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Poesie mit schummrigen Neonstäben

Lichtinstallation Poesie mit schummrigen Neonstäben

Der 13. August, der 55. Jahrestag des Mauerbaues, ist kein Tag zum Feiern. Mit dem Kunstwerk „Lichtachsen reloaded“ erinnert uns der Potsdamer Künstler Rainer Gottemeier im Sacrower Park drei Tage lang an die Errichtung der innerdeutschen Grenze.

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Diese Neonröhren haben schon im Tiefen See in Potsdam gestanden. Nun werden sie teilweise die Mauer darstellen (siehe Bild unten).

Quelle: Privat

Potsdam. Wenn die Dämmerung einsetzt und die Sterne am Himmel erscheinen, erstrahlt an diesem Wochenende auch der Vorhof der Heilandskirche im Sacrower Park. Der Potsdamer Lichtkünstler Rainer Gottemeier präsentiert dort drei Tage lang sein aktuelles Projekt – entlang des ehemaligen Todesstreifens.

Der 13. August, der 55. Jahrestag des Mauerbaues, ist kein Tag zum Feiern. Dennoch ein Tag, an dem wir uns die deutsche Teilung wieder einmal ins Gedächtnis rufen sollten. Mit dem Kunstwerk „Lichtachsen reloaded“ hat Rainer Gottemeier genau das getan. In der Wegführung vor der Sacrower Kirche werden auf einer etwa 45 Meter langen Strecke 24 Leuchtstäbe mit etwa zwei Meter Abstand montiert. Sie sollen die damaligen Grenzbefestigungen verdeutlichen.

Lichtachsen vor zehn Jahren realisiert

Schon vor zehn Jahren realisierte der Künstler ein ähnliches Projekt. Zur Eröffnung des Hans-Otto-Theaters 2006 entwarf Gotte-meier seine Installation „Lichtachsen“ auf dem Tiefen See. 14 Tage lang glommen in den Abendstunden auf der Oberfläche des Sees 30 Neonstäbe und 250 Lichtbojen und verwandelten das Gewässer um die Schiffbauergasse in einen zweiten Sternenhimmel. Wie damals bezog Rainer Gottemeier auch bei seinem jetzigen Projekt die Sichtachsen mit in sein Projekt ein. „Ich möchte die Thematik der freien Sicht aufgreifen und darstellen“, so der Künstler.

Der beleuchtete Tiefe See in Potsdam, 2006

Der beleuchtete Tiefe See in Potsdam, 2006

Quelle: Björn Gripinski

Die Potsdamer Kulturlandschaft lebt von sehr bewusst angelegten Blickbeziehungen. Die Sichtachsen sind frei gehaltene, der Natur abgetrotzte Schneisen. Sie lenken das Auge auf bedeutende Bauwerke. Der Sacrower Park geht auf Pläne von Peter Joseph Lenné zurück, dem wichtigsten preußischen Gartenkünstler.

Ursprünglich begann der Lichtgestalter seine künstlerische Karriere als Liedermacher in München. Als die Musik, seiner Ansicht nach zur puren Geschäftemacherei verkam, hörte er auf. Zur bildenden Kunst gelangte Gottemeier über sein Interesse an Film und Fotografie. Mittlerweile war er nach Berlin-Spandau gezogen und schloss sich in Petzow (Potsdam-Mittelmark) einem Kunstverein an. Dort schuf er sein erstes „verwässertes Firmament“. Seine erste Einzel-Lichtinstallation entwarf er 1998. Weitere leuchtende Produktionen folgten unter anderem in Hamburg, im österreichischen Korneuburg und im finnischen Helsinki. Seine künstlerischen Schwerpunkte sieht er in öffentlichen Räumen, die oft von Wasser geprägt sind.

Der Lichtkünstler Rainer Gottemeier

Der Lichtkünstler Rainer Gottemeier

Quelle: Björn Gripinski

Sein insgesamt zwölftes leuchtendes Kunstwerk „Lichtinstallationen reloaded“ verläuft entlang der Havel und zeigt die hintere Mauer nach West-Berlin. In nur sechs Wochen hat Rainer Gottemeier die Installation vorbereitet. Er hat sie so errichtet, dass die 2,40 Meter hohen Leuchtstäbe von allen Seiten zu umrunden sind. „Die Menschen sollen auch die Blickachsenverschiebungen bemerken“, erklärt Rainer Gottemeier sein Projekt und verweist auf die damalige verbaute Sicht aufgrund der Grenzanlagen. Das Projekt vergegenwärtigt die Pervertierung der Idee von Sichtachsen durch das Grenzregime zur Zeit der deutschen Teilung: Die Soldaten brauchten freies Schussfeld.

Der künstlerische Poet

Sich selbst beschreibt Rainer Gottemeier als einen poetischen Künstler. Das pulsierende Licht der blau leuchtenden Stäbe sei wie das Atmen. Er beschreibt schwärmend ein schummriges Leuchten. „Dieser Wechsel von hellem zu dunklem Leuchten, das ist wie ein- und ausatmen“ , sagt Rainer Gottemeier und holt tief Luft. „Das macht dem Betrachter bewusst, was hier einmal stand.“ Darüber hinaus sei Blau eine Sehnsuchtsfarbe, sagt der Künstler. Sie strahlt Ruhe, Ferne und Verbundenheit mit dem Himmelszelt aus, ergänzt er seine philosophischen Überlegungen, die hinter dem Projekt stehen. Rainer Gottemeier sieht in seiner Aufführung einen „lichthaltigen Vorhang“, der für Befreiung und Öffnung steht, der den Besuchern aber gleichzeitig Grenzen der Vergangenheit und der Gegenwart aufzeigt.

Entwurf wie die Neonstäbe aufgestellt werden

Entwurf wie die Neonstäbe aufgestellt werden.

Quelle: Gottemeier

Diese pathetische Stimmung soll sich auch auf die anwesenden Menschen übertragen. „Viele Besucher fangen dann an zu flüstern“, sagt Rainer Gottemeier und spricht aus Erfahrung. Ein wenig Verwunderung schwingt in seiner Stimme mit. Er beabsichtigt eine ruhige und sehr sinnliche Stimmung, die durch die Vergangenheit getragen wird. Zusätzlich aufgeladen und untermalt wird die Lichtdarstellung mit atmosphärischer Hintergrundmusik.

Am Sonntag, dem letzten Tag der Veranstaltung, werden noch die Berliner Musiker „The 42 music“ ihre Komposition „Garten-Grenze-Garten“ aufführen. Was sich Rainer Gottemeier für das kommende Wochenende wünscht? Natürlich viele Besucher und möglichst schönes Wetter. Wobei Regen nicht so tragisch wäre, die Leuchtstäbe haben vor zehn Jahren schließlich schon im Tiefen See gestanden, sagt er und lacht erwartungsvoll.

Von Lisa Neumann

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