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Kultur So lief die „Othello“-Premiere am Hans-Otto-Theater
Nachrichten Kultur So lief die „Othello“-Premiere am Hans-Otto-Theater
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00:20 31.10.2018
Othello (Andreas Spaniol), Cassio (Moritz von Treuenfels), Desdemona (Laura Maria Hänsel) und Jago (Michael Meichßner, v. l.). Quelle: Thomas M. Jauk
Potsdam

 Jago ist ein „Player“, wie man das heute nennt, ein Spieler, der sich in die Nacht stürzt und nicht weiß, ob er am nächsten Morgen blutend in der Pfütze liegt, oder ob ihm der Club gehört, in dem die schönsten Frauen tanzen. Man nennt sowas auch Borderline, die kranke Suche nach Extremen, noch so ein englischer Begriff – was ganz gut passt, weil wir vom Stück „Othello“ sprechen, geschrieben hat es der größte englische Dichter: William Shakespeare. Jago ist ein Mensch aus seinem Reagenzglas, einer der verkommensten. Aber auch der dankbarsten, wenn man es aus Sicht der Schauspieler sieht.

Im Deutschen kennen wir so jemanden wie Jago nur als Mephisto aus dem „Faust“. Irgendwie ekelig, aber eben auch sehr klug, und – dürfen wir das sagen? – erotisch. Wir wollen es mit Jago nicht zu weit treiben, aber auch „Stromberg“ war so ein Typ im deutschen Fernsehen. Keine Regeln, kein Benimm, zwar asozial, am Ende aber meist ein Ass im Ärmel.

Elastische Körpersprache

Die Potsdamer Premiere von „Othello“ im Hans-Otto-Theater am Samstag war eine ausgeprägte Ein-Mann-Show, Jago hier, Jago da. Am Ende wird er nicht mal gnadenlos bestraft, wie Shakespeare das im Grunde vorgesehen hat. Regisseur Mario Holetzeck ließ ihn davonkommen, inmitten der Toten, fast als einzigen, wie hatte er sich das verdient? Gespielt wird Jago von Michael Meichßner, der seine Rolle so elastisch angelegt hat, was die Körpersprache anging, und so scheinheilig, was alles andere betrifft (Rhetorik und moralische Haltungsnoten), dass er sich die Unsterblichkeit an diesem Potsdamer Abend verdient hat.

Othello (Andreas Spaniol) übergeht diesen Jago bei der Beförderung zum Leutnant, stattdessen wählt er Cassio (Moritz von Treuenfels), den er „liebt“. Ja, Othello ist bei Shakespeare ein Mann der Liebe, trotzdem ein Egomane, einer, der blind ist vor Vertrauen, das ihn in die Irre führt in jener Branche, die ihn groß gemacht hat: der Kriegsführung. Dieser Othello ist selbstbewusst im Kampf, doch wackelig und eifersüchtig im Frieden. Leider fällt der Krieg aus, die Osmanen ertrinken vor Zypern, bevor es dort zur Schlacht kommt.

Ein buchstäblich blasser Othello

Vor allem aber ist Othello bei Shakespeare ein Schwarzer, ein „Mohr“. Einer, den die Leute in Venedig achten, aber seinem Selbstbewusstsein misstrauen. Sie fänden eine Spur von Demut angemessener für diesen Fremden. Bei Regisseur Holetzeck ist Othello ein Albino, wie er genannt wird, er ist weiß geschminkt, so hell, so blass, dass man das leider wörtlich nehmen muss. Der Potsdamer Othello ist kein echter Gegenspieler für den Intriganten, den Player, den Borderliner, den Stromberg-Typus Jago.

Andreas Peschel am Klavier spielt auf der Bühne Barmusik, als sei die Story eine sichere Sache, eine unaufgeregte Posse, deren Verlauf so deutlich ist, dass man sie wie ein Salonstück begleiten kann. Erst am Ende, wenn alle sterben, zieht er andere Saiten auf.

Sätze ohne Fallhöhe

Holetzeck sagt über seinen Potsdamer Othello: „Er hat keinen Migrationshintergrund. Er ist kein Farbiger. Er ist weiß. Der Andere. Der Fremde. Er will unbedingt zu dieser Gesellschaft gehören, möchte ein Teil von ihr sein. Akzeptiert. Assimiliert. Es geht um einen Menschen auf der Suche nach seiner Bestimmung und Identität im Heute und Hier.“ Mit diesen Allgemeinplätzen tut der Regisseur seiner Inszenierung keinen Gefallen, er nimmt ihr jede Fallhöhe, weil diese Sätze so grundlegend wahr, dehnbar und beliebig sind, dass sie auf der Bühne zur Wirkungslosigkeit schrumpfen.

Warum wird Othello in Potsdam von seinem Schwiegervater als „Entartetes Etwas“, „Freak“ und eben „Drecksneger“ beschimpft, wenn die Hautfarbe ausdrücklich keine Rolle spielen soll? Othello ist eine präzisere Figur, als es das Zitat von Holetzeck wahr haben will. Der General ist selbstbewusst durch seine Kriegserfolge – und doch ganz offensichtlich, also äußerlich stigmatisiert.

Im Vorhang verheddert

Der Abend beginnt mit Schwung, Jago möchte den Vorhang öffnen, verheddert sich im Stoff, so wie er sich zeitweilig in den Strategien seiner Destruktivität verläuft. Am Ende geht der Vorhang auf, und Jago kann ihn nur mit Mühe daran hindern, sich abermals zu schließen. Als wisse Jago selbst nicht recht, ob das tatsächlich jeder sehen soll, wie er sich mit Wolllust in seinen Entschluss wirft, Rache daran zu nehmen, nicht zum Leutnant ernannt worden zu sein. Er will Othello glauben machen, dass dessen Gattin Desdemona (Laura Maria Hänsel) ihn mit Cassio betrügt, damit er sie umbringt.

Für die Entwicklung der Intrigen schlägt Holetzeck zunächst ein Tempo an, das erfrischt, kleine Kniffs wie Standmikrofone und die sinnliche Karikatur eines Beischlafs kommen hinzu. Das ist fulminant. Und erfrischend farbenfroh und pointiert (Kostüme: Alide Büld). Doch als es nach Zypern in die erwartete Schlacht geht, den weit größeren Teil des Abends also, bleibt die Kulisse trist (Bühne: Juan León), nur Betonwände. Das sagt uns, hier wird kein Schmuck gewünscht, denn es gehe hier um ein Charakterstück. Als Charakter wird nur Jago ausbuchstabiert. Das Sterben wiederum wird ausgedehnt, fast ausgekostet, dazu Engelsmusik vom Band. Wo bleibt das Gespür fürs Timing, das zu Beginn noch in den Bann geschlagen hat? Es wirkt, als seien sie sich letztlich selbst nicht sicher, warum sie diesen „Othello“ unbedingt spielen wollten.

INFO Weitere Vorstellungen am 2.11., 3.11., 14.11, je 19.30 Uhr, 2.12. um 15 Uhr. Hans-Otto-Theater Potsdam, Schiffbauergasse 11. Karten in der MAZ-Ticketeria unter 0331/2840284.

Von Lars Grote

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