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Kultur Protzen ist das Wacken der Mark – nur härter
Nachrichten Kultur Protzen ist das Wacken der Mark – nur härter
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16:28 20.06.2015
Sonst ein Motorradclub, einmal im Jahr die Halle fürs Festival. Quelle: Christian Schmettow
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Protzen

Da hinten tobt ein Presslufthammer, tack, tack, tack, der Herzschlag geht noch schneller als der Puls vom Metal, der hier am nächsten Wochenende auf die Bühne strebt. Protzen riecht nach Heu, die Vögel singen Gutelaunelieder, doch das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Und dieser Sturm wird wieder alles das zusammenrühren, was brave Bürger auf dem Biedermeiersofa aufregt, aufkratzt, auf die Barrikaden treibt: Gitarrenhälse, die wie eine Sense durch die gute Luft von Protzen schneiden, Melodien, mit denen man den Teufel offensiv aus der Reserve lockt, Männer in Leder, Frauen mit blondierten Haaren bis zum Po. Protzen wird abermals ein Abgesang auf jene Schichten, die Helene Fischer feiern.

Das steht er, Mario Grimmer, mit seinen Haaren zum Zopf gebunden und einfachen Latschen. Er bucht beim Protzen die Bands – und die müssen richtig hart grooven. Was in dem 500-Seelen-Dorf geschaffen wurde, ist inzwischen eine Institution im Metal. Quelle: MAZ

Das Protzen ist so erfolgreich wie nie

„Von Helene Fischer kriege ich Ohrenkrebs“, sagt Mario Grimmer, 37 Jahre alt, die Haare zum Zopf gebunden, vor der Brust ein Shirt von Bolt Thrower, einer gottlosen Band aus Birmingham. „Birmingham!“, sagt Mario, der heute um zwei Uhr am Morgen aufgestanden ist, denn er ist Bäcker und Konditor. „Was ist nur los in dieser Stadt? Böse Bands sind da geboren, Napalm Death, Iron Maiden, Black Sabbath.“ Und was ist erst mit Protzen? Was liegt hier in der Luft, dass dieses Festival gedeiht, seit nunmehr 18 Jahren, stets im Zeichen des Death-Metal? Nie ist es so erfolgreich wie jetzt gewesen. „Im letzten Jahr waren wir zum ersten Mal ausverkauft. In diesem Jahr sind wir sogar die Tickets im Vorverkauf losgeworden.“ Mario greift sich eine Zigarette, auf Polnisch die Warnung „Rauchen kann tödlich sein.“ Das schreckt einen Freund des Death Metal nicht.

Meist kennt man sich auf dem Festival in Protzen. Die Metal-Fans sind wie eine große Familie. Hier genießen sie die Musik. Quelle: Schmettow

„Hauptsache, es groovt“, sagt Mario. Was soll das heißen, dieses Grooven? „Ehrliche Musik!“ Mit zehn hat er Roxette gehört, schwedische Wanderprediger des Mainsteam. Nein, dafür schämt er sich nicht. Kurz vor der Wende, da war er längst bekehrt vom harten Fach, ließ er sich aus Ungarn „... And Justice For All“ von Metallica mitbringen. „150 Ostmark, meine Güte, eineinhalb Azubigehälter!“ Mario hört Metal, jederzeit. „Nur auf dem Weg zur Arbeit gibt es Inforadio.“

Familiäres Festival

Das Protzen-Festival fasst 1000 Gäste, „wir spielen nicht draußen, das ist dem Dorf nicht zuzumuten, der Bass weht ja in alle Richtungen.“ Es gibt eine Halle mit Runddach, ein Bau aus Blech, drinnen gut gedämmt, früher mal eine Abstellhalle für Mähdrescher. Jetzt gehört sie dem Motorrad-Club „Deadland“. Totenland. Weil die Halle an den Friedhof grenzt. „Das ist natürlich so ein Thema“, sagt Mario, „Friedhof“. Er spricht nun etwas lauter, sein Gehör hat nachgelassen, „Metal hören fordert Opfer“, er lächelt. „Der Friedhof wurde nie geschändet. Nicht mal eine Schlägerei habe ich in 18 Jahren mitbekommen.“ Er überlegt. „Naja, wenn mal ’ne Blume im Blumentopf fehlt...“ Mario nennt das „Suffschäden“. Eine eher charmante Art der Kriminalität.

