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Premiere trotz Bühnenunfall

Theater Premiere trotz Bühnenunfall

Niklas Ritter inszenierte „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ am Potsdamer Hans-Otto-Theater. Das Stück nach einem Roman von Horace McCoy erzählt von einem Tanzmarathon. Dabei handelt es sich um einen Wettbewerb und eine Show, in der gestorben und sogar getötet wird. Zieht er Parallelen zu TV-Formaten wie „Dschungelcamp“?

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Alexander Finkenwirth und Franziska Melzer vor einer Schlussszene, die keiner so schnell vergessen wird.

Quelle: HL@HLBOEHME.COM

Potsdam. In Potsdam gab es in den letzten Tagen gleich zwei Mal einen Tanzmarathon. Kaum einer weiß noch, was das genau ist (siehe Kasten). Am Freitag lud das Hans-Otto-Theater ins Neue Theater ein. Das Stück „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ erzählt den Ablauf und das tragische Ende eines Tanzmarathons.

Die von der Potsdamer Fabrik durchgeführten Tanztage, die am Sonntag nebenan in den Spielstätten der Schiffbauergasse zuende gingen, setzten am Wochenende zuvor mit „Dance Marathon“ einen interessanten Akzent. Bei der Deutschlandpremiere der kanadischen Gruppe Bluemouth Inc. im Waschhaus wurden Startnummern an die Besucher ausgegeben und der Wettbewerbsgesellschaft durch skurrile Aufgabenstellungen der Spiegel vorgehalten.

Tanzmarathon

In den USA galten die Tanzmarathons in den 1920 Jahren zunächst als Spaßwettbewerbe. Wer ein ausgesetztes Preisgeld gewinnen wollte, durfte einfach nicht aufhören zu tanzen. Ausgenommen war eine 15-minütige Pause pro Stunde für Essen, Kurzschlaf und Massagen. Die öffentlichen Spektakel zogen sich oft über Wochen und Monate hin.


In der Weltwirtschaftskrise um 1929 traten oft auch Arbeitslose bei den Marathons an, um ein paar Tage kostenlos essen zu können. Wer als Sieger hervorging, hoffte auf das Preisgeld und eine Filmkarriere. Ähnliche Bedürfnisse erfüllen heute die Reality-TV-Formate.

Die Veranstaltungen boten eine Mischung aus Show und Wettbewerb. Sie wurden zu einem Sinnbild für den Kapitalismus, der nicht davor zurückschreckt, auch menschliche Schicksale profitabel zu vermarkten. In den Tanzpausen wurden auch Ehen geschlossen, Streitereien und Sexaffären inszeniert, um das Publikum bei Laune zu halten.

Die Bühnenadaption von „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ entsprang leider keiner bewussten Kooperation des großen Theaters mit der kleinen Tanzfabrik. Von den Festivalbesuchern wurde sie deshalb auch nicht wahrgenommen. Der gleichnamige Tanzfilm von Sydne Pollack (1969) beruht auf einem Roman von Horace McCoy (1935). Theaterregisseur Niklas Ritter versucht gar nicht, die acht Schauspieler durch mitreißende Bewegungen zu Foxtrott oder Rock’n Roll in Szene zu setzen. Seine Aufführung konzentriert sich auf die Kehrseite eines Tanzmarathons. Sie sucht Bilder für die Müdigkeit, für die totale Verausgabung und schmerzende Füße. Ritter skizziert das Verhältnis zwischen den Tanzpartnern nur flüchtig und schildert die verlangte Unterordnung unter ein irrwitziges Regelwerk und die Gestalt eines zynischen Showveranstalters, den René Schwittay spielt (am Anfang plump aufgedreht, am Schluss deutlich differenzierter).

In der Premierenvorstellung war der Schauspieler Alexander Finkenwirth nach einem Bühnenunfall in der Generalprobe an eine Gehkrücke gebunden. Viele Szenen mussten deshalb kurzfristig abgewandelt werden. Vielleicht blieb deshalb Roberts Beziehung zur nihilistischen Gloria (Franziska Melzer, mit nur wenigen Eruptionen hinter der wächsernen Fassade) merkwürdig unerzählt. Die Schlusspointe gestaltete sich so zu einer von der Handlung abgelösten, nachhaltig schockierenden Ungeheuerlichkeit. Die Regie wählte eine andere Todesart als vorgesehen. Welche, das soll nicht verraten werden. Mit der Pistole wird immer nur laut geballert, um den Start in die nächsten Tanzrunde anzuzeigen. Roberts Kindheitstrauma, auf das der Titel anspielt, rührt von einem Schießeisen her, mit dem sein Opa einst ein Pferd erschoss.

Eine übergroße Welle im Bühnenbild und eine antike Badewanne auf der Bühne misst dem Wasser eine elementare Bedeutung zu, weil – wie es einmal heißt – der Tanzsaal direkt am Pazifik liegt. Sonst aber bleiben Zeit und Ort ein Abstraktum. Der Tanzmarathon soll Sinnbild einer gestressten Gesellschaft sein, die sich im Existenzkampf um sich selbst dreht und stets Zu- und Abgänge zu verkraften hat. Konkrete Anspielungen auf aktuelle Show-Wettbewerbe wie „Dschungelcamp“, „Big Brother“ oder „Germany’s Next Topmodel“ bleiben aus.

Die Tanzenden bewegen sich stilisiert auf einer Drehscheibe, die Axel Sichrovsky (er spielt die rechte Hand vom Manager und sitzt auch noch am Schlagzeug) mit einem Pedalantrieb antreibt. Sichrovsky musiziert imposant mit Tilman Ritter, der mal dem Klavier, dann dem Synthesizer verschiedenste musikalische Farben entlockt und obendrein den Chor Cantamus Potsdam e.V. dirigiert.

Die 34 Sänger bevölkern eine effektvoll geschnittene Tribüne und ziehen mit einem Requiem auch noch das oberste, transzendente Register. Das plakative Schwarz-rot-gelb der aparten Bühne von Michael Graessner bleibt ein Rätsel. Durch einen seitlich aufgehängten Vorhang gelingt es ihm, die Kluft zwischen Bühne und Zuschauerraum zu minimieren. Am Ende aber reicht das nicht, um die vielen faszinierenden Einfälle zu einem belastbaren Erlebnis zu runden. Schade.

Nächste Vorstellung: 13. Juni, 19.30 Uhr. Neues Theater. Schiffbauergasse Potsdam. Karten unter 0331/98118.

Von Karim Saab

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