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Kultur Neue Songs von Himmel und Hölle
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14:10 01.12.2017
Legte ein brillantes Album vor: Josh Ritter. Quelle: Laura S. Wilson
Potsdam

Versuchen wir es mal so herum: Bob Weir hat zuletzt ein paar veritable Country-Songs geschrieben. Die hat das Gründungsmitglied der Grateful Dead aber keineswegs allein verfasst. Er hatte dafür Unterstützung von Josh Ritter erhalten, einem Sänger, der seit beinahe zwei Dekaden immer wieder mit Platten hervorgetreten war – meist hübsch gezupfter Folk zumeist.

Hippie-Legende Weir, heute 70 Jahre alt, revanchierte sich derweil bei dem bescheidenen Sänger von Beziehungsgeschichten, der aus Moscow im Bundesstaat Idaho stammt und vom Alter her als sein Sohn durchgehen würde. Für das Stück „When Will I Be Changed“, das nichts anderes als ein Spiritual reinsten Wasser ist, spielte der Gitarrist mit Ritter. Auf dessen jüngstem Album ist zu spüren, dass der 41-Jährige auch in größeren Kategorie denkt, wenn er seine Americana-Entwürfe ausbreitet.

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Es ist – spät in diesem Jahr – einer dieser raren Glücksmomente, die einem zwar nicht den Glauben an die Menschheit, wohl aber den an die Gilde der Songwriter zurückgeben. Und das verdanken wir Harry Marte. Er kommt tief aus dem Westen – Österreichs. Ein knorriger, dabei nahbarer Typ mit einem tiefen Bariton, dem man die vom Leben mit mancher Härte gezeichneten Stories, seine kleinen Gebete und sein Ringen um aufrichtiges Erzählen sofort abnimmt. Ohne einen leisen Zweifel. Dabei klingt Marte, in seinem sechsten Lebensjahrzehnt, nicht so sehr nach dem Westen mit den staubigen Wüsten Amerikas. Aber auch das. Vielmehr würde man seine Herkunft eher in der Nähe der beiden großen Texaner vermuten. Und ja, damit ist es an der Zeit, noch einmal von Townes Van Zandt (1944–1997) und Guy Clark (1941–2016) zu sprechen, beide miteinander befreundet. Marte segelt sozusagen in ihrem Fahrwasser. Doch er paddelt auch durch die Everglades tief im Süden – Floridas. Der Folk-Blues von Harry Marte klingt schlicht wahrhaftig. Doch schlicht niemals. Denn seine gewieften Begleiter stehen da nicht zurück. Aus dem Jazz kommen sie, kennen sich aus mit den Stimmungen, der dunklen Wälder in den Appalachen, mit verloren taumelndem Walzer und dramatischen, schiefen Kontrasten wie es mitunter nötig scheint.

Harry Marte: Little Prayers. CrossCut Records/in-akustik.

Manchmal wartet man – auf eine klare Stimme wie Patty Moon eine hat. Sie setzt sich an den Flügel. Schlägt mit Bedacht die Tasten an. Umringt wird die junge Frau, die in der Nähe des Kaiserstuhls lebt, von Freunden, die Geigen, Bratsche, Cello und Kontrabass mitbringen. Hörner, Bass, Schlagzeug kommen hinzu. Patty Moon hat ein traumhaftes kammermusikalisch verankertes Kleinod geschaffen. Dramatisch, weil aufwühlend. Zugleich sind ihre zehn jüngsten Stücke aber auch zart, dunkel-romantisch und aufgeräumt – im Sinne von wohlgeordnet. Es wird sich leider nicht verhindern lassen, dass trübe Herbsttage wie gemacht sind – für eine Flucht zu dieser Stimme.

Patty Moon: Head For Home. Traumton Records/Indigo.

Soll heißen, es klappt hervorragend auch mit Band – und den damit wachsenden Möglichkeiten. Denn Josh Ritter formuliert seine Stücke neuerdings ziemlich traditionell gesonnen. Spielt Country wie der frühe Johnny Cash, ja rockt, schafft dem berühmten Twang Platz, setzt sogar Bläser ein. Von dort ist nur noch ein kleiner Schritt zu Soul, Gospel und Blues. Hat Ritter jetzt alles. Und, wie immer, Geschichten, den man nur allzu gern zuhören mag – von Anziehung und Abstoßung, von Liebe und Hass, von Himmel und Hölle, von Hochgefühl und Absturz.

Fabrizio Cammarata. Quelle: Promo

Fabrizio Cammarata stellt uns eine eindringliche Frage: „Wenn du in deinen Schatten schaust, was wirst du dort finden?“ Den eigenen Umriss, wird man antworten. Eine gültige Aussage, aber doch ziemlich dürftig. Denn sich selbst wahrnehmen, ja erkennen, dürfte ein schwierige Sache bleiben. Doch Grübeln sollte man. Cammarata stammt aus Palermo, doch seine Stücke sind keineswegs ein Stück Heimatkunde. Wiewohl er in seinen nachdenklichen Liedern, die auf Reisen entstehen und bald mit zahlreichen Reflexionen verschmelzen und mit Assoziationen aus Film und Kunst aufgeladen werden, schon darüber nachsinnt, was das sein kann - ein Zuhause. Oder was Glück bedeutet. Oder was eine Liebe aushält. Beziehungen haben Licht und sie haben – Schatten.

Die Konzerte: Josh Ritter und The Royal City Band spielen am Sonnabend, dem 2. Dezember, um 20 Uhr in der Passionskirche in Berlin-Kreuzberg. Fabrizio Cammerata gastiert am Sonntag, dem 10. Dezember, um 20 Uhr im Musik & Frieden in Berlin-Kreuzberg.

Von Ralf Thürsam

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