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Kultur Netflix schreibt Festivalgeschichte: Goldener Löwe für „Roma“
Nachrichten Kultur Netflix schreibt Festivalgeschichte: Goldener Löwe für „Roma“
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17:24 09.09.2018
Regisseur Alfonso Cuarón. Quelle: AP
Venedig

Es ist wie ein Ritterschlag für Netflix. Bisher galt der Streamingdienst vor allem als Anbieter für Serien. Doch Netflix produziert immer mehr Filme – und konnte bei den Festspielen Venedig nun einen enormen Erfolg feiern. Gleich zwei Hauptpreise gingen an Netflix-Werke, darunter zum ersten Mal in der Festivalgeschichte sogar die höchste Auszeichnung für den besten Film: „Roma“ des Oscar-Preisträgers Alfonso Cuarón gewann am Samstagabend den Goldenen Löwen. Außerdem ging die Trophäe für das beste Drehbuch an die Brüder Ethan und Joel Coen für „The Ballad of Buster Scruggs“, ebenfalls von Netflix produziert.

„Roma“ ist ein vielschichtiges, wunderschön gefilmtes Werk über das Leben im Mexiko der 70er Jahre. Regisseur Cuarón fokussiert dabei auf zwei junge Frauen, die als Haushälterinnen bei einer wohlhabenden Familie leben und sich dabei auch um die Kinder kümmern. Cuarón erklärte, sein Werk sei eine Hommage an sein früheres Kindermädchen. Der Preis für den Film ist zugleich der erste Goldene Löwe für Mexiko.

So verdient die Auszeichnung aber auch ist: Sie wird den Streit um die Rolle von Netflix in der Kinowelt fortsetzen. Denn warum wird ein Film mit dem höchsten Preis eines Festivals ausgezeichnet, wenn er anschließend nur in wenigen Kinos und dafür vor allem beim Streamingdienst zu sehen sein wird? Beim Festival Cannes sorgte die Auseinandersetzung in diesem Jahr dafür, dass Netflix letztendlich all seine eingereichten Beiträge wieder zurückzog, darunter auch Cuaróns jetzigen Löwen-Gewinner.

Allerdings muss man gleichzeitig honorieren, wie viel Geld Netflix mittlerweile für hochkarätige Regisseure und herausragende Filme bereitstellt: Auch „Roma“ sowie der episodisch erzählte Western-Beitrag „The Ballad of Buster Scruggs“ der Coen-Brüder sind beides bemerkenswerte Werke – offensichtlich sah das die Venedig-Jury ebenfalls so. Für den Jury-Präsidenten Guillermo del Toro („Shape of Water“) bedeutet das starke Abschneiden von Netflix jedenfalls nicht den Untergang der Filmwelt. „Ich glaube nicht, dass dies der Anfang vom Ende für Irgendetwas ist“, sagte der Mexikaner am Samstagabend. Es sei eher die Fortsetzung von dem, was vor gut 100 Jahren mit der Erfindung von Film begonnen habe.

Bei der Preisverleihung war außerdem der starke Fokus auf Frauen auffällig. Nicht nur Cuarón stellte in „Roma“ mehrere Heldinnen in den Mittelpunkt. Auch die einzige Regisseurin im insgesamt sehr überzeugenden Wettbewerb konnte am Ende zwei Mal jubeln: Für „The Nightingale“ über die brutalen Anfänge der Kolonialzeit in Australien gewann Filmemacherin Jennifer Kent den Spezialpreis der Jury. Außerdem wurde ihr Hauptdarsteller Baykali Ganambarr mit dem Marcello-Mastroianni-Preis für den besten Jungdarsteller geehrt.

Deutlich enttäuschender war die Bilanz für den deutschen Film. Florian Henckel von Donnersmarck, der mit „Das Leben der Anderen“ den Auslands-Oscar gewann, hatte es mit „Werk ohne Autor“ zwar in den Wettbewerb geschafft. Doch das Künstlerdrama mit Tom Schilling in der Hauptrolle fiel nicht nur bei vielen Kritikern durch, auch bei der Preisverleihung ging der Film schließlich komplett leer aus. Unter den Gewinnern war außerdem keine einzige deutsche Ko-Produktion.

Von Aliki Nassoufis