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So war die Premiere des Kleist-Dramas am HOT

„Prinz Friedrich von Homburg“ So war die Premiere des Kleist-Dramas am HOT

Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ wird am Potsdamer Hans-Otto-Theater vor allem dekoriert, nur wenig inszeniert. Der Kostümstil wird nicht durchgehalten, die Musik kommt aus der Zukunft und die Melodie der Sprache aus dem 19. Jahrhundert. Der Prinz immerhin stellt interessante Fragen zum Männerbild.

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Nina Gummich (Natalie von Oranien), Moritz von Treuenfels (Homburg) und Eddie Irle (Graf Hohenzollern).

Quelle: HOT/Boehme

Potsdam. Der Prinz murmelt den Satz, als kaue er auf einem Kaugummi, daddele ein Videospiel oder schaue den Vögeln nach: „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs.“ Der Staub aber ist wirklich nichts, wofür sich dieser junge Mann tatsächlich interessiert. Lieber schaut er aufs transparente, wippende Kleid von Prinzessin Natalie (Nina Gummich). Der Prinz von Homburg (Moritz von Treuenfels) ist ein Träumer, rotes Hemd und schön gelegte Locken, in seinem schlafwandelnden Blick steht etwas, was schon seinem Schöpfer, Heinrich von Kleist, nachgesagt wurde – Sanftmut und Weltflucht. Diesen Prinzen sollte man mit an die Bar nehmen, mal über Fußball reden, über Frauen und darüber, wie ein Mann im 21. Jahrhundert überlebt. Muss er sein Zepter schwingen oder darf er sich durchs Leben lächeln?

Leider tobt der Krieg und für den Aperol mit Eis bleibt keine Zeit. Die Schweden nerven, sie stehen vor Fehrbellin. Kriegstaktik ist gefragt. Wenn der Kampf schon geführt werden muss, dann in hübschen Sandalen, wie der Prinz sie trägt, orthopädisch geprüft und frisch geputzt, so hat sie ihm das Potsdamer Hans-Otto-Theater (HOT) verschrieben. Premiere feierte das Drama „Prinz Friedrich von Homburg“, 1811 fertiggestellt und Uraufführung 1821, am vergangenen Samstag. Es ist eines von nur zwei Schauspiel-Klassikern (neben Shakespeares „Sturm“), die das Potsdamer Theater in dieser Saison spielt.

In der bunten, engen Nummernrevue bleibt nur Platz für Moritz von Treuenfels

In der bunten, engen Nummernrevue bleibt nur Platz für Moritz von Treuenfels. Nina Gummichs Rolle als Prinzessin ist zu klein.

Quelle: HOT/Boehme

Regisseur Alexander Charim steckt den Prinzen in ein Aquarium, so wirkt es immerhin. Ein Schaukasten ist vor die große Bühne montiert, drinnen spielen Menschen wie Zierfische, meist in leuchtend roten Jacken (Bühne: Ivan Bazak, Kostüme: Amit Epstein). Es ist Charims erste Arbeit am HOT, die sich durch den engen Kasten schnell den Auslauf nimmt und erst im letzten von fünf Akten die weite, freie Bühne nutzt. So bleibt es über die nahezu gesamte Spielzeit von einer Stunde und 50 Minuten bei Sprechtheater ohne erwähnenswerte Laufwege. Die Inszenierung hätte auch in der Reithalle, der kleinen Bühne des Hauses, Platz gefunden.

Tragödie oder Komödie?

Was für sich genommen noch kein Einwand ist, denn einen Traum, einen Ego-Trip, wie der Prinz ihn lebt, kann man auch in einem engen, abgeschlossenen Kokon platzieren. Doch nur, wenn man Ideen hat für eine räumlich komprimierte Show, die der Prinz hier liefern will – denn natürlich will er Show, das schicke Hemd, der begehrliche Blick auf Natalie und der gut gecremte Teint sprechen da eine klare Sprache.

Doch warum stehen nur tote Bäume auf der Bühne? Nichts von Blütenträumen, die der Prinz vorm inneren Auge hegt. Partout will sich die Kleistsche Tragödie in der Lesart von Regisseur Charim nicht in die Komödie auflösen, wie es im Text des Autors vorgesehen ist.

Menschen wie Zierfische, meist in leuchtend roten Jacken

Menschen wie Zierfische, meist in leuchtend roten Jacken.

Quelle: HOT/ Boehme

Kleine lustige Affekte gibt es. Etwa die Pilzkopfperücken für die Obristen, Grafen, den Kurfürsten und die Prinzessin, denen die schwarzen Haare so lang über die Augen hängen, bis sie nichts mehr sehen von der Schlacht. Sie tragen bunte Uniformen wie auf dem Beatles-Album „Sgt. Pepper“, auch das passt zu den Pilzköpfen. Doch es bleiben Pointen, die dem Stück keine sinnvolle Klammer geben. Plötzlich taucht der Hofstaat auf mit Narrenkappen, auf denen ein Mops zu sehen ist oder ein Elefant. Hier wird der Prinzentraum dekoriert, nicht inszeniert.

Inszenierung stilistisch unklar und nicht stringent

In der bunten, engen Nummernrevue bleibt nur Platz für Moritz von Treuenfels, der dem Prinzen poetisch und mondsüchtig ein Profil gibt. Er nimmt die Last von der klassischen Sprache, der im 21. Jahrhundert schwer zu folgen ist, und die durch einen weiten Raum, ein vitales, atmendes Bühnenbild hätte entschärft und entspannt werden können. Auch Nina Gummich ist eine Schauspielerin, die mit Energie und Eigensinn so einen Klassiker entstauben könnte, doch ihre Rolle als Prinzessin ist zu klein. Wenn sie endlich etwas sagen darf, das den Hebel des Dramas umlegt, wenn sie also dem Prinzen den Brief bringt, der ihm eine Begnadigung ermöglicht nach dessen selbstherrlichem Eingriff in die Schlacht, dann setzt die Regie auf Pathos und Zögerlichkeit. Schon sind wir wieder im 19. Jahrhundert. Nicht mehr in den Swinging Sixties, wohin uns die Beatles-Referenzen führten.

Die Musik an diesem Abend, komponiert von Michael Rauter und Andi Thoma (er Teil des Elektro-Duos Mouse On Mars), kommt wiederum aus der Zukunft. Ja, sie ist traumversunken, was zum Stück passt, gerade dann, wenn sie wie eine Spieluhr für Kinder klingt. Doch irgendwann klingt sie nach Raumpatrouille Orion. Was weitere Fragen zur Stringenz der Inszenierung aufwirft. Man möchte über die stilistischen Unklarheiten dieses Abends mit dem Prinzen reden, gerne bei einem kühlen Aperol.

Von Lars Grote

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