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Potsdam ist Charlie – für einen Tag

Medienpreis „M100“ an Satiremagazin vergeben Potsdam ist Charlie – für einen Tag

Der Medienpreis „M100“ ist am Donnerstag in Potsdam verliehen worden. Er ging an das Pariser Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Nach dem blutigen Anschlag auf das Magazin waren die Vorkehrungen zur Sicherheit besonders groß. Der neue „Charlie“-Chef macht dennoch deutlich: „Wenn wir aufhören, haben die anderen gewonnen.“

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Der Chefredakteur von Charlie Hebdo, Gerard Biard (l.) mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier.

Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. Wer an das Schloss Sanssouci denkt, der hat natürlich auch das Bild der berühmten Tafelrunde vor Augen: Friedrich der Große, König und Philosoph, speisend und debattierend mit handverlesenen Geistesgrößen seiner Zeit. Nur einen Steinwurf entfernt von Friedrichs Sommerschloss war am Donnerstag die Orangerie mit ihrem prächtigen Säulensaal der Schauplatz eines Top-Treffens der modernen Zeiten: Der seit 2005 alljährlich verliehene Medienpreis „M100“ ging diesmal an die Macher des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“. Eine Jury, der namhafte Journalisten angehören, verleiht die undotierte Ehrung.

„Je suis Charlie“

Zu Jahresanfang hatten sich Menschen rund um den Globus unter dem Motto „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) zu Solidaritätskundgebungen versammelt, um ihre Abscheu gegen den Terroranschlag auf das Magazin, bei dem zwölf Menschen starben, zu artikulieren. Nun, knapp, zehn Monate später hieß es: „Potsdam est Charlie“ (Potsdam ist Charlie). Chefredakteur Gérard Biard, dessen Vorgänger bei dem Attentat ums Leben gekommen ist, nahm die Auszeichnung entgegen. Unbeirrbar, unerschrocken – so präsentierte sich der „Charlie“-Chef: „Wenn wir aufhören, haben die anderen gewonnen“, beschwor er den Durchhaltewillen seines Teams, das seit dem blutigen Anschlag unter erschwerten Bedingungen leben muss. Die Mitarbeiter werden – so sie es wünschen – von Leibwächtern beschützt. „Das war ein ganz brutaler Anschlag auf die Meinungsfreiheit“, begründete Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) die Ehrung für das Magazin.

Gérard Biard von Charlie Hebdo (l) mit dem Medienpreis

Gérard Biard von Charlie Hebdo (l.) mit dem Medienpreis. Die Laudatio hielt Ferdinand von Schierach (r.).

Quelle: dpa-zentralbild

Hohe Sicherheitsvorkehrungen in der Orangerie

Dementsprechend hoch waren Donnerstag auch die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Orangerie. Sonst sind hier nur flanierende Touristen und ein Flötenspieler im Friedrich-Kostüm zu sehen. Neben Preußischblau sah man bereits am Vormittag viel Polizeiblau. Der Sicherheitscheck für die hochkarätigen Medienmacher, die am „M100-Colloquium“ im Vorfeld der Preisverleihung teilnahmen, glich der Prozedur am Flughafen. Wer glücklich Einlass gefunden hatte, durfte in den Räumlichkeiten des Orangerie-Schlosses an einer hochaktuellen „Tafelrunde“ – allerdings am rechteckigen Tisch – teilnehmen. Die Debatte behandelte anlässlich des 70. Jahrestages des Potsdamer Abkommens dessen politische Folgen. Beherrschendes Thema auch hier: die Flüchtlingssituation. „Ich habe mich für meine Regierung geschämt“, sagte beispielsweise Tamás Bodoky von der ungarischen Nichtregierungsorganisation „Atlas“.

Potsdamer Medienpreis M100

Das „M100 Sanssouci Colloquium“ wurde 2005 im Rahmen der Bewerbung Potsdams als Kulturhauptstadt Europas 2010 von einer Gruppe führender Persönlichkeiten aus Medien und Politik initiiert.

Beim Potsdamer „M100“-Medienpreis wird „eine europäische Persönlichkeit geehrt, die durch ihr Schaffen in Europa und der Welt Spuren hinterlassen hat“.


Zu den Geehrten gehört u. a. der Architekt Lord Norman Foster (2005), der dänische Karikaturist Kurt Wes­tergaard (2010), der Präsident der europäischen Zentralbank Mario Dra­ghi (2012) sowie der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko (2014).

Anders als bei Friedrichs Tafelrunden müssen die Teilnehmer heutzutage nicht mehr direkt mit am Tisch sitzen, um sich einbringen zu können. Der frühere Außenminister und FDP-Grande Hans-Dietrich Genscher verlas seine Eröffnungsrede vom heimischen Arbeitszimmer aus. Die persönliche Teilnahme hatte der 88-Jährige auf Anraten der Ärzte kurzfristig absagen müssen. Seine Botschaft – vorgetragen mit etwas brüchiger Stimme und in leicht sächsisch eingefärbtem Englisch – war aber auch in aufgezeichneter Videoform nicht minder eindringlich: So plädierte er dafür, Russland bei der Lösung der Probleme mit ins Boot zu holen. Insgesamt müsse man vor allem eines beherzigen: „Never, never give up dialogue!“ („Niemals, niemals den Dialog aufgeben.“) „Das würde sich auch gut für einen Eheratgeber eignen“, kommentierte ein deutscher Medienschaffender später Genschers weisen Ratschlag aus der Ferne.

Außenminister Steinmeier vor Ort

Trotz der physischen Abwesenheit des FDP-Doyens blieb der M100-Medienpreis nicht ohne Außenminister. Frank-Walter Steinmeier (SPD) hielt am Abend die Auftaktrede für die „Charlie“-Ehrung, die es im Vorfeld sogar in die internationalen Medien geschafft hatte. Allerdings hatte es in den letzten Tagen auch kritische Stimmen über das Magazin gegeben. Der Grund war die Veröffentlichung einer Karikatur, die den ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi (3) am Strand zeigt, dahinter das Werbeschild einer großen Fast-Food-Kette mit dem Slogan: „Zwei Kindermenüs zum Preis von einem“. Dazu die Unterzeile: „Fast am Ziel“. Extrem geschmacklos, fanden viele Menschen weltweit.

Frank-Walter Steinmeier (SPD) beim Potsdamer Medienpreis

Frank-Walter Steinmeier (SPD) beim Potsdamer Medienpreis.

Quelle: dpa-Zentralbild

„Satire muss schockieren, sonst ist sie keine gute Satire“, sagte Chefredakteur Biard vor der Preisverleihung. Es sei nicht darum gegangen, das tote Kind zu verhöhnen, sondern zum Nachdenken anzuregen über den Zusammenprall von Flüchtlingselend und westlicher Konsumwelt. Gleichzeitig verurteilte er die Hass-Kommentare in den sozialen Netzwerken: Man könne anderer Meinung sein über das Bild, aber zu Mord aufzurufen, sei ein Verbrechen.

Von Ildiko Röd

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