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Peter Handkes neuer Roman „Die Obstdiebin“

Literatur Peter Handkes neuer Roman „Die Obstdiebin“

Er ist ein Einzelgänger. Einer der sich jenseits der gesellschaftlichen Konventionen stellt. Und so sind auch seine Romanfiguren. Mit „Die Obstdiebin“ hat Peter Handke ein 550-seitige Geschichte einer Nicht-Angepassten vorgelegt.

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Peter Handke

Quelle: picture alliance / Daniel Maurer

Potsdam. Ab und an macht sich Peter Handke auf den Weg und setzt sich im Pariser Vorort Chaville, wo er seit 1990 lebt, ins Vorortbähnchen Richtung Norden. Er legt dann gern die Füße aufs Polster und bekommt deswegen schon mal Ärger - obwohl er eine Zeitung drunter legt. Zweimal musste er bereits Strafe bezahlen. „Ich geh da sofort auf hundert hinauf!“, erklärte er unlängst in einem Interview. Ein Beamter zog sogar mal die Waffe. „Da ist viel Frustration bei diesen jungen Typen.“

Auch der Erzähler in „Die Obstdiebin“ bricht mit dem Zug auf. Von den Pariser Rändern der „Niemandsbucht“ will er in die Natur belassene Picardie. Der Roman ist ein 550-Seiten starkes Plädoyer für die Nonkonformisten und Erzähler. Handke selbst nennt sie im Buch „Zeitflüchtlinge“, „Umwegmacher“ und „Spiralgeher“. Typische Handke-Figuren eben. All jene, die sich selbst schuldig fühlen, weil sie, wie so viele ihrer Generation, immer noch keinen Platz in der Gesellschaft gefunden haben, oder ihn nicht finden wollen. Der realen Welt, den Politikern, die im Fernsehen von früh bis spät eine Elite vortäuschen, welche niemand braucht, setzen sie ihren eigenen Kosmos entgegen. So wie Handke das selbst seit Jahrzehnten tut. Am 6. Dezember feiert er seinen 75. Geburtstag. Vielleicht feiert er ihn auch nicht. Das würde zu ihm passen. Eines aber ist klar: Auf der Suche ist dieser Schriftsteller noch immer.

Der Bienenstich am „Stich-Tag“

Ein Bienenstich ist der Auslöser. Beim Barfußgehen im Gras am ersten warmen Mittsommertag wird der Erzähler gestochen und bricht auf. An diesem „Stich-Tag“ nimmt die Geschichte der Obstdiebin Gestalt an. Er geht durch die Zypressenallee, die keine ist. „Aber ich bestimme es so, für diese Geschichte und, in meinem Selbstbewusstsein episodisch nach dem eines Wolfram von Eschenbach, über die Geschichte hinaus.“ Einmal mehr wird das Erzählen selbst zum Thema des Erzählens. Vorbei am Auto des Nachbarn, der sich einst beschwerte, weil er sich durch die Stille im Haus des Erzählers belästigt fühlte, führt der Weg zum Bahnhof. Er passiert leerstehende Läden, Bettler, Verschleierte. Im Zug dann meint er sie zu sehen: die Obstdiebin. Bildet er sie sich nur ein?

Nach gerade mal einem Viertel des Buches wechselt die Perspektive. Nicht mehr der Ich-Erzähler steht im Mittelpunkt, sondern die junge Alexia, die als Sinnbild ihrer Nichtangepasstheit seit Kindertagen nur „die Obstdiebin“ genannt wird. Auch sie ist eine „vom Wandertrieb Befallene“. Die ganze Welt hat sie durchstreift. Jetzt macht sie sich auf die Suche nach ihrer Mutter im französische Urland. Sie lässt die Neubauten von Cergy, Courdimanche und Chaumont hinter sich, erreicht den Auenwald des Quellgebietes der Viosne. Dabei begegnet sie einem jungen Pizzaboten, der sie ein Stück weit begleitet, Pilgern auf dem Jakobsweg, einem Mann, der seine entlaufene Katze sucht und einer Briefträgerin, die nur Rechnungen, keine Briefe zustellt. Bis die Obstdiebin am Ende ihre Familie findet und feiert. „Es lebe das Zwecklose – es muss nur praktiziert werden“, spricht der Vater in seiner rauschenden Tischrede. Und weiter: „Unsinniges machen und sehen, was dabei herauskommt.“

Seine Sprache ist gekonnt einfach. Sie klingt

Worte, aus denen zweifelsfrei der reale Autor spricht. Völlig egal, worüber er schreibt. „Die Ereignisse, von denen die Geschichte hier erzählt, werden solche allein durch den Erzähler“, heißt es im Buch. „Geschichten, die sich von selber erzählen, können mir, dem Leser gestohlen bleiben.“ Handlung interessiert Handke nicht. Allein auf das „wie“ kommt es an. „Wie“ die Geschichten erzählt werden. Dieser Poetologie folgt der Österreicher nun schon seit Jahren. Seine Sprache ist gekonnt einfach, sie klingt. Hin und wieder bricht die wissende Ironie durch diesen subtilen Handke-Sound. „Wir sind die Irren, die sich einbilden, auf kleinstem Raum das Universum weiterzugeben“, heißt es in Anspielung auf die Rolle des Schriftstellers. Nichts ereignet sich und doch steht jeden Augenblick alles auf dem Spiel.

Was aber über die Distanz einer kurzen Skizze oder einer Erzählung trägt, versagt bei einem 500-Seiten-Roman. Selten nur blitzen Bilder auf. Das retardierende Erzählen von Nichtigkeiten schleppt sich in der zweiten Hälfte dahin und wird von Seite zu Seite quälender. Zumal Handke das alles schon verdichteter und sehr viel prägnanter ausformuliert hat. Seit seiner „Publikumsbeschimpfung“ (1966) schreibt dieser Mann an gegen den Mainstream. Allein das ist bewundernswert. Mit seinem Opus Magnum „Immer noch Sturm“ (2010) und den Büchern seiner „Versuchsreihe“ („Versuch über den Stillen Ort“, 2012 und „Versuch über den Pilznarren“, 2013) sind ihm auch noch in den vergangenen Jahren hervorragende Bücher gelungen. „Die Obstdiebin“ aber zählt nicht dazu. Was soll’s. Wie heißt es doch so schön im Roman: „Wie man sich verirrt hat, so erlebt man.“

Peter Handke: Die Obstdiebin. Suhrkamp Verlag, 559 Seiten, 34 Euro,

Von Welf Grombacher

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