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Rafik Schami ist gegen Obergrenze für Flüchtlinge

Interview Rafik Schami ist gegen Obergrenze für Flüchtlinge

„Die Idee einer Obergrenze von CSU und AfD finde ich kalt, einfach kalt“: Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami spricht im Interview über den Konflikt in seiner Heimat, ein Einwanderungsgesetz – und die Liebe seiner Mutter zu Linsen.

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Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami.

Quelle: dpa

Am Anfang des Syrienkonflikts haben wir ein Interview geführt, 2013 aber verstummten Sie zunächst aus Trauer. Was hat jetzt Ihre Meinung geändert?

Der Konflikt hat sich zu einem strategischen Spiel zwischen den Supermächten entwickelt. Der Aufstand für Würde und Freiheit ist erwürgt worden, und jetzt spielen die USA, der IS, Russland und der Iran Schach auf unserem Boden. Die Welt hat das syrische Volk im Stich gelassen. Ich wollte mich nicht mehr äußern, weil ich mich nur wiederholen konnte: Die Würde des Menschen spielt keine Rolle mehr, sobald Waffengeschäfte im Spiel sind. Katar unterstützt nachweislich den IS. Die USA liefert ihnen Waffen für Milliarden, spielt sich aber zugleich als Kämpfer gegen den Terrorismus auf.

Zur Person

Rafik Schami wurde am 23. Juni 1946 in Damaskus geboren. Sein Pseudonym bedeutet „Damaszener Freund“. 1970 floh er aus Syrien, um dem Militärdienst und der Zensur zu entkommen. Seit 1971 lebt er in Deutschland, promovierte im Fach Chemie und veröffentlicht seit 1977 auch in deutscher Sprache. Seine Werke wie „Die dunkle Seite der Liebe“, „Sophia oder der Anfang aller Geschichten“ oder „Das Geheimnis des Kalligraphen“ lesen sich wie die Märchen aus 1001 Nacht, Schami vereint dabei arabische und westliche Erzählkultur. Er schrieb das Vorwort zu dem im Dumont-Verlag erschienenen Rezeptband „Suppen für Syrien“.

Und weshalb haben Sie nun ausgerechnet ein Vorwort für das Buch namens „Suppen für Syrien“ geschrieben?

Die Geschichte dahinter klingt so kurios wie eine erfundene Geschichte. Die Autorin ist amerikanische Kochbuchautorin und Fotografin. Sie stammt aber aus dem Libanon. Sie ist in den Libanon gereist und entdeckte ein Flüchtlingslager direkt neben ihrem Haus. Sie hat Lebensmittel zusammengepackt und hat mit den Flüchtlingen gekocht. So entstand die Idee, ein Kochbuch für Flüchtlinge zu machen. Ihr US-Verleger, der zugleich meiner ist, perfektionierte das Konzept: 70 weltberühmte Spitzenköche haben Rezepte beigesteuert. Suppe deshalb, weil Suppen ein Symbol für Angekommensein, für Ruhe, Wärme und Sattwerden ist. Und in jedem Land, in dessen Sprache das Buch übersetzt wurde nahm der Verlag bekannte Köchinnen und Köche aus dem Land, so in Italien, Holland und der Türkei. Auch hier in Deutschland lieferten berühmte Köchinnen und Köche wie Sarah Wiener, Christian Rach und andere wunderbare Rezepte.

Sie schreiben, dass Ihre Mutter immer sehr gerne gekocht hat. Gibt es ein besonderes Gericht, das Ihre Kindheit prägte?

Meine Mutter war eine sehr große Liebhaberin von Linsen, alle Varianten von Linsen. Und ihr Name ist mit Linsen verbunden in meinem Herzen. Es erinnert mich sehr viel an sie: Ihre Stärke als Frau, ihr Witz, ihr Humor. Aber Linsengerichte verbinde ich immer besonders mit ihr.

Sie beschwören im Vorwort auch die legendäre Gastfreundschaft der Beduinen, die Sie in der Schule vermittelt bekommen haben. Können Sie ein Beispiel nennen?

Gerne. Ein gestürzter Minister flüchtete vor seinen Häschern. Er rannte blind vor Angst in das nächste Haus. Dort wurde er aufgenommen, beruhigt und versteckt. Er merkte, der Hausherr reitet jeden Tag aus und kommt abends traurig nach Hause. Er fragte ihn danach. Die Antwort lautete: „Der Minister, der meinen Vater ungerecht zum Tode verurteilte, ist nun gestürzt und geflohen. Ich will mich rächen.“ Der Flüchtling sagte: „Sie sind gut zu mir gewesen. Deshalb will ich Ihnen ehrlich gestehen: Ich bin jener Minister, der Ihren Vater zum Tode verurteilt hat. Sie können mich umbringen.“ Doch der Gastgeber antwortete: „Ich kann nicht meinen eigenen Gast töten. Hier, haben Sie ein Pferd. Ich gebe Ihnen drei Tage. Dann reite ich Ihnen nach.“ Beim Lesen Ihrer Romane kann man arabische Basare schmecken und riechen.

Welche Rolle spielt Essen für Sie als Autor?

Literatur muss uns entführen, nach Bagdad, Peking oder New York. Und es wäre schade, wenn jemand bei der Lektüre aufwacht und nicht weiter mit mir mitgeht auf den Markt, weil ich das schlecht beschreibe. Der Leser muss im Geiste mit genießen können. Er muss auf einer Rutsche sitzen und sich nicht mehr halten können.

Sie leben schon lange in Deutschland. Wie begegnen Sie syrischen Flüchtlingen von heute?

Erfreut, dass ich mit Ihnen reden kann. Aber man sollte das nicht romantisieren, sondern nüchtern betrachten. Das sind keine Engel, sonst wären sie nicht nach Deutschland gekommen, sondern in den Himmel gestiegen. Mit Islamisten oder Anhängern von Assad streite ich. Ich habe „Zehn Punkte für Flüchtlinge“ veröffentlicht, die mir auch Kritik eingebracht haben. Aber sie sind notwendig, weil Integration nicht einseitig geht.

Halten Sie ein Einwanderungsgesetz für sinnvoll?

Nein, das ist mit Gesetzen nicht zu regeln. Die Flüchtlinge werden trotzdem kommen. Wollen Sie dann ein Erschießungskommando schicken? Ich halte es für sinnvoller, die Fluchtursachen zu bekämpfen und andere EU-Länder dazu zu verpflichten, ihren Beitrag bei der Flüchtlingshilfe zu leisten. Und auch andere Länder: Die Saudis schwimmen in Milliarden, aber sie nehmen keine Flüchtlinge auf und helfen Ihnen auch nicht.

Was sagen Sie zu der Debatte um eine Obergrenze für Flüchtlinge?

Diese Idee von CSU und AfD finde ich kalt, einfach kalt. Man sollte lieber eine Obergrenze für Waffenlieferungen machen, eine zweite für die Duldung der Diktaturen nur aus Gier nach Erdöl und andere Ressourcen.

Wie bewerten Sie den Aufstieg der AfD?

Ich fürchte mich nicht, weil sie kein Programm, kein Konzept haben. In vier Jahren treffen wir uns wieder: Dann sind die nicht mehr im Bundestag.

Von Nina May/RND

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