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Potsdam im Klassikfieber

Musikfestspiele Potsdam Sanssouci Potsdam im Klassikfieber

Der Wettergott war am Wochenende mit den Veranstaltern von Openairs alles andere als gnädig. Manchmal schüttete es wie aus Kübeln. Doch bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci konnten alle Events stattfinden, sogar „Very British!“, das populäre Großformat vor der Orangerie. Ein Bericht über die Konzerte und den Enthusiasmus der Zuschauer.

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„Il Giordion d’Amore“ in der Potsdamer Schinkelhalle.

Quelle: Gloede

Potsdam. „Musik und Gärten“, das Thema der diesjährigen Musikfestspiele Potsdam Sanssouci, lässt Genießer an zarte Lautenklänge und duftende Rosen denken. Beim Eröffnungskonzert am Freitag in der Potsdamer Friedenskirche küssten die Musikusse zunächst auch mit professionellem Eifer den Busen der Natur. Imitierendes Vogelgezwitscher hallte durch das neoromanische Kirchenschiff und sollte sich mit den artifiziellen Schallwellen vom Kölner „Ensemble 1700“ verbinden. „Haben die Vögel den Menschen das Singen beigebracht?“ fragte das Programmheft, um dann den Königen der Lüfte zu huldigen: „Jedenfalls haben sie schon längst Musik gemacht, als unsere Vorfahren noch auf den Bäumen hockten.“

Dorothee Oberlinger, eine großgewachsene Blockflötisten im schwarzen knöchellangen Kleid mit langen offenen Haaren, rief gleich im ersten Stück die Nachtigall an. Ihre vornehmen Fanfarenstöße und das liebliche Tirilieren, wie es Jacob van Eyck 1646 komponiert hat, bringt sie auf simplen Holzrohren mit einer uralten Spieltechnik zustande. Wie nah sich Natur und Hochkultur manchmal kommen, unterstrich die Vertreterin der historischen Aufführungspraxis dann auch noch mit einem Prelude von Henry Purcell, bei dem der aus Versailles eingeflogene Virtuose Francois Lazarevitch mitwirkte.

Nicht nur Nachtigallen und Distelfinken wurde gehuldigt, ein in seiner Form fast modern wirkende Sonata für Violone und Basso continuo von Heinrich Ignaz Franz Bibe (1644-1704) brachte obendrein das Wesen von Kuckuck, Frosch, Henne, Wachtel, Katze und Musketieren in pointiertem Naturalismus zum Ausdruck. Die liebliche Drolligkeit des Abends wurde zum Glück durch eine Cantate von Georg Philipp Telemann aus dem Jahr 1737 durchkreuzt. Diese „Trauer-Music“ nach dem Tod „eines kunsterfahrenen Canarienvogels“ pendelt zwischen ernster Betroffenheit, Pathos und Witz und die niederländische Sopranistin Dorothee Mields tat gut daran, am Ende unvermittelt, fast wie eine Brecht-Schauspielerin kreischend, ein „Katzenvieh“ für die böse Tat zu verfluchen. Ein erster Dämpfer: von wegen, die Natur ist stets gut und harmonisch!

Den Samstag über versprachen sechs Konzerte in bürgerlichen Privatgärten ein besonders exklusives Idyll. Die Events zwischen 10 und 19 Uhr waren, obwohl eine Karte 55 Euro kostete, besonders schnell ausverkauft. Der Müller Thurgau und Rosé-Sekt aus Radebeul steigerte das Gefühl bürgerlicher Behaglichkeit. 18 Uhr begrüßte Jelle Dierickx von den Musikfestspielen 40 Gäste im Garten der Villa Illaire, einem noch von Persius geplanten sattgelben Haus im italienischen Stil. Nach einem kurzen, kräftigen Regenguss gegen 15 Uhr schien ein lauschiger Sommerabend zu werden. Der belgische Flötist Jan Van Hoecke stand entspannt unter einem großen Schirm und entdeckte dem Publikum das Werk von Jacob van Eyck (1590-1675). Er spielte auch eigene Stücke nach demselben Prinzip. Einem ruhigen Thema folgten immer neue Variationen mit immer schnelleren Läufen. Die Flötenklänge mischten sich mit dem Kreischen der Schwalben und dem Gurren der Tauben, mit Flugzeuggeräuschen und den Stimmen von Touristen, die hinter einer Pergola zum Schloss Sanssouci strebten. Die Zuhörer genossen die visuelle Pracht des kleinen Gartens, in dem auch Töpfe mit Oleander, Zitronen- und Feigenbäumchen standen. Der Himmel hinter dem hellen Grün der Bäume färbte sich immer dunkler. Und plötzlich kam ein böiger Wind auf. „Solange Sie spielen, regnet es nicht“, rief eine Besucherin beschwörend dem Solisten zu. Doch sein vorletztes Stück, eine Vertonung des Psalms 21, sollte das letzte sein. Plötzlich schüttete es aus allen Rohren. Die Natur zeigte, zu welchen Grausamkeiten sie fähig ist. Das Publikum floh zu dem Musiker unter den Schirm und erschrak, als ein Mann aus dem Internet die Nachricht fischte, dass das aktuelle Regen-Radar bis 21 Uhr keine Besserung versprach. „Da hast Du dein Arche-Noah-Feeling“, sagte der Mann, der lieber zu Hause geblieben wäre, zu seinem Freund.

