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Paula Fürstenberg befragt DDR-Veteranen

Roman Paula Fürstenberg befragt DDR-Veteranen

Sie war zwei Jahre alt, als die Mauer fiel. Paula Fürstenberg ist in Potsdam aufgewachsen und debütiert mit einem Roman, der das Leben in der DDR zum Thema hat. In die Fiktion mischen sich viele Fragen, die sich der Autorin selber stellen.

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Paula Fürstenberg

Quelle: Joachim Gern

Potsdam. Hat Opa die DDR aus echter Überzeugung verteidigt? Konnte Papa nicht studieren, weil er zu unangepasst war oder war er zu doof? Und warum saß der Onkel wirklich im Gefängnis?

In vielen Familien stellen sich solche Fragen. Wer will schon seine Ahnen bloßstellen? Die Antworten folgen in der Regel den Selbstdarstellungen der Alten. Und ihren Interpretationslinien.

Die Ich-Erzählerin im Roman „Familie der geflügelten Tiger“ heißt Johanna und lässt sich von der Berliner BVG zur Straßenbahnfahrerin ausbilden. Die Straßenbahnlinien, die sich – historisch bedingt – vor allem im Ostteil der Stadt befinden, muss sie sich einprägen und ihre eigene Linie im Leben noch finden.

Johannas biografische Ausgangsstation ist nicht ganz klar, denn sie kennt den eigenen Vater nicht. Als sie zwei Jahre alt war, kam es zum Bruch. Verließ der Vater am 4. Oktober 1989 die Kleinfamilie, um „im Westen ein berühmter Rockmusiker zu werden“, wie die Mutter behauptet? Oder hatte sein Verschwinden politische Gründe? War er gar inhaftiert? Nicht zuletzt deutet auch einiges darauf hin, dass die Mutter, die sich stets verlässlich um die Tochter gekümmert hat, für die Stasi tätig war.

Die Potsdamer Autorin Paula Fürstenberg ist noch keine 30 und debütiert nun in einem angesehenen Publikumsverlag mit einem fiktiven Roman, der eigene Lebensthemen aufwirft. Zum einen kennt sie selbst ihren Vater nicht. Zum anderen wuchs sie in einer Welt auf, in der ständig von dieser DDR die Rede war – im Guten wie im Schlechten.

Kein Wunder also, dass sie ihre Ich-Erzählerin ermitteln lässt, wie sich einst die Sphären des Politischen und des Privaten überschnitten. Nach dem Ende einer Diktatur braucht es oft Jahrzehnte (erinnert sei nur an 1968), bis eine nachgeborene Generation die Lebenslügen der Eltern mit gezielten Nachfragen aufdeckt. Die Stoßrichtung kann dabei sehr unterschiedlich sein: Etwa: Warum seid Ihr damals gegen das Unrecht nicht eingeschritten? Oder: Warum habt Ihr den DDR-Sozialismus nicht gerettet?

Auf der „Erika“ getippt

Jahrgang 1987 , wuchs Paula Fürstenberg in Potsdam auf. Nach dem Abitur, das sie auf dem Evangelischen Gymnasium Hermannswerder ablegte, ging sie für zwei Jahre nach Frankreich.

Von 2008 bis 2011 studierte sie am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Ihr Mentor war der Schweizer Schriftsteller Silvio Huonder, der in Ferch bei Potsdam lebt.

Ihr Onkel war der Bildhauer Rainer Fürstenberg (1961-2013), dessen Metallskulpturen den öffentlichen Raum an vielen Stellen (zum Beispiel in Potsdam die Notenständer vor dem Nikolaisaal) nachhaltig bereichern.

Um sich das Lebensgefühl in der DDR besser vorstellen zu können, kaufte sich Paula Fürstenberg eine manuelle Erika-Schreibmaschine und tippte auf ihr das Manuskript ab.

Das Buch: Paula Fürstenberg: Familie der geflügelten Tiger. Kiepenheuer & Witsch, 238 Seiten, 18,99 Euro.

Paula Fürstenbergs Figur Johanna verbindet ihre Vatersuche mit solchen Fragen. Und es ist geradezu ein metaphorisches Bild für das Verhältnis zwischen DDR-Veteranen und deren Kinder, dass es für eine echte Aussprache zu spät ist. Als sie den leiblichen Vater in einem Krankenhaus aufspürt, hat er im letzten Stadium Krebs und kann nicht mehr reden.

Johanna vermag es nicht, sich als Richterin aufzuspielen. Moralisch wird sie immer gleichgültiger. „In einer Familie gibt es keine Wahrheiten, es gibt nur Geschichten“, meint der BVG-Fahrlehrer, ein Satz, der dann auch als Headliner hinten auf dem Buchumschlag steht. Der Mann gesteht ihr in einer schwachen Sekunde, einmal - „bevor die DDR zum Unrechtsstaat erklärt wurde“ - für die Stasi eine Namensliste erstellt zu haben. Und beginnt hinter ihrem Rücken ein Verhältnis mit ihrer Mutter.

Johannas Hoffnung, die „Wahrheit“ in den Stasi-Akten zu finden, führt Paula Fürstenberg ad absurdum, indem sie immer wieder in Schreibmaschinen-Typografie Spitzelberichte und interne Abschlussberichte einflicht. Deren Diktion suggeriert dem Leser zunächst, im Lichte der Akten ließe sich wirklich etwas aufklären. Doch die IM-Berichte wirken von Anfang an unauthentisch, weil sie kaum etwas über den Informanten mit dem Namen „Selene“ preisgeben. Ab Buchmitte werden die Dokumente zusehends abstruser und im Ton literarischer. Die Autorin treibt mit den Lesern ein irritierendes Versteckspiel und kreiert einen vielschichtigen Nebel der Vermutungen. Einige historische Fehler und Unschärfen verdeutlichen, wie schwer es für eine Nachgeborene ist, das Leben in der DDR zu rekonstruieren. Aber das wollte Paula Fürstenberg vielleicht auch gar nicht. Als Autorin glaubt sie nur den Akten, die sie selber gefälscht hat. Ihr geht es um die Wertschätzung von Menschen, die sich in ihrer Geschichte eingerichtet haben.

Von Karim Saab

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