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Philosophieren lohnt sich – und macht Spaß

Welttag der Philosophie Philosophieren lohnt sich – und macht Spaß

Am dritten Donnerstag im November ist seit 2005 Welttag der Philosophie. Die Unesco will das Fach als Grundlage für Weltverständnis und Toleranz bewerben. Thomas Schmidt ist Professor für Ethik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er gibt zu: Richtiges Philosophieren ist schwer. Doch fange man erst einmal damit an, sei man schnell Feuer und Flamme.

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Der Denker von Auguste Rodin ist so etwas wie die Ikone der Philosophen.

Quelle: Fotolia

Berlin. Am heutigen Welttag der Philosophie wirbt die Unesco für das Fach. Der Berliner Professor Thomas Schmidt erklärt im Gespräch, dass sich philosophisches Denken tatsächlich für jeden lohnen kann.

Professor Schmidt, haben Sie heute schon ernsthaft über den Sinn des Lebens oder Grundlagen der Ethik nachgedacht?

Thomas Schmidt: Über den Sinn des Lebens noch nicht, aber über die Grundlagen der Ethik habe ich heute in der Tat schon so ungefähr zwei Stunden lang nachgedacht.

Das ist sicher auch Ihrem Beruf geschuldet. Von einem gewöhnlichen Brandenburger würden Sie solch ein Engagement aber sicher nicht erwarten, oder?

Schmidt: Ich freue mich immer, wenn sich auch Leute, die nicht professionell Philosophie betreiben, über philosophische Fragen Gedanken machen. Aber natürlich würde ich das nicht von ihnen erwarten, geschweige denn verlangen.

Der Welttag der Philosophie soll auch an die Bedeutung dieses Faches erinnern. Wie würden Sie als Philosophieprofessor dafür werben?

Schmidt: Man muss sich erst einmal darüber klar werden, was Philosophie eigentlich ist. Philosophieren kann man allgemein beschreiben als das methodisch strukturierte, auf Nachvollziehbarkeit und Begründbarkeit der erreichten Ergebnisse abzielende Nachdenken über grundlegende Fragen wie zum Beispiel die nach der Möglichkeit von Willensfreiheit, nach Möglichkeiten und Grenzen des Wissens, nach Gerechtigkeit, nach Glück und so weiter. Nach meiner Erfahrung hat jeder in irgendeiner Weise Meinungen zu all diesen Fragen, und sie gehen auch jeden etwas an. Das Projekt der abendländischen Philosophie besteht darin, über diese Fragen methodisch kontrolliert nachzudenken und nach Antworten zu suchen. Ich finde, wir als Gesellschaft sollten, ja müssen es uns leisten, dieses Projekt nicht einfach ad acta legen, sondern weiter zu betreiben.

Kritik an der Philosophie

Thomas Schmidt studierte Philosophie, Mathematik, Physik und Volkswirtschaftslehre in Göttingen und Oxford. In Göttingen promovierte Schmidt und habilitierte sich dort.

Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin ist er seit 2006. Er beschäftigt sich unter anderem mit Ethik und mit Grundlagenproblemen der praktischen Philosophie.

2005 erklärte die Unesco-Generalkonferenz den dritten Donnerstag im November jeden Jahres zum Welttag der Philosophie. Er soll ihr zu größerer Anerkennung verhelfen. Man meint, dass Philosophie zum kritischen und unabhängigen Denken ermutigt, das Weltverständnis fördert und so Toleranz und Frieden fördern kann.

Kritik an der Philosophie ist so alt wie philosophisches Denken selbst. Der griechische Rhetoriklehrer Gorgias von Leontinoi soll schon vor knapp 2500 Jahren die prinzipielle Unerkennbarkeit der Welt und damit die Vergeblichkeit philosophischer Bemühungen behauptet haben. bra

Das gilt ganz sicher für die gesellschaftlichen Eliten. Aber wie ist es mit dem einfachen Brandenburger auf dem Lande? Soll der auch solche Fragen bedenken?

Schmidt: Anbiedern wollen wir uns mit der Philosophie natürlich nicht. Zunächst einmal erreichen wir an der Hochschule eine ganze Menge von Studierenden – Hauptfachstudierende und solche anderer Fächer –, die später auf ihre Weise eine Menge philosophischer Sach- und Methodenkompetenz in ganz unterschiedliche Berufsfelder und Lebensbereiche hineintragen. Ansonsten versuchen wir, auch über Vorträge oder zum Beispiel Zeitungsbeiträge in die Öffentlichkeit hineinzuwirken. Wir versuchen, die Kanäle zu nutzen, die wir haben, um zu zeigen, dass Philosophie wichtige Beiträge liefern und begeisternd sein kann.

Thomas Schmidt ist Professor für Praktische Philosophie/Ethik an der Humboldt-Universität (HU) Berlin

Thomas Schmidt ist Professor für Praktische Philosophie/Ethik an der Humboldt-Universität (HU) Berlin.

Quelle: Razvan Sofroni

Und wie kann man die Leute letztendlich für die Philosophie begeistern?

Schmidt: Zufallsbekanntschaften etwa in Zügen sind dafür ein gutes Beispiel. Wenn ich bei solchen Gelegenheiten gefragt werde: „Was machen Sie denn so?“ und ich antworte: „Philosophieren“, dann kommen weitere Fragen wie jetzt hier im Interview. Wenn man dann eine halbe Stunde lang Zeit hat, mit den Leuten über ein konkretes philosophisches Problem zu sprechen, dann vergeht kaum eine Zugfahrt, bei der nicht jemand ernsthaft Feuer fängt und sieht, dass Philosophie wichtig und fesselnd ist – und dabei, trotz aller Anstrengung, die konzentriertes Nachdenken eben erfordert, auch noch Spaß machen kann.