Um diese Stunde begrüßte Karin Joop im Stammhaus der Familie Joop in Potsdam-Bornstedt etwa 60 Gäste. Die Trockenheit, sagte sie, habe auch etwas Gutes gehabt. „Bisher gab es keine Schnecken.“ In einem gläsernen Verbindungsbau, der als Orangerie dient, musizierte Francois Lazarevitch mit einem Pariser Kollegen alte höfische Musik auf einer Barock-Musette, einer Art Dudelsack-Flöte. Alle schauten durch ein großes Fenster sehnsüchtig nach draußen und sahen und hörten, wie die Welt unterzugehen schien. Während Beethoven in seiner Pastorale, der sechsten Sinfonie, immerhin ein Gewitter instrumental nacherzählen lässt, fehlte dieser gefälligen Musik hier das Element des Unheils. Interessant wäre es gewesen, nachzuhören, ob Hanns Eislers Komposition „14 Arten, den Regen zu beschreiben“ auch einen derartigen Starkregen erschöpfend darstellt.

Um diese Zeit, also Samstag vor halb acht, hielten vor dem Potsdamer Nikolaisaal viele Taxen. Über den geöffneten Türen spannten sich Regenschirme auf und die Fahrgäste stürzten fluchtartig in den Hofbau. Das letzte reguläre Sinfoniekonzert der Saison der Kammerakademie Potsdam fand vor ausverkauftem Hause statt, obwohl zeitgleich im Rahmen der Musikfestspiele in den Neuen Kammern Sanssouci ein Barockkonzert mit dem Ensemble Hortus Musicus auf dem Programm stand und in der Schinkelhalle die Premiere der Barockoper „Il Giardino d’Amore“. Klassische Musik in Potsdam – das scheint derzeit fast ein Selbstläufer mit überregionaler Ausstrahlung zu sein. Vor allem, wenn sie als Event zelebriert wird. Auch die 1200 Karten für das Fahrradkonzert, das am gestrigen Sonntag stattfand, waren bereits seit Februar ausverkauft.

Doch zurück in den Nikolaisaal, wo Geschäftsführer Alexander Hollensteiner nun die Bühne betrat. „Jetzt haben wir alle den Freischwimmer!“, begrüßte er das Publikum und der Spanier Antonio Méndez, ein hochgehandelter, junger Dirigent, trat vor das Orchester, um Joseph Haydns Sinfonie Nr. 99 anzustimmen. Die Musiker gehen mit äußerster Konzentration und Spielfreude zur Sache. Ob es draußen noch schüttet, ist jetzt völlig egal. Der darauf folgende Solist, der Italiener Segio Azzolini, begeistert durch seinen kultivierten Ton, sein Esprit und sein körperliches Mitgehenden. Das Konzert für Fagott und Orchester von Landsmann Nino Rota aus dem Jahr 1977 setzt mit einigem Augenzwinkern Stimmungen effektvoll und glamourös gegeneinander. Das Publikum zeigt sich äußerst begeistert. Nach der Pause legt sich das Orchester vielleicht etwas zu sehr ins Zeug. Bei den dramatischen Fortissimo-Stellen in Robert Schumanns zweiter Sinfonie verschmiert die Transparenz des Klangkörpers.

Das nächste Konzert mit dem Titel „Very British!“ ist für 22 Uhr unter freiem Himmel im Park Sanssouci angesetzt. Noch tröpfelt es leicht, die Erde dampft und es ist schwül-warm. Kaum zu glauben: Die viele langen Stuhlreihen unterhalb der Orangerie sind fast lückenlos besetzt, eine Parade der buntesten Regencaps. Dirigent Robert King begrüßt das Publikum in englischer Sprache. „Sie wollten es britisch – da haben Sie es, es regnet. Für Mitternacht haben wir sogar Schnee vorgesehen“, sagt er trocken und lässt „The King‘s Consort“ Orchesterstücke von Händel, Purcell und Gershwin spielen. Je weiter man sich von der glasüberdachten Bühne entfernt, desto scheppernder ist der Klang aus den Lautsprechern. „Das klingt ja wie Gießkanne“, sagt ein Musikkritiker“, den der Enthusiasmus der Gäste aber begeistert. Zum Schluss werden alle mit einem Feuerwerk belohnt. Beinah wäre es ins Wasser gefallen.

Von Karim Saab

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