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Ost-Berlin, 1983: Potsdamerin küsst Lindenberg

Herdith Kneffel ist seit Jahrzehnten Fan Ost-Berlin, 1983: Potsdamerin küsst Lindenberg

Das Bild hat sich eingeprägt. Kaum passiert Udo Lindenberg am 25. Oktober 1983 den Grenzübergang Invalidenstraße, stürzt sich eine blonde Frau auf ihn und schenkt ihm eine Rose. Das Mädchen in Ost-Berlin war die Potsdamerin Herdith Kneffel. Auch nach dem Fall der Mauer ist sie ein Groupie geblieben. Ihr Idol wird jetzt 70 Jahre alt.

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Herdith Kneffel (1983 mit Udo) und heute in ihrer Wohnung.
 

Quelle: Saab

Potsdam.  „Ich habe ein paar Fans seit den Fernseh-Dokus“, sagt Herdith Kneffel und lächelt. Da sind zum Beispiel Ines und Thomas aus Duisburg, sie spendieren der Gleichgesinnten am kommenden Freitag die Teilhabe am großen Stadion-Konzert in Gelsenkirchen. Herdith lebt in einer Potsdamer Plattenbau-Wohnung auf Hartz-vier-Niveau und könnte sich weder die Fahrt noch die Eintrittskarte leisten. Thomas wird sie mit dem Auto abholen und wieder zurück chauffieren. „Wir haben ausgemacht, dass er sich vor der Rückfahrt ins Ruhrgebiet bei mir ein, zwei Stunden aufs Ohr haut“, freut sich die 63-Jährige.

Udo Lindenberg, ihr gemeinsamer Leitstern, wird am Dienstag 70 Jahre alt. Der Rockmusiker hat mehr als 700 Lieder geschrieben und 34 Alben herausgebracht. Das aktuelle, „Stärker als die Zeit“, preisen die Kritiker gerade in den höchsten Tönen. In den Verkaufscharts wird sich die CD wohl eine Weile auf Platz eins festsetzen.

Udo Lindenberg wird nun wirklich 70

Herdith Kneffel als junges Mädchen mit ihrem Idol Udo Lindenberg

Herdith Kneffel als junges Mädchen mit ihrem Idol Udo Lindenberg.

Quelle: 3Sa

Der Nuschler, der auf seine schnoddrig-präzise Weise die deutsche Sprache im Popbusiness salonfähig gemacht hat, ist längst ein Klassiker. 3sat, das öffentlich-rechtliche Kulturprogramm, strahlt am heutigen Samstagabend gleich drei Udo-Lindenberg-Dokumentationen aus. In zweien kommt Herdith Kneffel als Kronzeugin zu Wort.

TV-Dokumentationen über Udo Lindenberg:

Rossacher „Udo und ich – ganz mein Ding. Freunde und Fans feiern Lindenberg. (90 Minuten) 3sat, 14. Mai, 21.55 Uhr. Hannes

Reinhold Beckmann/Falko Korth: „Die Akte Lindenberg. Udo und die DDR.“ (60 Minuten) 3sat, 14 mai, 23.25 Uhr.

Udo Lindenberg & Das Panikorchester (90 Minuten) 3sat, 15 Mai 0.25 Uhr.

Falko Korth: „Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit“. (90 Minuten) noch bis 30. Mai verfügbar unter www.ardmediathek.de

In ihrer kleinen Wohnung im vierten Stock drängte sich im Herbst ein Kamera-Team. Nach dem Film „Udo und die DDR“ (2010) hatte sich Herdith Kneffel bei den Fernseh-Leuten gemeldet. Vorausgegangen war ein Verdacht, sie könnte im Auftrag der Stasi auf Lindenberg angesetzt gewesen sein. Geäußert hatte ihn kein Geringerer als der Fernsehmoderator Reinhold Beckmann. Der hatte als junger Journalist zu den WDR-Leuten gehört, die am 25. Oktober 1983 über Lindenbergs Auftritt im Palast der Republik einen Bericht drehte. Die damals 31-jährige Herdith Kneffel hatte an diesem Dienstagmorgen im Radio gehört, dass Lindenberg über den Grenzübergang Invalidenstraße mit dem Auto in die DDR einreist. In ihrem Betrieb, dem VEB Geräte- und Reglerwerke Teltow, wurde die Steno-Phonotypistin damals schon scherzhaft „Frau Lindi“ genannt. Unter diesem Namen hat sie heute noch ihre Telefonnummer im Handy abgespeichert. „Ich war damals nicht politisch. Dass Udo dann so viel für die deutsche Einheit getan hat, damit war damals noch nicht zu rechnen“, sagt sie. „Rückblickend finde ich das aber gut.“

Udo Lindenberg

Udo Lindenberg: Der Schwarm der Frauen.