„Wir sind hier familiär, es gibt Stammgäste, einige kommen aus Schweden, Dänemark, Österreich.“ Warum ist das Fest so erfolgreich? Die meisten wissen doch nicht mal, wo Protzen liegt. „Ditt muss rocken“, so laute das Motto, erklärt Mario, „es ist der Motor unseres Erfolgs, denn welches Festival hält sich seit 18 Jahren?“ Mario ist 2002 eingestiegen, er hat Bands gebucht. 2002, das war ein Jahr, in dem es Spitz auf Knopf stand. Leben oder Sterben? Nur 200 Gäste sind zum Festival gefahren. Auch Protzen braucht schwarze Zahlen, auch hier gilt: Keine Einnahmen, keine spektakulären Bands, keine Zukunft. Ein Dreiklang, der auf vielen Open-Airs alsbald das Ende einläutet.

Festivalbesucher vor der Konzerthalle. Quelle: Schmettow

Protzen konnte sich wieder berappeln. Mario Grimmer hat ein Händchen für Bands, die ein Festival beleben. „Es zählt mein eigener Geschmack, der durchaus härter ist. Aber natürlich rede ich mit Leuten, die zu uns kommen, ich setze mich ans Lagerfeuer. Wir tauschen uns aus.“ Letztes Jahr hat er sich einen Traum erfüllt: Napalm Death waren in Protzen, rüde Jungs, Großadel des Metal. Bis auf die Knochen martialisch. „Der Sänger rennt 40 Kilometer beim Konzert, rastlos ohne Ende, ich musste ihm eine Markierungslinie auf die Bühne malen, damit er nicht runterfliegt.“

Protzen spielt in der Champions-League des Grind und Metals

Wenn Mario sagt, er wolle die Bands im 500-Seelen-Dorf Protzen, südwestlich von Neuruppin gelegen, im Umkreis von 200 Kilometern exklusiv, dann kann Berlin einpacken. Protzen ist oft erste Wahl. „Wir spielen in der Champions-League“, sagt Mario.

Protzen spielt längst in der Champions-League: Auf der Bühne stehen Bands, die bereits einen Namen haben. Allerdings muss es richtig hart sein. Quelle: Christian Kranz

20 bis 30 Helfer gibt es, alle ehrenamtlich, Mario Grimmer arbeitet für ein symbolisches Entgelt. „Ein Jahr dauert die Vorbereitung“, es sei die Liebe zur Musik, die ihn treibe. „Man darf nicht nachlassen, immer aufs Gas drücken, sonst leidet die Qualität.“ Er spricht wie einer seiner Helden von den Bands aus Birmingham, die immer noch ein paar PS herauskitzeln, damit es wuchtiger und wilder klingt. Das ist der Ehrenkodex des Metal. Mario Grimmer weiß, diese Spielart muss sich messen lassen an dem Presslufthammer, der immer noch da hinten rattert. Irgendwann spielen die Bands in Protzen auch so schnell wie er. Nur nicht locker lassen.

Protzen: Das Festival ist ausverkauft, die 1000 verfügbaren Tickets gingen in diesem Jahr erstmals bereits komplett im Vorverkauf ans Publikum. Das Festival in Ostprignitz-Ruppin wird immer beliebter, es hat sich dem Death Metal verschrieben. Vor 18 Jahren fand es erstmals statt. Homepage: www.protzen-open-air.com

Marienwerder: Das Inselleuchten-Festival von Axel Prahl ist ein gediegener Höhepunkt des kulturellen märkischen Sommers. Es findet am 3. und 4. Juli statt. Als Gäste kommen u. a. Marla Glen, Judith Holofernes und Till Brönner, auch Gastgeber Axel Prahl wird singen und Gitarre spielen. Homepage: www.inselleuchten.de

Preddöhl: In der Prignitz am Badesee steigt das New Healing Festival vom 17. bis 23. August. Entspannung ist gesichert – Percussions, DJs und Saxophone sind angekündigt. Nähere Informationen unter www.newhealing.de

Seelübbe: Das Uckeralm-Festival der Uckermark wird vom 31. Juli bis 2. August auf einem Bauernhof gefeiert. Ton Steine Scherben kommen, überdies interessant klingende Bands wie Kleintierschaukel. Details unter www.uckeralm-festival.de

Von Lars Grote

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