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Kultur PJ Harvey geht in der Zitadelle auf Distanz
Nachrichten Kultur PJ Harvey geht in der Zitadelle auf Distanz
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07:16 21.06.2016
PJ Harvey bei ihrem Konzert in der Zitadelle Spandau. Quelle: POP-EYE
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Berlin

Saxophone sind wie Bundestrainer – jeder hat eine Meinung zu ihnen. Einige lieben das Instrument, weil es für die perfekt durchchoreografierten Stadionkonzerte von Mainstream-Helden der 90er-Jahre steht. Andere hassen es aus demselben Grund. Die notorisch unangepasste Indie-Ikone PJ Harvey hat sich ausgerechnet das Saxophon als prägendes Instrument für ihr aktuelles Album „The Hope Six Demolition Project“ ausgesucht. Beim einzigen großen Konzert in Deutschland auf der Zitadelle in Berlin-Spandau spielt sie es am Montagabend sogar selbst, oder besser gesagt – mal wiegt sie es wie ein Kleinkind im Arm, mal malträtiert sie es.

So jaulend schief passt es perfekt zum schroffen Sound einer Musikerin, deren Kunst so behaglich ist wie das Nickerchen auf einem Nagelbrett. Für das neue Werk reiste PJ Harvey dorthin, wo es richtig weh tut. Sie fuhr mit einem Kriegsfotografen unter anderem durch den Kosovo, in die Ghettos amerikanischer Großstädte und nach Afghanistan.

Bühnenshow ohne Feuerwerk und High-Tech-Videos

Das Berliner Konzert kommt ebenso düster wie auch direkt daher. Vor fast genau einem Jahr spielte Björk auf derselben Bühne. Noch so eine exponierte, beeindruckende Frau, die sich vom beliebigen Rest der Popwelt abhebt. Die Bühnenshow von PJ Harvey ist trotzdem ein Gegenentwurf zur isländischen Kunstfigur. Kein Feuerwerk, keine High-Tech-Videos. Statt flimmernder Leinwände wird ein grauer Hintergrund aufgefahren, der einem Lüftungsschacht ähnelt. Die Musik der Britin kommt rau und unelektronisch daher. Die Botschaften der Songs, wie etwa „The Community of Hope“, einer Abrechnung mit der amerikanischen Drogen- und Sozialpolitik, sind schonungslos. „Und die Schule sieht wie ein Scheissloch aus“, heißt es im Text, der ein Viertel in Washington als eine von Zombies bewohntes Drogennest beschreibt.

Sie protokolliert das globale Elend

Mit eindringlicher Stimme, begleitet von langjährigen Wegbegleitern, wie Mick Harvey und John Parish, offenbart sich die Sängerin als unversöhnliche Wundenkratzerin. Sie protokolliert das globale Elend und verpackt es in mal traurige, mal aufrüttelnde Melodien. Ein schöner Abend über eine unschöne Welt. Dabei versucht PJ Harvey erst gar nicht Versöhnlichkeit vorzugaukeln. Sie spart sich die Begrüßung, sie stellt zwar ihre zehn Musiker vor, weitere Ansagen aber bleiben aus. PJ Harveys Weltsicht wirkt zu düster für das Tageslicht. Und als das nach dem mehr als eineinhalbstündigen Konzert der Dämmerung, verschwindet eine große Künstlerin unter großem Applaus von etwa 7000 Fans.

Von Maurice Wojach

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