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Kultur Potsdamer Sven Stricker mit zweitem Kriminalroman
Nachrichten Kultur Potsdamer Sven Stricker mit zweitem Kriminalroman
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14:46 18.10.2018
Krimiautor Sven Stricker Quelle: Magdalena Höfner
Potsdam

Sven Stricker weiß, wie intensiv das Schweigen in Nordfriesland klingt, dort gibt es Männer, die den Bierkrug heben, als müssten sie ein schweres, wortloses Leben stemmen. Stricker kommt aus Tönning, der Stadt im Herzen dieser Stummemännergegend, neulich hat er dort aus seinem neuen Kriminalroman gelesen. Im Publikum „sehr viele Lehrer in Windjacken“, sagt er, weil das Wetter ständig kippen kann. „Krimileser sind belastbar“, sagt Stricker, belastbar nicht nur, was den Regen angeht. Sie halten auch die Nase oben, wenn jemand über Bord geht.

In Krimis gibt es immer einen Menschen zu beklagen, der fehlt und nicht mehr wiederkommt. Das ist die Arbeitsgrundlage der Gattung, der sich Sven Stricker verschrieben hat. Er zählt zu den Leuten, die ihre Klugheit leise mitteilen, souverän an ihren Sätzen arbeiten und die Gedanken unfallfrei ins Ziel bringen. Stricker, 48 Jahre, ist ein feiner Kerl, der sich in seinen Romanen die Hände schmutzig macht.

Erfolge als Hörspielregisseur

Sven Stricker wurde 1970 im nordfriesischen Tönning geboren und zog mit sechs Jahren nach Mülheim an der Ruhr. Mittlerweile lebt er in Potsdam.

Als Regisseur von Hörbüchern und Hörspielen hat sich Stricker einen Namen gemacht und erhielt für die Einspielungen von „Lauf, Junge, Lauf“ mit Fritz Pleitgen den Deutschen Hörbuchpreis 2006. Er erhielt den Preis 2008 für das Hörspiel „Träume“ und 2009 für das Hörbuch von „Herrn Lehmann“ nach dem Roman von Sven Regener. Im gleichen Jahr wurde er als „Hörspieler des Jahres“ ausgezeichnet.

Seinen ersten Kriminalroman „Sörensen hat Angst“ veröffentliche Sven Stricker 2015, er wurde würde 2017 für den renommierten Glauser-Preis nominiert. Außerdem erschienen von ihm „Schlecht aufgelegt“ (2013) und „Mensch, Rüdiger!“ (2017).

Sein zweiter Krimi „Sörensen fängt Feuer“ ist gerade erschienen (Rowohlt, 444 Seiten, 11 Euro).

„Der Mord an sich ist langweilig“, sagt er, „die interessante Frage lautet: Wie kommt es zu dem Mord?“ Stricker hält es mit dem Schweden Henning Mankell, der die Figuren am Leben scheitern ließ: „Hinter jeder Gardine steckt ein Drama“, sagt Mankell. Sven Stricker ergänzt: „Auch normale Menschen können aus der Bahn geworfen werden, das Verbrechen steckt oft in der Nachbarschaft.“ Er rührt in seinem Kaffee und lächelt das Lächeln des Unschuldigen.

Die Lehrer in den Windjacken sind begeistert, nur die Frau aus dem Tourismusverband in Nordfriesland hat gefragt, ob er in seinen Büchern auch mal die Sonne scheinen lassen könne.

Stricker glaubt, die Welt sei ein düsterer Ort, dem man Heiterkeit geben muss. Er ist ein präsenter, zugewandter Mann, der von Melancholie spricht. Und der, vielleicht als Medizin gegen den Regen und die renitenten Menschen aus den eigenen Romanen, in Potsdam lebt. Warum er keine Potsdam-Krimis schreibt? „Weil die Stadt eine so freundliche, fröhliche, behagliche und wohlhabende Puppenstube ist.“ Wenn er dort literarisch dennoch ein Verbrechen platzieren müsste, welches wäre das? „Es würde wohl um Geld gehen, Vorteilsnahme, Hinterziehung – doch das langweilt mich schon beim Aussprechen.“ Er überlegt. „Oder ein Kampf der Alteingesessenen gegen die Zugezogenen, ein Lynchmob.“

„Angst ist eine Volkskrankheit“

Das klingt ihm jetzt zu konstruiert. Er lässt nichts Schlechtes auf Potsdam kommen, die Stadt, in der er landete, nachdem er von Hamburg nach Berlin zog, „der Liebe wegen“. Als die Tochter auf die Welt kam, vor neun Jahren, zog er nach Potsdam, weil es da fürs Großwerden die bessere Luft gebe. Klimatisch und sozial.

In Norddeutschland, der alten Heimat, sieht er das Reduzierte, aufs Wesentliche Zurückgeworfene. „Katenbüll“, wie der fiktive Ort in seinen Krimis heißt, ist die Essenz der nordischen Lakonie, in Kommissar Sörensens Kopf sieht es nicht anders aus als in dem karg möblierten, friesisch herben Landstrich. Sörensen leidet an einer Angststörung, das ist keine Idee, die dem „Zwang zur Macke“ folgt, die man bei Kommissaren aus dem Fernsehen kennt. Die Basis liegt in Sven Strickers Biografie, der an der Angst erkrankt war. Und sie überwand. „Die Angststörung ist eine Volkskrankheit, jeder Sechste in Deutschland leidet zeitweilig darunter, die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich höher.“

„Wir haben uns verknallt“

Während seiner Krankheitsphase begann er mit dem ersten Sörensen-Krimi, der im Dezember 2015 erschien. „Sörensen hat Angst“, ein sinnbildlicher Titel, er handelt von Kindesmissbrauch. Ein Freund nahm die ersten 70 Seiten des Manuskripts und zeigte sie den Verlagen – Rowohlt, eines der großen Häuser, schlug ein. Dass es sich beim Freund um den Schauspieler Bjarne Mädel handelte, der sich in „Stromberg“ und „Der Tatortreiniger“ einige Prominenz erspielt hat, half bei der Suche. Stricker, der sich vor seinem Romandebüt als renommierter Hörbuch- und Hörspielregisseur einen Namen machte, kannte Mädel aus der Produktion des Hörbuchs von „Herrn Lehmann“ nach dem Roman von Sven Regener. „Wir haben uns beide in die Arbeit des anderen verknallt“.

Durch seine Bücher kam Stricker auf die Lesebühne, auch mit dem zweiten, gerade erschienenen Krimi „Sörensen fängt Feuer“, wo es um eine radikale Sekte geht. „Das Buch ist fertig, nun lese ich daraus. Es gibt nichts Schöneres.“ Die Angst sei dann verflogen. Er verlese sich nie, das komme von der Arbeit an den Hörbüchern, wo Lesen eine präzise getaktete Kunst ist.

Sven Stricker weiß, wie sich Befreiung auf der Bühne anfühlt. Er kennt die Angst, es nicht zu schaffen. Er hat die notorisch verschwiegenen Kneipen in Nordfriesland gesehen. Eine bessere Schulung fürs Krimischreiben gibt es nicht.

Von Lars Grote

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