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Pina Bauschs Truppe dankt und tanzt in die Zukunft

Tanz Pina Bauschs Truppe dankt und tanzt in die Zukunft

Kann das Pina Bausch Tanztheater etwas anderes als Bauschs Choreographien? Ja, es kann. In Wuppertal betrat die Compagnie erstmals nach dem Tod der Legende tänzerisches Neuland.

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Für die Pina Bausch Compagnie beginnt eine neue Zeitrechnung.

Quelle: Marius Becker

Wuppertal. Die Erwartungen, die auf diesem Abend lasteten, waren immens. Erstmals seit dem Tod der legendären Tanzkünstlerin Pina Bausch vor sechs Jahren führte ihre Compagnie neue Stücke auf.

Und es war von vorneherein klar, dass jeder Schritt, jede Geste, bei der Uraufführung am Freitagabend mit Bauschs Choreographien verglichen werden würde. Das Tanztheater Wuppertal wollte diesen Druck deshalb nicht nur einem Choreographen aufbürden, sondern lud gleich vier Gäste ein, davon ein Choreographen-Duo.

Das Wagnis glückte: Das Publikum bekam im Opernhaus einen dreiteiligen Tanzabend geboten, der eine Referenz an Bauschs Werk war, aber zugleich auch ein Aufbruch in eine Tanzwelt, die wohl nicht mehr ihre Heimat gewesen wäre.

Der erste, von dem Briten Theo Clinkard choreographierte Teil, wirkt dabei noch etwas orientierungslos, die Tänzer verlieren sich zeitweise auf der Bühne, bevor zu einem berührenden Geigensolo die als Requisite dienenden hohen Stehleitern wieder abgebaut wurden.

Dann aber katapultiert das argentinisch-französische Duo Cecilia Bengolea und Francois Chaignaud die Bausch-Truppe ins 21. Jahrhundert und in die zumindest für das ältere Publikum befremdliche Welt des aggressiven Hip-Hop. Wie befreit wirken vor allem die jüngeren Tänzer, die erst nach Bauschs Tod im Jahr 2009 zum Tanztheater gestoßen waren. Kraftvolle, mit Sex und Brutalität aufgeladene Bewegungen zu dröhnenden Basstönen sorgen schon zum Auftakt für Szenenapplaus.

Bengolea und Chaignaud sind jung, sie erstarren nicht vor dem Denkmal Bausch, sondern muten den Tänzern Neues zu. So müssen sie erstmals auch singen, was ihnen gar nicht schlecht gelingt. Der aggressive Jamaika-Hip-Hop vom Band mündet in eine kirchenähnliche Prozession mit Kerzen und von den Tänzern gesungenen barocken Madrigalen. Ein Harlekin in schwarzen Lackstrapsen zieht eine am Boden liegende Tänzerin im violettem Umhang hinter sich her, eine andere singt "You don't own me" (Du besitzt mich nicht) von John Madara, ein weiterer hält einen verzweifelten Monolog. Anders als von Bausch gewohnt, erschließt sich die Geschichte nicht so leicht.

Komplett anders als früher bei Bausch sei die Arbeit mit den neuen Choreographen, hatten einige der älteren Tänzer vorab berichtet, und man sah ihnen an, dass der Weg für sie nicht einfach war. Sie müssten sich neu erfinden und, ja, es sei auch körperlich sehr anstrengend. Seit Bauschs Tod sind aber auch elf neue jüngere Tänzer zu der 35-köpfigen Truppe gestoßen, und sie wollen nicht nur in einem Tanzmuseum arbeiten. Zwar ist die Truppe nach wie vor weltweit erfolgreich mit Bauschs Klassikern wie "Nelken", "Café Müller" oder "Frühlingsopfer", doch selbst langjährige Weggefährten Bauschs zeigten sich erleichtert, wieder kreativ sein zu können und vor neue Herausforderungen gestellt zu werden.

Die eingefleischten Bausch-Anhänger kommen dann im dritten Teil auf ihre Kosten. Der britische Regisseur und Schriftsteller Tim Etchells orientiert sich an Bauschs fast epischer Erzählweise mit oft komischen Elementen. Etchells inszeniert ein expressives Theaterstück, in dem leider der Tanz etwas zu kurz kommt. Auf einer wilden Party balancieren die Tänzer Hunderte zu wackeligen Schlangen zusammengesteckt Plastikbecher, die zu Boden fallen und ihn wie ein Scherbenhaufen bedecken. Darüber trippeln die Tänzer und stellen immer wieder kurze Fragen des Zusammenlebens: "Do you see me?"

Am Ende von Etchells' Hommage an Bausch, die bezeichnenderweise "In Terms of Time" (In Bezug auf Zeit) heißt, stehen die Tänzer minutenlang versammelt am Bühnenrand und sagen in allen erdenklichen Ton- und Stimmungslagen "Thank You" - so als wollten sie Bausch noch einmal für mehr als 40 Jahre Tanz danken. Obwohl das Stück ganz in Pina Bauschs Tanz- und Bühnensprache verhaftet ist, bleibt der Applaus verhalten. Denn eine Kopie kann eben nicht besser sein als das Original.

Ob eines der drei neuen Stücke eine Strahlkraft entwickeln wird wie Bauschs Choreografien, ist offen. Schon in der nächsten Spielzeit sollen wieder neue Choreographen nach Wuppertal eingeladen werden.

dpa

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