Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
Potsdamer Winteroper mit einem ergreifenden „Elias“

Musik Potsdamer Winteroper mit einem ergreifenden „Elias“

Nach diesem Abend kann man es sich kaum vorstellen, künftig wieder eine pur konzertante Aufführung von Felix Mendelssohn-Bartholdys „Elias“ zu erleben. Die intensive Vertrautheit der Sänger und der Musiker der Kammerakademie Potsdam machen die diesjährige Potsdamer Winteroper zu einem Ereignis.

Voriger Artikel
Eine Legende der Leidenschaft
Nächster Artikel
Matthew Ryan singt vom Verschwinden

Die Sopranistin Marie-Pierre Roy in der diesjährigen Winteroper.

Quelle: Stefan Gloede

Potsdam. Was für ein Kerl! Man möchte mit diesem Elias nicht in der Kneipe sitzen: verklemmt-großkotzig, zynisch, demagogisch eifernd – freilich auch von enormer rhetorischer Gewalt und bereit, für seinen Glauben größte persönliche Opfer auf sich zu nehmen. Freilich stellt sich in der nachdrücklich ent-sakralisierten Fassung des Mendelssohn-Oratoriums durch Regisseur Andreas Bode und der beeindruckenden Verkörperung seiner Titelfigur durch Holger Falk einmal mehr die Frage, ob diese Art fanatischer Ideen-Treue nicht immer, selbst für eine vermeintlich „gute Sache“, von Übel ist – auch wegen ihrer Unfähigkeit zu wirklicher Empathie: der Prophet jagt einigen (freilich wirklich reizenden) Engelserscheinungen nach, aber vor der irdischen Witwe, die sich ihm anvertrauen will, schreckt er panisch zurück.

Der „Elias“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy

Felix Mendelssohn-Bartholdy schrieb sein „Elias“-Oratorium 1845/46 für ein Musikfest im englischen Birmingham – ein Ausweis der damaligen internationalen Berühmtheit des polyglotten und weltläufigen Künstlers. In die Gestalt des alttestamentarischen Propheten, der nicht zuletzt durch seine finale Himmelfahrt als Präfiguration Jesus’ gilt, arbeitet der Komponist – jüdischer Herkunft und als Siebenjähriger protestantisch getauft – auch seine Vision der inneren Einheit von Juden- und Christentum ein.

Weitere Vorstellungen : 24.11. / 25.11. / 30.11. / 1.12. / 2.12., jeweils 19.00 Uhr in der Friedenskirche Potsdam Sanssouci

Falk, eine kernig-kantige Stimme, geht aufs Ganze, keift und kreischt, wenn es die Situation braucht, drängt dabei das lyrisch-Kantable an den Rand und schafft es gerade durch diesen Mut zur ungedeckten Entblößung, auch die Unsicherheiten, ja den Daseinsekel dieses Elias transparent zu machen – die er freilich nur herauslässt, wenn er mit sich allein ist. Gleich sein erster Auftritt, vom Regisseur aus der Mitte des Stückes an den Anfang versetzt, ist eine verzweifelte Selbst- und Gottsuche, als nacktes Rezitativ ohne Begleitung in den Raum gestellt. Doch auch, wenn Dirigent Titus Engel der Kammerakademie dann bald ihren ersten Einsatz gibt, bleiben diese Töne der Zerrissenheit und – manchmal situativen, häufiger inneren – Dramatik bestimmend: nichts wohlgefällig Geglättetes, oft hart peitschende, skelettierte Klänge.

Ein packender Premierenabend

Engel wie Falk kommen von einer intensiven Vertrautheit mit zeitgenössischer Musik her; das färbt den Premierenabend am Donnerstag in der Potsdamer Friedenskirche klanglich ein, gibt den knapp zwei Stunden (bei einigen diskreten Kürzungen der Partitur) packende Dichte und fügt sich gut zu Bodes Inszenierung, die mit einem niedrigen Metallpodest im Kirchenschiff, einem Hochwasserbehälter als zentralem Bildelement und Video-Projektionen ausgebrannt durchglühter Wüstenlandschaften (Bühnen- und Bildgestaltung: Geelke Gayken) viele Assoziationen zum heutigen Zustand des biblischen Landes und seinen aktuellen Konflikten öffnet, ohne dabei in zeigefingernde Aktualisierungen zu verfallen.

Zum eigentlichen Gegenspieler des Propheten werden hier weder der als grotesker Assad-Wiedergänger erscheinende König noch dessen bösartig machtgeiles Weib, sondern der arg launische Gott des Alten Testaments selbst – und vor allem jenes Volk, das Elias zum rechten Glauben zwingen will und das doch vor allem erst einmal mit dem blanken Überleben zu tun hat, dabei Einflüsterungen von allen Seiten offen und geifernd fanatischer Gewaltausbrüche fähig ist. Lange unter Halbmasken entpersonalisiert (Kostüme: Judith Hepting), zeigt es erst am Ende individuelle Gesichter, wenn Elias, der anstrengende Dauer-Einpeitscher, im feurigen Wagen zu seinem Herrn auffährt. So zumindest verkündet es die Legende – und als nunmehr verklärte Erinnerung kann der Prophet im Schlussquartett dann auch stimmlich eingemeindet werden: wenigstens postum für einen kurzen Moment in Harmonie und als Gleicher unter Gleichen. Man muss heute nicht einmal mehr in den Nahen Osten blicken, um zu wissen, wie schnell das kippen kann.

Expressionistisch wild, dann wieder meditative Ruhe

Ungedeckt, expressionistisch wild herausfahrend ist nicht nur die Gestik des Vokalensembles, sondern oft auch das Gesungene selbst. Da hält, mit weiten Sichtdistanzen zum Dirigenten, nicht alles jederzeit zusammen, und füllig gerundete Klangschönheit wäre ohnehin eine ästhetische Fehlanzeige – unter die Haut geht diese herb packende, aufklaffende Stimmigkeit trotzdem, um nicht zu sagen: gerade deswegen. Marie-Pierre Roy und Anna Alas i Jove, die beiden multipel eingesetzten Frauenstimmen, verkörpern anrührend das flirrend Verlockende und – gemeinsam mit Oliver Johnstons salbungsvollem Tenor – die wenigen verbliebenen Inseln meditativer Ruhe; Ben Streckers Knabenstimme darf einen der wenigen Momente einleiten, wo sich der Himmel wirklich öffnet. Sich das Mendelssohn-Oratorium nach diesem Abend zukünftig wieder pur konzertant vorzustellen, ist gar nicht so einfach.

Von Gerald Felber

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Sollte es Schüleraustausch zwischen Ost- und Westdeutschen geben?