Quelle: dpa

Kurzentschlossen teilte Frau Lindi ihrem Chef im VEB mit, sie könne an diesem Tag nicht arbeiten, sie müsse da eben mal nach Ostberlin. Herdith umkurvte also mit dem „Sputnik“ das ummauerte Westberlin, stieg in Schönefeld in die S-Bahn und kaufte am Bahnhof Friedrichstraße noch eine Rose.

„Ich war die erste, die ihm um den Hals fiel“

„Vor dem Übergang standen etwa 40 Leute und warteten, ich war dann aber die erste, die auf sein Auto zustürzte und ihm um den Hals fiel. Ich wollte ihn gar nicht mehr loslassen. Aber irgendwie reagierte er reserviert.“ Die Kameras nahmen die Szene auf. Dass die schöne Blonde aus Osten dem Rockstar aus dem Westen einen Brief zugesteckt hatte, konnten alle, auch die Genossen, sehen.

Herdith Kneffel, Mutter eines Sohnes und seit 1986 geschieden, wurde nie von der Stasi vernommen. Aber ihre Eltern waren beide in der SED und bekamen Ärger. Vor allem sollte ermittelt werden, was in dem Brief stand. Die Mutter arbeitete als Pförtnerin in der Parteihochschule und hatte 1976 der Tochter sogar die Lindenberg-Platte „Sister King Kong“ besorgt. Da die Kneffels keine Westverwandten hatten, musste sie ihre Beziehungen spielen lassen. Die LP schmückt heute mit anderen Devotionalien die rustikale Schrankwand.

Eine Entschuldigung an Udo Lindenberg

Herdith hatte 1983 ihrem Angebeteten geschrieben, dass nur ausgewählte FDJler und keine echten Fans zum Republikpalast-Konzert zugelassen waren. Auch heute möchte sie sich bei Udo Lindenberg für ihre häufige Abwesenheit bei seinen Konzerten entschuldigen. Wenn er wüsste, mit wie wenig Geld sie über die Runden kommen muss und dass sie oft nur mit starken Medikamenten die chronischen Rheuma-Schmerzen erträgt! Das lässt sich aus ihrem faltenlosen, sorgfältig geschminkten Gesicht nicht herauslesen.

„Ich wollte ihn gar nicht  mehr loslassen“

„Ich wollte ihn gar nicht mehr loslassen.“

Quelle: Karim Saab

Das Verhältnis zwischen ihr und Udo wird vielleicht irgendwann von Historikern untersucht. Noch kann sie nicht sagen, warum Lindenberg auf keinen ihrer Briefe geantwortet hat, die sie auch noch später in den Westen schmuggeln ließ. Als sie sich beim Zentralkomitee 1984 schriftlich darüber beschwerte, dass die versprochene Lindenberg-Tournee durch die DDR annulliert worden war, bekam sie sogar einen Termin. Den Worten ihres Gegenübers dort entnahm sie, dass Lindenberg in einem Gespräch mit FDJ-Chef Egon Krenz einige Sätze aus ihrem Brief vorgelesen haben könnte.

Die Filmaufnahmen vom 25. Oktober 1983 haben sie vielleicht vor der Verfolgung durch die DDR-Behörden geschützt. Dachte Udo wirklich, sie sei eine Stasi-Agentin? Oder bekam Udo so viel Fanpost, dass er die Briefe von Herdith gar nicht wahrnahm?

 Udo Lindenbergs „Udogram“ für die Ewigkeit

Mittlerweile hat Udo die Potsdamerin in sein großes Herz geschlossen. Er gab Herdith sogar seine Handynummer. Auf manche SMS erhielt sie sogar eine Antwort. Und Udo rief auch schon mal an. Am 6. November 2014 arrangierte der Regsisseur Falko Korth dann eine persönliche Begegnung mit Herdith. Das „Udogramm“, das er mit einem Edding auf ihren Unterarm kritzelte, ließ sich die tapfere Frau anschließend in einem Potsdamer Tattoo-Studio in die Haut einbrennen.

Udo Lindenberg hat Herdith Kneffel die ein oder andere SMS geschickt

Udo Lindenberg hat Herdith Kneffel die ein oder andere SMS geschickt.

Quelle: dpa

Heute ist Herdith Kneffel Teil von Udos großer Freak-Show. Mit Figuren wie Rudi Ratlos, Elli Pyrelli und vielen anderen Persönlichkeiten der „bunten Republik Deutschland“ bewies Lindenberg schon immer einen ausgeprägten Sinn für schräge Vögel. Hätte sich Udo in den 1990er Jahren nicht aus seiner Alkohol-Abhängigkeit befreit, wäre sie einem gescheiterten Rockstar aufgesessen. Doch hinterm Horizont ging es weiter. Und etwas vom Glanz dieses deutschen Superstars färbt heute auch auf Herdith Kneffel ab.

Von Karim Saab

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