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Kultur Pearl Jam bringen die Fans in Berlin zum Träumen
Nachrichten Kultur Pearl Jam bringen die Fans in Berlin zum Träumen
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00:43 06.07.2018
Eddie Vedder ist Wanderprediger und Rockstar, am liebsten trägt er Karohemden. Quelle: DPA (Archiv)
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Berlin

 Pearl Jam spielen vor einer nackten Wand, massiv Beton, rechts und links zwei überlebensgroße Monitore, die Bilder sind schwarz/weiß. Wie im französischen Autorenkino aus den 60ern. Die Band aus Seattle, USA, feiert eine Messe des Minimalismus, selbst die Lampen flimmern dezent. Nirgendwo das überreizte Zucken der Kollegen aus der Heavy-Metal-Branche.

Es ist Donnerstag, der Sommer steht in voller Blüte, und Eddie Vedder, Sänger von Pearl Jam, betritt die Waldbühne im Karohemd. Das ist für ihn Berufskleidung, er ist ein Rockstar und ein Wanderprediger, seine Kluft will sagen: Wenn ich auf Konzerten keinen Sinn mehr finde, wenn die dröhnenden Gitarren mir nichts mehr erzählen, werfe ich die Motorsäge an und gehe in den Wald. Bäume fällen. Aktuell in Berlin stehen sie knapp zehn Meter hinter ihm. Der Grunewald gibt sich gelassen, Vedder fühlt sich auf der Bühne pudelwohl, die Bäume müssen nichts befürchten. Doch die Natur ist immer Fixpunkt oder Referenz für einen aufgeklärten und sensiblen Kerl wie ihn.

Gründer des Grunge

Pearl Jam haben sich Anfang der 1990er-Jahre im amerikanischen Seattle gegründet. Aus derselben Stadt stammen die Bands Nirvana und Soundgarden, mit denen Pearl Jam den Grunge definiert haben, eine Kreuzung aus Punk und Metal.

Die Besetzung von Pearl Jam ist seit 1991 konstant geblieben, nur auf der Position des Schlagzeugers gab es wiederholt Wechsel. Seit 1998 aber sitzt unverändert Matt Cameron an den Drums.

Auf dem dänischen Roskilde-Festival wurden im Jahr 2000 bei einem Massensturz, ausgelöst durch Euphorie und aufgeweichten Boden, neun Menschen zu Tode gequetscht. Die Band sagte ihre weitere Tournee ab.

Bislang haben Pearl Jam zehn Studioalben veröffentlicht, ihr bislang letztes war „Lightning Bolt“ aus dem Jahr 2013. Keines kam in Deutschland auf Platz eins. In ihrer Heimat Amerika hingegen stiegen fünf Alben auf den Spitzenplatz. Ihr Debüt „Ten“ aus dem Jahr 1991 verkaufte sich mehr als 15 Millionen Mal und ist damit die erfolgreichste Platte der Band.

Die Waldbühne ist ausverkauft, knapp 25000 Menschen haben an die 100 Euro für ein Ticket investiert, weil sie wissen, dass Pearl Jam live eine Naturgewalt sind. Sie spielen auch an diesem Abend länger als zweieinhalb Stunden. Ihre Setlist wechselt ständig – wobei die Maßstäbe der ausgewählten Songs oft rätselhaft erscheint. Wie kann es sich eine Band leisten, drängende, gut betankte und traumschöne Lieder wie „Gonna See My Friend“ oder „Supersonic“ in Konzerten chronisch zu vergessen? Ist das liebenswerter Eigensinn, oder doch schon fahrlässig?

Die einzige Extravaganz der Band ist eine schock-orangene Gitarre, später gibt es eine rosa-pinke auf der Bühne. Was freilich auf schwarz-weißen Monitoren keiner sieht. Dort herrscht die Ästhetik des Jazz aus den 60er-Jahre in New York. Inhaltlich aber feiern Pearl Jam die Zeit des Grunge, vielleicht die letzte Phase überhaupt, in der die populäre Rockmusik noch aggressiv war. Heute wird der Missstand von der Musik ja melancholisch bekämpft. Oder eben betäubt.

