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00:18 21.05.2017
Szenenbild aus „89/90“ vom Schauspiel Leipzig beim Theatertreffen in Berlin. Quelle: Rolf Arnold
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Potsdam

Am Donnerstag gibt Tobias Wellemeyer die Stücke bekannt, die ab September am Potsdamer Hans-Otto-Theater (HOT) inszeniert werden. Was für Texte findet der Intendant für das Verständnis der Gegenwart brisant? Da es Wellemeyers Abschiedsspielzeit ist, wird er vielleicht weniger auf Quote und Ausgewogenheit achten.

MAZ hat bereits von zwei Uraufführungen Wind bekommen, die im Spielplan 2017/18 stehen. Das HOT will zwei erfolgreiche Romane für die Bühne bearbeiten: Juli Zehs „Unterleuten“ und André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“.

In der achtjährigen Ära Wellemeyer gab es am HOT viele Romanadaptionen. Die Potsdamer haben damit einen Trend aufgegriffen, der seit vielen Jahren in der deutschen Theaterlandschaft grassiert. Keine noch so epische Prosa war vor der Übergriffigkeit des deutschen Regietheaters sicher: nicht Thomas Manns „Zauberberg“, nicht Günter Grass’ „Blechtrommel“, nicht Dostojewskis „Dämonen“. Gerade erst gastierte das Schauspiel Leipzig beim Berliner Theatertreffen mit einer Aufführung der tagebuchartigen Erinnerungsprosa „89/90“ von Peter Richter. Die Bühnenfassung und Inszenierung von Claudia Bauer war durchaus bemerkenswert. Die von Schauspielern deklamierten Textschnipsel wurden durch einen 25-köpfigen Chor, durch Live-Videos und clowneske Maskeraden um intensive visuelle und akustische Effekte erweitert. Für einen Schauspieler gäbe es wahrscheinlich keine langweiligere Rolle als die des Erzählers. Die monologische Prosa wurde aufgesplittet und in eine Art szenisches Oratorium verwandelt.

Romanadaptionen am HOT

Das Hans-Otto-Theater brachte schon viele Romane auf die Bühne, so „Tschick“, „Der Eisvogel“, „Der Turm“, „Kruso“, „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“, „Auferstehung“, „Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem“.

Qualitativer Höhepunkt der Romanadaptionen am HOT war „Wellen“ von Eduard von Keyserling (Regie: Barbara Bürk, 2013). Hier wurde der Zuschauer durch Bühnenfiguren in eine Handlung reingezogen, auch wenn er den Roman nicht kannte. Bei der Dramatisierung von „3000 Euro“ von Thomas Melle blieben die Zusammenhänge der Erzählung auf der Strecke. Unbedarfte Zuschauer konnte mit dem szenischen Splitterwerk wenig anfangen (2015).

In diesem Jahr veranstaltete das HOT zum fünften Mal das „Wildwuchs-Festival“, um „Junge Texte fürs Theater“ zu fördern.

Die Regisseure müssen sich fragen lassen, warum sie aus Romanen so gerne Theateraufführungen stricken. Gibt es keine Dramatiker mehr? Fühlen sich die Theaterleute nur noch als Teil einer Verwertungskette? Haben sich damit abgefunden, kein Leitmedium mehr zu sein?

Axel Preuß ist Schauspieldirektor am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Als einer von drei Endjuroren hat er gerade beim renommierten Stückemarkt des Berliner Theatertreffens den Sieger mitbestimmt. „Wir hatten fast 300 Einsendungen. Der 30-jährige Bonn Park hat uns mit einer absurd-humorvollen politischen Satire überzeugt“, so Preuß. Mit Hilfe des Preisgeldes wird Park nun in Karlsruhe ein neues Stück entwickeln.

Doch was schreibt er für Dramen? Setzt er Charaktere gegeneinander und lässt sie reden? „Es sind Monologe mit dialogischen Einsprengseln“, erklärt Preuß in Abgrenzung zu den „Textflächen“, die durch Autoren wie Heiner Müller oder Elfriede Jelinek aufkamen. Auch viele jüngere Gegenwartsdramatiker wie der 49-jährige Roland Schimmelpfennig verzichten gern auf eine feste Zuweisung von Rolle und Schauspieler und wollen mit „postdramatischen“ Texten punkten. Schimmelpfennigs „Das schwarze Wasser“, mit dem das HOT die Saison 2015/16 eröffnet hat, bietet dem Zuschauer keine Identifikationsfigur an.

