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Potsdams Unidram-Festival beginnt furios

Theater Potsdams Unidram-Festival beginnt furios

Mit einer dunklen Utopie aus Israel hat das Unidram-Festival am Dienstag begonnen. Die Gruppe Hazira Performance Art Arena & Puppet Cinema aus Tel Aviv und Jerusalem spielte das Stück „Salt Of The Earth“ mit Kamera, Puppen und viel Salz, das sie auf den Boden streute. Es geht um die Flucht aus einer Militärdiktatur, gespickt mit bitteren Pointen.

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Die kleine Puppe ist den dunklen Kräften ausgeliefert – Szene aus „Salt Of The Earth“, einer dunklen Utopie aus Israel.

Quelle: Unidram

Potsdam. Es gibt nur einen Augenblick der Sinnlichkeit in diesem Stück, und der ist überschminkt, denn schnell entpuppt er sich als Finte, nicht als Fingerzeig der Liebe. Die junge Frau zieht sich das Rot auf ihren Lippen nach, sie stellt sich an den Bühnenrand, dort, wo kein Licht mehr die Gesinnung oder ihre Körperrundungen erhellt. Sie steht da wie ein Schemen, wirft sich ein Kleid über die nackte Haut und greift zum Lippenstift. Sie kehrt zurück ins Feld des Scheinwerfers, hübsch ist sie, dunkle Haare, dunkle Augen, im Make-Up liegt ein Versprechen. Trotzdem bleibt diese Anmut trügerisch, gewaltsam wird die Frau vom Helden dieses Stücks getrennt, denn überall lauert das Militär in diesem Israel, das auf der Bühne inszeniert wird: Es geht nicht um die Liebe, sondern um das Überleben.

Das Premierenstück des Potsdamer Unidram-Festivals hat am Dienstagabend sein düsteres Gesicht gezeigt – den Anspruch, politisches Theater von freien Gruppen aus ganz Europa zu zeigen, hat die israelische Gruppe Hazira Performance Art Arena & Puppet Cinema zwar handwerklich durchgehend filigran erfüllt, aber gedanklich bleibt das Werk tiefschwarz.

Mitgefühl darf man von „Salt Of The Earth“, auf Deutsch heißt das Stück „Salz der Erde“, nicht erwarten. Immer biegt die Handlung ab in eine Richtung, wo abermals ein Panzer steht, eine heulende Sirene oder eben eine Frau, die lockt, doch letztlich wie ein böser Köder auf den Helden wartet, der nur als Puppe existiert, mit einem Kopf wie einer Boxbirne. Ein Erzähler führt durch diesen Abend, in der Ich-Form spricht er von der Puppe, die in einem Israel der Zukunft lebt. Das Militär hat nach dem Bürgerkrieg die Macht in einem Putsch gewonnen, Terror liegt über Israel. Der Held will in den Kibbuz „Ein Harod“ flüchten, er gilt als Ort des Widerstands.

Elf Inszenierungen aus sieben Ländern

Unidram feiert seine 22. Auflage an fünf Tagen mit elf Inszenierung aus sieben Ländern, darunter sieben deutsche Erstaufführungen. Bis Samstag läuft das Theaterfestival am Kulturstandort Schiffbauergasse.

Inszenierungen von freien Theatergruppen sind zu sehen aus Israel, Polen, Tschechien, Litauen, Spanien, Frankreich und Deutschland (Stuttgart, München, Berlin und Trier).

Live-Musik gibt es nach den Vorstellungen im Festzelt zu hören. Karten und Informationen zum Festival Unidram unter www.unidram. de und 03 31 / 71 91 39.

Vom Weg in jenes „Ein Harod“ wird auf der Bühne der Fabrik in Potsdams Schiffbauergasse berichtet, 75 Minuten dauert die Irrfahrt der Puppe, die sich in einem Multimedia-Spektakel entfaltet und sich in groben Zügen an dem Roman „The Road To Ein Harod“ von Amos Kenan orientiert, der 1984 erschienen ist. 1984 ist kein Zufallsjahr, es gilt seit George Orwell, dessen Buch die Jahreszahl im Titel trägt, als Chiffre für staatliche Überwachung und Entindividualisierung der Gesellschaft.

Die Theaterkompanie aus Tel Aviv und Jerusalem kippt viele Eimer mit Salz auf die Bühne, das soll die karge Landschaft des Nahen Ostens illustrieren. Kleine Häuser-, Menschen- und Panzerattrappen pflastern den Boden, eine Kamera filmt die Miniaturen und wirft die stets nach Nähe hungernden Bilder auf die Leinwand. Manchmal schiebt sich ein echter Mensch dazwischen.

Zwei Frauen und drei Männer spielen, filmen, erzählen dieses Panoptikum der Paranoia. Ja, es ist eine dunkle Utopie. Und doch wirkt vieles sehr real, 20 Jahre nach der Ermordung des israelischen Premiers Jitzchak Rabin. Es wirkt, als glaube Israel derzeit nicht mehr an einen Ausgleich mit den Palästinensern. Das Stück legt diese Einsicht kühl mit dem Seziermesser frei.

Von Lars Grote

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