Ein erster Höhepunkt: „Even Flow“

Es ist noch hell, das Konzert beginnt um 20 Uhr. „Heute können wir jeden sehen“, sagt Eddie Vedder, er sagt es auf Deutsch, weil er Nähe zu den Leuten sucht. Ein erster Höhepunkt nach 40 Minuten: „Even Flow“ vom Debütalbum „Ten“, das 1991 erschien. Viel aus der frühen Zeit ist im Programm, was nicht durchweg plausibel scheint, weil sich die Band im brachialen, rockigen Sektor auf ihren Alben der letzten 15 Jahren klar verbessert hat.

Berührend der Song „Daughter“, zu der ein kleines Mädchen auf die Schultern seiner Eltern steigt und klatscht, Eddie Vedder dirigiert den Kamermann, er möge das Mädchen filmen. Ein familiärer, fast woodstockhafter Augenblick. Es gibt noch einen zweiten, der freilich surreal und wie ein Comic wirkt: Die Leute werfen ihre Pappen durch die Luft, in denen sie das Bier geholt haben, sechs Becher passen in die Pappe. Sie fliegen kreuz und quer, wie Heuschrecken sausen sie durch den Dämmer der Sommerluft. Eddie Vedder dirigiert den Schwarm mit einer Leichtigkeit, als stehe er auf dem Pult der Philharmonie.

Eddie Vedder hat den Tod gesehen

Vedder ist ein Überlebender. Die Sänger der zwei anderen großen Grunge-Bands aus Seattle, Nirvana und Soundgarden, haben sich das Leben genommen: Kurt Cobain im Jahr 1994, Chris Cornell 2017. Auch Eddie Vedder hat den Tod gesehen, auf dem dänischen Roskilde-Festival starben neun Fans im Jahr 2000 bei einem Konzert von Pearl Jam. Bei einem Massensturz, ausgelöst durch Euphorie und rutschigen Boden, kamen sie ums Leben. Vedder hat seither die Attitüde eines Vaters auf der Bühne, der sich darum kümmert, dass niemand zu Schaden kommt. Nachdenklich war er immer schon, mitunter etwas nölig, doch in dieser herrlich warmen Berliner Nacht steht ihm eine Freude im Gesicht, die mit der Spielart des Grunge bisher als nicht vereinbar galt.

Nach zwei Stunden werden selbst die Monitore an den Bühnenrändern farbig. Vedders gute Laune macht sich breit in bonbonbuntem Licht. Pearl Jam spielen „Comfortably Numb“ von Pink Floyd, ein Stück, das man nur nach Sonnenuntergang singt, weil es sich mit Helligkeit halt nicht verträgt. Vedder gibt dem Stück keine erkennbar eigene Note, es geht eher durch als Huldigung an Roger Waters, der den Song geschrieben hat. Dann „Alive“, der wohl größte Hit der Band, auch er aus dem Debüt. Von Neil Young covern sie „Rockin’ in The Free World“, denn Young ist ein Bruder oder besser: ein Vater im Geiste. Mit ihm nahmen sie sein Album „Mirror Ball“ auf, 1995 erschienen, eines der besten von Pearl Jam. Auch wenn es offiziell immer ein Young-Album war.

Boten einer besseren Welt

Die Nacht wird dunkler, Eddie Vedder lässt die Leute nicht allein. Er bietet ihnen Lagerfeuer-Romantik und rotzigen Protest gegen die unsortierte Politik. Ein solides Konzert. Der Klang ist gut, das Wetter herrlich – wer noch ein Bier erwischt, der empfindet die Lieder von Pearl Jam als Boten einer besseren Welt.

Von Lars Grote

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