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Potsdamer Preis für „Charlie Hebdo“

Medienkonferenz M100 Potsdamer Preis für „Charlie Hebdo“

Die Potsdamer Medienkonferenz M100, das Treffen hochrangiger Gäste aus Medien, Politik und Wirtschaft, wird seinen Preis am Donnerstag in Potsdam an die französische Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ vergeben – im Januar starben bei einem islamistisch motivierten Attentat auf die Pariser Redaktion elf Menschen. Die Laudatio hält ein Bestseller-Autor aus Deutschland.

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Auch in Berlin vor dem Brandenburger Tor haben die Menschen ihre Solidarität mit „Charlie Hebdo“ nach dem Attentat im Januar bekundet. Foto: DPA

Potsdam.  Potsdam ist ein Ort der Freiheit, spätestens Friedrich der Große hat das definiert, als er auf Französisch festhielt: „Chacun à son gout!“ Jeder nach seinem Geschmack. Er bezog sich 1740 auf die Religionsfreiheit in Preußen. Diese Weltsicht ist inzwischen so verbreitet, dass sich selbst Robbie Williams die Worte auf den Brustkorb tätowieren ließ. Seither zählen sie quasi zum Pop.

 Potsdam tut noch immer viel dafür, den Ruf der freien Stadt zu untermauern: Zum zweiten Mal wird auf der Medienkonferenz M100, die seit 2005 in Brandenburgs Landeshauptstadt ausgetragen wird, ein Mensch geehrt, der für seinen religiösen Freiheitswillen fast mit dem Leben bezahlt hätte: Am Donnerstag wird das französische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ mit dem „M100-Media-Award“ ausgezeichnet – am 7. Januar 2015 wurden elf Menschen in den Pariser Redaktionsräumen der Zeitung bei einem islamistisch motivierten Terroranschlag getötet. Das Attentat richtet sich gegen „gotteslästerliche“ Karikaturen von „Charlie Hebdo“. Den Preis wird der Chefredakteur Gérard
Biard entgegennehmen, er kam knapp mit dem Leben davon.

 Die Laudatio hält der Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach, seine stilistisch und gedanklich fein gebauten Kriminalerzählungen münden verlässlich im Fazit: „Auch ein Verbrecher bleibt ein Mensch“, und eben diesen Menschen möchte von Schirach in seinen Storys durchleuchten und sezieren. Doch will sie dadurch nicht entschuldigen: „Wenn wir die Freiheit verlieren, verlieren wir alles“, so geht sein Dogma. Womit wir wieder bei „Chacun à son gout“ wären. Jeder so, wie er mag, wenn es um Religionen geht – doch niemals den Nachbarn belehren oder bedrohen.

Potsdamer Preisträger

Der undotierte M100-Media-Award versteht sich als „Preis der europäischen Presse“. Ausgezeichnet werden Personen, die „Fußspuren“ hinterlassen haben. Preisträger seit 2005:

 
Norman Foster (2005), Architekt.

Bernard Kouchner (2006), Gründer von „Ärzte ohne Grenzen“.

Bob Geldof (2007), Gründer „Live Aid“.

Ingrid Betancourt (2008), kolumbianische Politikerin.

Hans-Dietrich Genscher (2009), ehemaliger deutscher Außenminister.

Kurt Westergaard (2010), dänischer Karikaturist.

Zhao Jing (2011), Blogger aus China.

Mario Draghi (2012), Präsident der Europäischen Zentralbank.

Erdem Gündüz (2013), Aktivist vom türkischen Taksim-Platz.

Vitali Klitschko (2014), ehemaliger Boxer und Bürgermeister von Kiew.

Bereits 2010 hat Kurt Westergaard den Preis der Potsdamer Konferenz M100 erhalten, die sich auch in diesem Jahr wieder mit der Teilnahme von 60 „europäischen Meinungsführern“ aus Medien, Politik und Wissenschaft schmückt. Der dänische Karikaturist Westergaard wurde vor fünf Jahren aus eben jenen Motiven geehrt, die auch für „Charlie Hebdo“ gelten: Er hatte umstrittene Mohammed-Zeichnungen veröffentlicht. Am Neujahrstag 2010 konnte er sich knapp einem Mordanschlag erwehren, als ein somalischer Asylbewerber mit Messer und Axt in sein Haus eindrang. Auch damals reagierte M100 schnell und ehrte Westergaard demonstrativ für sein Recht, in religiösen Fragen streitbar zu bleiben. Was nichts daran ändert, dass sowohl Biard, Chef von „Charlie Hebdo“, als auch Westergaard voraussichtlich den Rest des Lebens unter Polizeischutz leben müssen. Auch in Potsdam wird die „Sicherheitslage angepasst“, wie das Brandenburger Innenministerium offiziell bekannt gab. Details werden, wie immer in solchen Fällen, nicht öffentlich gemacht.

Potsdam ist nicht nur traditionell für seine religiöse Freiheit bekannt, sondern auch für die „Potsdamer Konferenz“, auf der sich vor 70 Jahren die Alliierten auf eine Weltordnung der Nachkriegszeit einigten. Die damaligen Beschlüsse gelten auch als Grundlage der Europäischen Union von heute. Der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher wird bei M100 eine Grundsatzrede zur Frage „Potsdam 1945 bis 70 Jahre danach: Chancen – genutzt oder vertan?“ halten.

Auch junge Journalisten sind nach Potsdam zur Konferenz eingeladen, sie kommen aus Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Moldawien, Ukraine und Weißrussland – jenen Ländern, mit denen die EU 2009 eine „Östliche Partnerschaft“ einging, um die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit zu fördern. Die Nachwuchsjournalisten sollen in Potsdam von erfahrenen Kollegen lernen, zwischen Propaganda und Fakten zu unterscheiden, da in den sechs autoritär geführten Staaten Osteuropas die Pressefreiheit bedroht sei. Die Pressefreiheit eben ist es, für die man – neben der Religionsfreiheit – auch dieses Jahr in Potsdam friedlich eine Lanze bricht.

Von Lars Grote

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