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Rammstein rocken die Waldbühne in Berlin

Brennender Engel mit Sprengstoff-Weste Rammstein rocken die Waldbühne in Berlin

Sex, Action, Ironie. – Ganz großes Kino war das erste der drei ausverkauften Konzerte von Rammstein in der Waldbühne Berlin. Sie zelebrierten den ganz normalen Wahnsinn einer Band, die sich über Fanatismus mit großen Gesten lustig macht. Und mit einem Sänger, der in Zeiten weltweiter Eskalation selbst zum Sprengstoffgürtel greift.

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Gitarrist Richard Zven Kruspe (l.) und Sänger Till Lindemann am Freitagabend in der Waldbühne.

Quelle: POP-EYE

Berlin. Kleine Verschwörungstheorie gefällig? Die DDR hat überlebt. Merkel regiert Deutschland, Rammstein regieren die Welt. Und jetzt erobern die einstigen Ostpunker auch noch eines der politisch aufgeladenen Wahrzeichen im Berliner Westen. Die Waldbühne, damals von den Nazis errichtet und verehrt, wird 80 Jahre später zum Schauplatz von drei ausverkauften Konzerten. Fast 70.000 Zuschauer - und das ohne neues Album.

Schöne kranke Welt

Als die weltweit erfolgreichste deutsche Rockband am Freitagabend die mit einem Camouflage-Netz überdeckte Zeltbühne entert, ist das Unwetter schon abgezogen. Das Gewitter kommt jetzt von vorne. „Ramm 4“, ein Medley bekannter Songtexte, katapultiert den geneigten Hörer in die schöne kranke Welt vom Rammstein. Es geht um fremde Mächte und Selbstbeherrschung – politisch, sexuell, familiär. Rammstein haken nicht einfach die Hits ab, ihre Konzerte sind ganz großes Kino. Mit allen Zutaten: Sex, Action, Witz – und was fürs Herz ist auch dabei.

Nach dem Intro – selbstverständlich von Feuerwerk garniert – liefern die sechs Männer Hits, wie „Reise, Reise“, „Du hast“ und „Sonne“. Dazwischen platzieren sie auf der von dickem Nebel überfluteten Bühne das Sehnsuchtsstück vom „Seemann“ und „Hallelujah“ – eine akustische Ohrfeige für alle pseudo-gläubigen Heuchler und Vertuscher. Darin heißt es: „Der junge Mann darf bei ihm bleiben / Die Sünde nistet überm Bein / So hilft er gern, sie auszutreiben / Bei Musik und Kerzenschein.“

Rammstein und der Sex

Sex ist eines der großen Rammstein-Themen, erscheint aber oft eher als von Schmerzen begleiteter Zwang, denn als romantischer Liebesakt. „Ich bin die Stimme aus dem Kissen“ – so lautet eine Textzeile, die den Kern aller Rammstein-Songs trifft. Seit 22 Jahren knöpfen sie sich unser Unterbewusstsein vor – finstere, feuchte und verdrängte Träume. Und das ist selten jugendfrei: Till Lindemann geht in die Hocke, fasst sich in den Schritt, ein Arm schlackert wie masturbierend im Rhythmus harter Gitarrenriffs. Der Sänger intoniert: „Du blutest für mein Seelenheil / Ein kleiner Schnitt und du wirst geil / Der Körper schon total entstellt / Egal, erlaubt ist was gefällt.“

Geschmacklos? Von wegen.

Viele Rammstein-Schlachtenbummler interessieren sich weniger für die lyrischen Ausflüge in des Sängers Seelenwelt, sie lockt das Spektakel. Rosaroter Rauch steigt auf, nicht nur von der Bühne, sondern auch zwischen den Rängen. Es riecht wie an Silvester um kurz nach Mitternacht. Songs wie „Ich tu dir weh“ beginnen mit synchron zum Schlagzeug abgefeuerten Raketen. Vermeintlicher Aufreger der Show ist Lindemanns Auftritt mit Sprengstoff-Weste bei „Zerstören“. Grinsend wie ein dummer Teufel stolziert er umher, am Ende böllert und funkt es, als sprenge er sich in die Luft. Geschmacklose Effekthascherei? Von wegen. Rammstein - das sind sechs Kunstfiguren, die dem Wahnsinn der Welt das Korsett entschnüren. Sie fassen den Schwachsinn, der zu Schmerzen führt, in Bilder. Songs wie „Ich will“ nehmen die Hirn- und Herzlosigkeit von Diktatoren und Terroristen aufs Korn und zerlegen sie mit bösen Worten und lautem Bumms.

Brennender Engel

Der Humor macht Rammstein, bei aller Härte, zu einem Heavy-Metal-Unikum. Besonders gut kommt „Links 2-3-4“ bei den gut 22.000 Fans an. Darin bekennen sich Rammstein zu ihrer linken Einstellung und irritieren zugleich mit zackigem Marschtempo und Befehlston. Und dann ist plötzlich Schluss. Nach leider nur eineinhalb Stunden geht der erste Teil der Waldbühnen-Trilogie zu Ende. Der Frontmann schwebt wie ein beschädigter Engel über der Bühne, seine Flügel brennen. Der vermeintlich böse Lindemann legt das Diabolische seiner Bühnenstimme ab und spricht lieb wie ein Till seine einzige Ansage: „Berlin, Ihr seid unglaublich.“

Umstritten und beliebt

Rammstein sind aktuell die erfolgreichste deutsche Rockband. Sie haben in 22 Jahren Bandgeschichte etwa 20 Millionen Tonträger verkauft. Die drei Konzerte in der Waldbühne waren innerhalb von Minuten ausverkauft, in den kommenden Monaten spielen Rammstein als Headliner auf Festivals in den USA und Südamerika. Dabei haben sie seit sieben Jahren kein neues Studioalbum herausgebracht.

Gegründet wurde Rammstein 1994 als Industrialband. Noch immer sind alle sechs Originalmitglieder dabei. Einige von ihnen spielten bei legendären Punkbands in der DDR, wie etwa Feeling B. Geblieben ist die Lust an der Provokation. Zahlreiche Skandale drehten sich um ihre Songs, Auftritte und Videos. So stand vorübergehend das Rammstein-Album „Liebe ist für alle da“ auf dem staatlichen Index. Dagegen hat die Band geklagt und vor kurzem Recht bekommen. Die Bundesrepublik muss 15.000 Euro Schadensersatz an die Band zahlen.

Von Maurice Wojach

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