Wenn es Spaß macht, warum philosophieren wir dann nicht alle ständig?

Schmidt: Richtig Philosophieren ist nicht leicht. Das hat mit einfachem Daherreden und irgendeine-Meinung-Haben nichts zu tun. Wer aber wirklich Lust hat, sich auf das Abenteuer einzulassen, die eigene Meinung nicht einfach bestätigt zu bekommen oder sie von anderen zu übernehmen, sondern seine Ansichten ernsthaft zu begründen und kritisch zu hinterfragen, der ist in der Philosophie richtig. 

Die eigene Meinung kritisch zu hinterfragen, ist sicher einer der schwierigsten Übungen überhaupt. Wie kann so etwas gelingen?

Schmidt: Zunächst muss man sich klar machen, dass die grundlegenden Fragen, um die es der Philosophie geht, nicht einfach zu beantworten sind und dass es darum fast das Normalste von der Welt ist, sich in seiner Meinung unsicher zu sein. Wer meint, dass es doch klar und eindeutig sei, wie eine bestimmte philosophische Frage zu beantworten ist, der hat meist schon etwas Entscheidendes übersehen. Darüber hinaus ist es wichtig zu sehen, dass grundlegende philosophische Fragen in erster Linie konzentriertes Nachdenken erfordern und nicht Fragen sind, die letztlich naturwissenschaftlich zu beantworten sind. Man sollte sich zum Beispiel nicht von den Neurowissenschaftlern sagen lassen, dass sich die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit neurowissenschaftlich endgültig lösen lässt. Natürlich ist zur Klärung neurowissenschaftliche Expertise nötig, aber die Frage der Willensfreiheit geht keineswegs in diesen experimentell-technischen Fragestellungen auf. Dann geht es darum, einzusehen, dass man vernünftig über philosophische Fragen nachdenken und diskutieren kann – und dass es beileibe nicht damit getan ist, sich einmal eine Meinung auszusuchen und dann sozusagen auf ihr sitzen zu bleiben. Das kann man lernen, indem man übt, Meinungen zu begründen, gute Argumente zu formulieren und Argumente – eigene und die anderer – zu kritisieren. Natürlich sind die Möglichkeiten, eine vorgefertigte Meinung abzulegen, psychologisch begrenzt. Es ist kein Zufall, dass wir in er Philosophie vor allem solche Leute anziehen, die ein Stück weit schon die Bereitschaft mitbringen, ihre Meinung auch mal über Bord zu werfen – und die sich darüber freuen, dass sie einen Erkenntnisfortschritt haben, wenn jemand anderes ihnen zeigt, dass etwas, was sie glaubten, eigentlich nicht stimmt. Es kann sehr befreiend sein, zuzugeben, dass man doch nicht alles wissen kann.

Wie kann man solche Offenheit erreichen?

Schmidt: Grundsätzlich bringt eigentlich jeder diese Bereitschaft mit. Es geht darum, sie zu kultivieren. Zum Beispiel muss man lernen, dass ein Widerspruch keine Kritik an der Person ist, sondern ein Ausdruck von Respekt gegenüber der Person. Man zeigt ja, dass es sich lohnt, mit dem anderen in eine argumentative Auseinandersetzung einzutreten. Wenn das alles funktioniert, kommen aus einem Philosophiestudium Leute heraus, die ziemlich kritikfähig sind und die sich gemeinsam und kooperativ mit anderen Leuten fragen können, was denn die richtige Antwort auf eine bestimmte Frage ist, in der sie anfangs ziemlich unterschiedlicher Meinung waren.

Die Brandenburger hätten ja einen Werbeträger, nämlich ihren Philosophenkönig Friedrich II. Kann der heute noch ein Vorbild gerade in der Region sein?

Schmidt: Marketingstrategisch ist das sicher ein interessanter Gedanke. Das allgemeine Ideal, für das er steht, nämlich das Projekt der Aufklärung voranzubringen, ist für uns auch heute noch ein großer Wert.

Womit schlagen wir uns heute, zum Beispiel in Berlin konkret herum?

Schmidt: Ein böser Satz sagt: Philosophie beschäftigt sich mit dem, was die anderen Wissenschaften übrig lassen. Ich glaube nicht, dass das so stimmt. Die großen Kernfragen, die ich schon erwähnt hatte, gab es schon immer, und sie gibt es immer noch. Sie bestimmen nach wie vor den thematischen Horizont der Philosophie. Natürlich gibt es auch Fragen, die heute gestellt werden, die sich früher so nicht gestellt haben. Unser Institut kooperiert zum Beispiel mit einer interdisziplinären Einrichtung, in der Probleme der Nachhaltigkeit bearbeitet werden. Philosophen denken in diesem Zusammenhang über Fragen der Verantwortung für zukünftige Generationen und über Probleme internationaler und intergenerationeller Gerechtigkeit nach. Dann gibt es bei uns Philosophen, die unter dem Dach der Berlin School of Mind and Brain mit Neurowissenschaftlern kooperieren. Hier geht es unter anderem um die Frage, inwieweit neurowissenschaftliche Ergebnisse die Möglichkeit von Willensfreiheit untergraben. Das sind Kontexte, in denen unter Bedingung der Gegenwart letztlich klassische philosophische Probleme unter neuen Vorzeichen diskutiert werden.

Welche Lektüre würden Sie denn derzeit zum Einstieg in die Philosophie empfehlen?

Schmidt: Das Buch „Was bedeutet das alles?“ des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel bietet einen tollen Einstieg in die Philosophie. Es führt in die großen Fragen der Philosophie ein – und das auf eine wirklich fesselnde Weise, die auch Fachfremde davon überzeugen kann, dass wir eine gute Sache machen.

Von Rüdiger Braun

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