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Nachrichten Kultur Ooh, aah, ooh – „Opium“!
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12:32 22.02.2018
Die farbige Rekonstruktion des Films „Opium“ stützt sich auf Nitrofilmelemente aus den Filmmuseen München und Düsseldorf und aus dem Filmarchiv Austria. Quelle: Berlinale
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Berlin

Die Gefahr lauert überall. Zunächst mal im Weibe. Aber gerne auch in fernen, exotischen Ländern. Die Menschen dort haben nämlich ein böses Gift erfunden, das brave europäische Ärzte und Familienväter ruckzuck zu sabbernden Schatten ihrer selbst macht: das Opium. Wenn dann noch ein rachsüchtiger Chinese ins Spiel kommt, sollte man um das Glück der Menschheit bangen. So in etwa lässt sich die Quintessenz von Robert Reinerts Stummfilm „Opium“ aus dem Jahr 1919 in ein paar Sätzen zusammenfassen. Doch nicht allein die bemerkenswerte Umkehrung historischer Tatsachen, was Verbreitung von Opium betrifft, macht diesen Film für uns heutige Zuschauer so sehenswert. Es ist absolut erhellend zu sehen, wie völlig selbstverständlich hier offen rassistische stereotype Darstellungen des hinterlistigen Chinesen oder des treuen indischen Dieners auf die Leinwand gebracht wurden. Der Film befremdet uns gleich in mehrfacher Hinsicht und macht das Hinschauen gerade deshalb so spannend: Die große Theatralik der Stummfilm-Ära wird hier nach allen Regeln der Kunst ausgespielt – die großen Gesten der Verzweiflung (einfacher Diademgriff, doppelter Diademgriff), die hinterlistig gerollten Augen, die vor Sehnsucht der Liebsten entgegengestreckten Arme. Wenn man sich darauf einlässt, hat das durchaus etwas für sich. Für das heutige Publikum ist das natürlich in erster Linie ein ernst zu nehmender Angriff auf das Zwerchfell.

Der Löwendschungel des Maharadscha

Es gibt in „Opium“ einige Kandidaten für die absurdeste Lieblings-Szene: Conrad Veidt als nach einem Unfall in Bandagen gehüllte Krankenbett-„Mumie“. Holde Nymphen aus den Opium-Träumen des geplagten Familienvaters, die von bockshörnigen, zotteligen Satyrn verfolgt werden. Verführerisch mit den Schleiern wedelnde indische Maiden. Und, am allerbesten: Irgendein Vollhonk hat für den in Indien spielenden Part doch tatsächlich den Schauplatz „Der Löwendschungel des Maharadscha“ ins Drehbuch geschrieben. Und das wurde dann allen Ernstes auch durchgezogen. Mit echten Löwen. Anscheinend gab es im Tierpark gerade einen akuten Tigermangel.

Rauschhafte Welt

Es ist durchaus plausibel, in den dargestellten Halluzinationen eine Widerspiegelung der Erschütterungen und traumatischen Erlebnisse vieler Soldaten des Ersten Weltkriegs zu sehen. Aber in erster Linie wird „das Gift“ hier exotisiert und sexualisiert. Obwohl es sich bei „Opium“ um eine recht aufwändige Produktion handelt, kommt der Film aber aus heutiger Sicht trotzdem wie ein B- bis C-Movie der Stummfilmära daher. Die Chinesen und Inder, die im Film massenhaft gezeigt werden, wurden alle – bis auf wenige Ausnahmen – mittels zweifelhafter Fantasie-Kostüme und viel Schmiere im Gesicht chinoisiert beziehungsweise indisiert. Was die Tänzerinnen unter indischem Tanz verstehen, hat eindeutig mehr mit den einschlägigen Berliner Vergnügungsetablissements zu tun als mit echten Tempeltänzen. Aber dennoch, und vielleicht gerade deshalb: Für kurze Zeit in die rauschhafte Welt von „Opium“ einzutauchen, lohnt sich.

Noch einmal am 20. 2., Zeughauskino, 21:45 Uhr

Von Tiziana Zugaro

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