschaft, in der alles im Überfluss vorhanden ist, die wahren Werte aber kaum noch auf Wahrnehmung stoßen. Kultur, Tradition, Schönheit. Ein Bild namens „Draußen“ zeigt einen Mann in seinen Gedanken verloren auf einem Hügel. Hinter ihm eine Landschaft, der der Charakter genommen zu sein scheint. Keine Menschen, nur Windräder, öde Felder und ein zerfallenes Kirchengebäude. So bunt kann Melancholie sein, es ist wie Pop-Art ohne Pop.

Von Maurice Wojach

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