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RBB-Intendantin Reim geht in den Ruhestand

Medien RBB-Intendantin Reim geht in den Ruhestand

Von der Politik war sie nicht gewählt worden. Dennoch hat sich Dagmar Reim vor 13 Jahren durchgesetzt und wurde Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Nun geht sie in den Ruhestand. Eine Würdigung.

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Quelle: dpa

Potsdam. Wie warmherzig diese Frau sein kann. Wer je nach einem Schicksalsschlag, zu einer Auszeichnung oder in der Weihnachtszeit einen Brief von Dagmar Reim bekam, weiß, wie nahe einem ihre Zeilen gehen. Wie eiskalt diese Frau sein kann. Ein Satz von ihr genügt, und man steht da wie ein Idiot: einfallslos und dumm. „Sprache ist mein Florett“, sagt die 64-Jährige, wie immer reaktionsschnell, grammatikalisch und artikulatorisch präzise, den schmalen Körper gespannt. Als Kind lernte sie Ballett. Sie muss schon damals sehr diszipliniert gewesen sein.

In zwei Wochen wird Dagmar Johanna Reim die ehemalige Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg sein. Ende November kündigte sie ihren vorzeitigen Rücktritt an. Sie führte private Gründe an. Es ist bekannt, dass ihr Mann Rudolf Großkopff, mit dem sie zwei Söhne hat und der zwei weitere mit in die Ehe gebracht hat, älter ist als sie. Mehr geht die Öffentlichkeit nicht an.

Dagmar Reim mag keine Reden, erst recht nicht, wenn es um sie geht, aber da muss sie durch.

Im Beisein von Mediengranden wie der ARD-Vorsitzenden Karola Wille und Politikprominenz, darunter Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) wollten sich von ihr am Dienstagabend die Gremien des RBB verabschieden: der Rundfunkrat unter Vorsitz von Friederike von Kirchbach, und der Verwaltungsrat unter Vorsitz von Wolf-Dieter Wolf.

RBB-Schwergewicht Jörg Thadeusz führte durch den Abend auf den Terrassen des Deutschen Technikmuseums in Berlin-Kreuzberg. Es ist kein Geheimnis, dass er zu Dagmar Reims liebsten RBB-Moderatoren gehört, ob beim Einzelgespräch „Thadeusz“ oder „Thadeusz und die Beobachter“, einer für Reim zeitgemäßen Interpretation des Genres Talk.

Für ihr Lebenswerk wurde die scheidende RBB-Intendantin am vergangenen Sonnabend mit der Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbundes geehrt. Mit der Auszeichnung werden seit 1991 jedes Jahr Journalistinnen für ihr frauenpolitisches Engagement ausgezeichnet.

Hedwig Dohm (1831-1919) war eine deutsche Schriftstellerin, Publizistin und Frauenrechtlerin.

13 Jahre, seit der Gründung, stand Dagmar Reim an der Spitze des aus dem Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg und dem Sender Freies Berlin hervorgegangenen RBB. „Es waren nur 13 Jahre von 41, in denen ich ohne Pause gearbeitet habe, aber es waren die schnellsten“, sagt sie. Sie sitzt weiterhin in einigen Gremien, engagiert sich hier und da. Künftig aber will sie anders leben. Mehr Privates zulassen. Reisen. Sich ihren Traum erfüllen und in einem Glasbungalow in der Südsee auf dem Boden liegend Fische beobachten. Ins Okovango-Delta fahren, im Frühjahr, wenn mit dem Wasser die Tiere zurückkehren. Wie ein ganz normaler Werktag in einem Jahr bei ihr abläuft? Woher solle sie das wissen, sagt sie, das sei ja das Spannende: „Bisher war ich eine Spezialistin fürs Anfangen. Das mit dem Aufhören habe ich noch nicht probiert.“