Preuß schwärmt: „Das deutsche Regietheater schafft es heute, Texte szenisch aufzubereiten, die man früher für unspielbar gehalten hat. Auf diese Expertise können wir stolz sein.“ Und in der Tat: Wer hätte es vor zehn Jahren für möglich gehalten, dass sich aus einem Ein-Wort-Stück großformatige, abendfüllende Inszenierungen herstellen lassen. Herbert Fritsch hauchte 2012 in der Berliner Volksbühne dem Text „Murmel Murmel“ ungeahntes Leben ein. Elf exaltierte Schauspieler nehmen sich immer wieder dieses einen Wortes an, deklamieren es einzeln, chorisch und in verschiedensten Betonungen, singen es und turnen dazu, und es wird keine Sekunde langweilig. Ausnahmeregisseur Fritsch könnte auch aus dem Telefonbuch eine Komödie oder Tragödie machen.

Doch das Schauspiel muss auf Inhalte und faszinierende Textvorlagen bestehen, will es als Genre bestehen bleiben und mehr sein als nur Entertainment. Woher aber die Stücke nehmen? Preuß räumt ein, dass die Generation der unter 50-Jährigen noch keine Gegenwartsdramatik hervorgebracht hat, die auf die große Bühne gehört. „Nur Stücke, die gut in der Studiobühne funktionieren.“ Der Stern der älteren Dramatiker-Generation (Volker Braun, Franz Xaver Kroetz, Tankred Dorst oder Botho Strauss) ist verblasst. „Heutige Stücke haben weder die Kraft noch das Format eines fünfaktigen Schillers“, räumt Preuß ein, um dann doch noch eine Ausnahme zu kommen: Lutz Hübner.

Seine Diskussionsstücke, etwa „Frau Müller muss weg“ oder „Richtfest“, wurden auch in Potsdam zu einem Publikumsmagneten. Die jüngste Uraufführung „Abend über Potsdam“ lieferte Hübner sogar im Auftrag des Hans-Otto-Theaters. Er schreibt Rollenspiele im konventionellen Sinne. Sie folgen einer Fernsehdramaturgie, leben von klärende Gesprächen, überschaubaren Geschichten und Figurenentwicklungen in einer geschlossenen Form. Zuschauer und Schauspieler fühlen sich in die Psychologie der Figuren ein. Es geht um die Herstellung einer Illusion.

Die gehobene Gegenwartsdramatik möchte aber auch den Irrwitz und die Unerklärlichkeit der Welt miterzählen. Allein, ihr fehlen dafür noch Form und Sprache. Sie besteht auf einer wichtigen Komponente, dem Verfremdungseffekt („Glotzt nicht so romantisch!“), der seit Bertolt Brecht beständig weiterentwickelt wird.

Regisseure fühlen sich also durchaus wohl, wenn sie nur Bruchstücke aneinanderreihen, wenn auf der Bühne Rollenprosa und beschreibende Texte wie auch unterschiedliche Stilmittel vermischt werden, wenn die Revueform vorherrscht. Preuß hält es für legitim, Stoffe auf die Bühne zu holen, die bereits viele Leser gefunden haben. „Nichts ist trostloser als ein leeres Theater“, sagt er, „warum also nicht große Namen und durchgesetzte Titel für die Bühne gewinnen?“

Doch Lesemuffel seien gewarnt. Der komplexe 640 Seiten-Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh könnte durch entschiedene Auslassungen und Zuspitzungen auf der Bühne nicht wiederzuerkennen sein. In der Aufführung von André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ werden sicher jene Pop-Titel erklingen, die im Buch eine große Rolle spielen und die sich der Leser dank Youtube schon in Erinnerung gerufen hat. Bühnenfassungen von Romanen können gelingen, aber auch scheitern.

Warum so viele Romane auf der Bühne? Die einen sehen darin eine Mutlosigkeit des Gegenwartstheaters, die anderen erfreuen sich am Potenzgehabe der Regisseure, die meinen, alles zu können.

Von Karim Saab

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