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Kultur Ohne Nostalgie: DDR-Alltag in Cottbus
Nachrichten Kultur Ohne Nostalgie: DDR-Alltag in Cottbus
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17:41 01.02.2016
Reges Treiben in der Cottbuser „Sprem“ – seit 1976 der beliebte Einkaufsboulevard der Stadt. Quelle: Stadtarchiv
Potsdam

Es war robust. Man konnte sich damit ins Bett legen und kam knitterfrei wieder heraus. „Präsent 20“ hieß das neue Großrundgestrick aus Kunstfasern – ab Herbst 1969 ein Verkaufsschlager. Produziert im Textilkombinat Cottbus (TKC). Einkaufsbeutel wurden daraus genäht. Und die Garderobe aus diesem Polyester-Stoff trug man auch drüben. Quelle und Neckermann orderten. „Da haben sie unseren Stufenrock für 28 DM verkauft und hier haben unsere Frauen 140 Mark im Exquisit bezahlt“, ärgert sich eine einstige TKC-Mitarbeiterin in einem der Zeitzeugen- Interviews, die in den 2000ern in ABM-Projekten geführt wurden. Diese füllen zehn Aktenordner.

Die Journalistin Dörthe Ziemer hat dieses Material für ihr Buch „Weißt du noch? – Mitten aus’m Cottbuser DDR-Alltag“ gesichtet und streut allerhand Rückblicke ein. Amüsant liest sich zum Beispiel, was sich Cottbuser Krankenschwestern einfallen ließen. Auf ihrer Feier in einer Gaststätte sollte es Steak mit Letscho und Pommes frites geben. Die Kammscheiben wollte die Wirtin besorgen. Wegen des Letschos musste kurzerhand der Küchenchef ihrer Betriebskantine flunkern, es käme eine ausländische Delegation. Was die Gewerkschaftsleitung einfach bestätigte. Dann wurden sechs Gläser der Sonderkonserve geliefert – wovon beide erstmal je eine für sich abzwackten.

Gab’s in der „Jugendmode“ Cordhosen, kam man später zur Arbeit

Überhaupt: Der Mangelwirtschaft widmet die 1977 geborene und in Luckau aufgewachsene Autorin etliche Seiten, mit Zitaten von Cottbusern. Wenn es hieß, in der „Jugendmode“ gab’s Cordhosen, kam man eben später zur Arbeit, erzählt eine Zeitzeugin. Und eine andere weiß noch, dass sie Schlafsäcke wollte. Oh Wunder – es gab Kaffeemaschinen! Da stellte sie sich natürlich da an. Glück hatte jene Mutter einer Großfamilie, die Bück-dich-Ware ergatterte. „Reichen Sie mir mal die Tasche rüber“, sagte die Verkäuferin. Und packte ihr eine Flasche Ketchup oder den begehrten Obstsaft für Babys ein. Zu lesen ist ebenso von Schikanen gegen Selbstständige. Ein privater Bäcker bekam Sultaninen erst, als die Weihnachts-Festbäckerei fast vorbei war. Er machte seinem Ärger Luft – prompt folgte ein Parkverbot vor seinem Laden.

Im Cottbuser Stasi-Gefängnis brach eine Häftlingsrevolte aus

Die Autorin und Journalistin Dörthe Ziemer. Quelle: Privat

Dörthe Ziemer beschreibt aber auch, wie sich am 17. Juni 1953 im Reichsbahnausbesserungswerk ein Demonstrationszug Richtung Zentrum formierte und nachmittags sowjetische Panzer auffuhren. Im Cottbuser Stasi-Gefängnis brach eine Häftlingsrevolte aus. Und ein Vater wettert gegen den Wehrkundeunterricht: „Es musste immer ein Feindbild her, und der Klassenfeind, das war die NATO. Das stellte schon indirekt eine Militarisierung der Jugend dar.“

Man liest Anekdoten über die „Spreewaldguste“, jene Spreewaldeisenbahn, die 1970 eingestellt wurde. Ein Kapitel gibt’s zur Cottbuser Altstadt, die verfiel, obgleich es in den 1960ern Bemühungen gab, einige Häuser zu rekonstruieren. Ein neues Stadtzentrum entstand. Mit Konsument-Warenhaus und der beliebten Mokka-Bar im „Kosmos“, wegen seiner Form „Sternchen“ genannt.

Dörthe Ziemer lässt das damalige Lebensgefühl der Cottbuser aufleben. Erinnerungen, bei denen man zuweilen schmunzeln kann. Das reich bebilderte Buch bedient aber nicht die Nostalgie-Schiene. Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument. Und eine Fundgrube für Nachgeborene, die wissen wollen, wie es dereinst im realsozialistischen Cottbus ihrer Eltern und Großeltern war. Ältere werden so manches Déja-vu-Erlebnis haben.

Info: Dörthe Ziemer: „Weißt du noch? – Mitten aus’m Cottbuser DDR-Alltag“, Herkules Verlag, 88 Seiten, 11,90 Euro.

Von Angelika Stürmer

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