Als erste Frau überhaupt gelangte sie 2003 an die Spitze eines öffentlich-rechtlichen Senders. Sie kam vom NDR, vom Hörfunk, war eine Weile Sprecherin der ARD – zu einer Zeit, als die Intendanten diese einzige Frau in ihrer Runde für eine Sekretärin hielten. Der damalige NDR-Intendant, Jobst Plog, hat sie gefördert, hat ihre Selbstzweifel einfach ignoriert. Er riet ihr, sich als Intendantin zu bewerben. Beim RBB galt sie als Zählkandidatin. Keiner hatte sie ernsthaft auf dem Schirm. Wie zuvor den SFB dachte die Politik auch den RBB voll im Griff zu haben. Ulrich Deppendorf, später Chef des ARD-Hauptstadtstudios, galt als sicherer Favorit. Auf ihn hatten sich die großen Parteien in Brandenburg und Berlin geeinigt. Deppendorfs Frau hatte für den Abend nach der Wahl bereits Freunde zum Sektempfang in ein Berliner Restaurant geladen. Doch es gab auch die Nicht-Politiker im Rundfunkrat. Nach dem vierten Wahlgang ging Reim als Siegerin hervor. Zu ihrer eigenen Überraschung.

Bald danach ging es darum, die Direktorenposten zu besetzen. Wieder ging die Politik wie selbstverständlich davon aus, bestimmen zu können, wer was wird. Reim griff nach ihrem Florett. Wenn die alle so gut seien, die sie ihr da vorschlügen, dann sollten sie sie doch in ihrer Partei einstellen, sagte sie. Im Übrigen habe sie keiner der Politiker gewollt, sie habe keinem von ihnen ein Versprechen gegeben, also müsse sie sich auch an keines halten. Von da an gehörten Erzählungen wie jene über den CDU-Politiker Klaus Landowsky, der abends zum SFB fuhr, um der Redaktion zu sagen, was in den Nachrichten zu senden oder auch nicht zu senden sei, der Vergangenheit an. Doch es wäre falsch zu glauben, dass Reim das Florett allein gereicht hätte.

Zum Beispiel damals, beim Aus von Multikulti, als Särge durch die Straßen Berlins getragen wurden; als eine Puppe mit ihrem Antlitz verbrannt wurde; ihr per Mail mit dem Tod gedroht wurde. Auch, als der Streit mit „Abendschau“-Moderator Jan Lerch ebenso öffentlich wie schmutzig ausgetragen wurde; sie in ihrem Büro saß, während auf dem Flur lautstark protestiert wurde. Verdi-Chef Frank Bsirske zitierte damals aus Emile Zolas Roman „Germinal“, verglich die unmenschlichen Verhältnisse in französischen Bergwerken des 19. Jahrhunderts mit denen des RBB. Erst später, als ihr jemand erzählte, Bsirske zitiere immer aus „Germinal“, es sei das einzige Buch, das er kenne, konnte Dagmar Reim darüber lachen. Damals war es hart für sie. Die finanzielle Situation des RBB war desolat. 300 Stellen waren abzubauen. Sich von den Freien zu trennen, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, war das Naheliegende.

Und heute? Zum internen Abschied, der am 31. Mai beim RBB in Berlin gefeiert wurde, fand selbst der Chef des Personalrats Worte des Respekts für die scheidende Intendantin. Aber es ging auch lustig zu. In Einspielern wurden Reims Marotten thematisiert. Ihr Ärger über schlampige Kleidung von Mitarbeitern bei Terminen, ob nun vor oder hinter der Kamera. Über unangenehm auffallenden Schmuck bei Moderatorinnen. Über Grammatikfehler in „Abendschau“oder „Brandenburg aktuell“. Dagmar Reim sagt, sie empfinde Schmerz, „wenn Menschen Sprache misshandeln. Sie kann sich ja nicht wehren. Sie ist uns Menschen ausgeliefert“.

Schon als Mädchen aus dem südhessischen Lorsch saß sie im Laden der Mutter am liebsten im Stoffregal, verschlang Bücher und vergaß darüber die Welt ringsum. Sie sagt, ihr sei nicht klar gewesen, „wie wenig meine Sensibilität für Sprache von anderen geteilt wird, auch im Journalismus“. Woher das rühre? „Wenn Sie nie ein Gedicht von Heinrich von Kleist geliebt haben, nie so etwas wie Faust I gelesen haben… Woher soll’s denn kommen?“

Am 1. Juli folgt ihr Patricia Schlesinger, auch sie kommt vom NDR. Dagmar Reim sagt, „ich werde hoffentlich eine sehr gute Vorgängerin sein“. Welche Ratschläge sie ihr mitgebe? Dagmar Reim schweigt. In jedem Ratschlag steckt ein Schlag. Keinen einzigen wird sie öffentlich erteilen.

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Von Ulrike Simon

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