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19:48 16.09.2018
„Der Flötenspieler“ (1912) von Rick Wouters diente Lutz Seiler als Inspiration zu einer kurzen Geschichte. Quelle: Repro: Royal Museums of Fine Arts of Belgium, Brüssel
Potsdam

Vom ersten Tag an fühlte er sich wohl in Wilhelmshorst. Mitte der 90er Jahre zog Lutz Seiler aus dem hektischen Berlin in die kleine Waldgemeinde bei Potsdam, in der er heute noch lebt und für das literarische Programm des Peter-Huchel-Hauses verantwortlich ist. „Der Sandboden auf den Wegen und die Kiefern rundum bedeuteten für mich Norden. Wenn wir früher von Thüringen aus an die Ostsee fuhren, begann für uns in dieser Gegend die Küste, dahinter lag das Meer.“ Als Postkarte über seinem Schreibtisch hing damals das Bild „Cape Cod Evening“ des Amerikaners Edward Hopper. Die Szene, auf der ein Paar im Vorgarten und ein Hund vor einem dichten Kiefernwald zu sehen ist, regte ihn zu seinem ersten Gedicht am neuen Wohnort an. Es trägt den Titel „Good Evening Kap“ und ist ein Lob auf das Land und die unschuldige Liebe.

Immer wieder ließ sich der 1963 in Gera geborene Lutz Seiler von Bildern und Fotos inspirieren. Ein neues Bändlein der Insel-Bücherei versammelt jetzt neun dieser Texte. Entstanden sind sie zwischen 1995 und 2013 und alle schon einmal in irgendeiner Zeitschrift oder einem Magazin publiziert. Trotzdem ist keine „Resterampe“ daraus geworden, sondern ein homogenes Buch. Das liegt vor allem daran, dass es sich um keine lapidaren Bildbeschreibungen handelt (wie sie sich leider des Öfteren in der Insel-Bücherei finden), sondern um richtige Geschichten. Ein kleiner Erzählband, der die Zeit zu verkürzen hilft, bis nach dem Erfolg des Bestsellers „Kruso“, für den der Autor 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, endlich der nächste große Roman folgt.

Die Bilder dienten lediglich dazu, die Fantasie des Schriftstellers zu beflügeln. Sie geben mitunter nur eine Stimmung vor, die Lutz Seiler mit seinen Zeilen aufnimmt. Das mutet mal märchenhaft an, wie in „Mann mit Uhr“ oder „Der letzte König von Mainz“, mal surreal, wie in „Der Ableser“. Nur schwer lässt sich der Inhalt in ein paar Zeilen wiedergeben, ohne den Zauber dieser Prosa zu zerstören. Dann aber auch wieder sind die Texte ganz real und biografisch motiviert wie im längsten des Bandes mit dem Titel „Im Kinobunker“, in dem der in der DDR aufgewachsene Lutz Seiler von seiner Einberufung zur Nationalen Volksarmee erzählt. Als Kind noch kann er sich unter den überall herumhängenden Plakaten mit der Aufschrift „Musterung“ nicht viel vorstellen („was oder wer hatte ein Muster, eine Musterung …“) – unweigerlich muss er bei dem Wort an die Igelitdecke des heimischen Küchentisches denken.

Überhaupt ist er ein Meister der Verdrängung, ein „Luftikus“, wie die Mutter ihn zu nennen pflegt. Irgendwann aber ist auch er volljährig und muss der Realität ins Auge sehen. Bei der Musterung versucht er zaghaft als dienstuntauglich eingestuft zu werden. Doch sein Bericht vom „allnächtlichen Schlafwandeln“ ist nicht überzeugend. „Damals wusste ich noch nicht, was eine Geschichte glaubhaft macht.“ Die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ kennt er noch nicht. „Ohnehin wusste ich nichts von diesem oder anderen Büchern, Literatur interessierte mich nicht. Erst bei der Armee begann ich zu lesen.“ Wie eine Verheißung erscheint ihm dann auch der Stift in der Hand der Fotografin, als die ihm beim obligatorischen „Lichtbild in Uniform“ zuwinkt und bittet „hierher“ zu schauen.

Symbolbeladen ist so manche Handlung in diesen wunderbaren Erzählungen. Man merkt einmal mehr, dass Lutz Seiler als Dichter mit Lyrikbänden wie „Berührt – geführt“ (1995) und „Pech & Blende“ (2000) das literarische Parkett betreten hat und erst allmählich zu einem Romancier wurde. Seine Sprache klingt, seine Bilder bringen etwas zum Schwingen, sie sind stimmig und trotzdem nie zu eindeutig. Gern folgt man dieser Stimme überallhin, ob an die umtosten Gestade der Insel Hiddensee, oder in die lichten Kiefernwälder seiner Wahlheimat Wilhelmshorst, zu der er sich gerne bekennt. Ein kleines Büchlein, aber ein großer Schriftsteller.

Lutz Seiler: Am Kap des guten Abends. Insel-Bücherei Nr. 1455, mit acht farbigen Abbildungen, 76 Seiten

Von Welf Grombacher

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