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Reformation global

Ausstellung „Der Luthereffekt“ im Berliner Gropius-Bau Reformation global

Erst spalteten sie sich von der katholischen Kirche ab und kämpften für die Freiheit ihres Glaubens, später bekämpften sie zum teil ebenso andere Glaubensrichtungen. Die Ausstellung „Der Luthereffekt“ im Berliner Gropius-Bau verfolgt die globale Geschichte der Reformation anhand der Länderbeispiele Schweden, USA, Tansania und Südkorea.

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Martin Luther im Kreis von Reformatoren. Ölgemälde von 1625/1650.

Quelle: Fotos: Deutsches Historisches Museum

Berlin. Das dürfte so manchen rechtspatriotischen Verteidiger des Abendlandes ins Mark treffen: Mitten in Europa trugen Gläubige Mitte des 16. Jahrhunderts Halbmonde mit sich – als Erkennungszeichen ihrer reformierten Gesinnung. „Lieber Türke als Papist“, stand darauf. Es war das Bekenntnis der aufständischen Geusen in den Niederlanden, lieber unter einem muslimischen Herrscher des Osmanischen Reiches leben zu wollen als weiter unter dem Joch des spanischen Katholizismus. Die Kinder der calvinistische Reformation trafen sich zu sogenannten Heckenpredigten, reformierten Gottesdiensten unter freiem Himmel vor den Städten, weil sie dort nicht gelitten waren.

Türkischer Halbmond als Zeichen des Protestes

Ein silbernes, nur knapp vier Zentimeter großes Exemplar dieser reformistisch-muslimischen Halbmonde ist derzeit im Berliner Gropius-Bau zu sehen – in einer großartigen Ausstellung über die Geschichte der Reformation und ihre Folgen: „Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt.“ Verdienstvoll vor allem, dass die Ausstellungsmacher im Lutherjahr betonen, dass es nicht nur die durch den 95-Thesen-Anschlag des Augustinermönches in Wittenberg ausgelöste Reformation gibt, sondern Reformationen: darunter Anglikaner, Calvinisten, Täufer und selbst die katholische Kirche begann sich irgendwann schrittweise zu reformieren.

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Die Ausstellung „Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt“ im Berliner Gropius-Bau zeigt mehr als 500 Exponate zur globalen Geschichte der Reformation. Die Schau erstreckt sich über 2500 Quadratmeter. Hier einige wenige Beispiele.

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Die Ausstellung will zeigen, wie sich die Lebenswelt der Menschen im Zuge dieser Reformationen veränderte und wie sich diese Glaubensrichtungen weltweit ausbreitete. Im Guten wie im Schlechten: Durch die Mission der Nächstenliebe und die häufig nicht gerade gewaltfrei praktizierte Umerziehung der Untertanen zu frommen Christenmenschen. Und sie zeigt, wie mit den Reformationen neben dem gemeinsamen Widerstand gegen die katholische Kirche vor allem untereinander neue Konkurrenzen und Feindbilder entstanden.

Drei mal Luther

Die Ausstellung „Der Luthereffekt“ des Deutschen Historischen Museums im Berliner Gropiusbau ist eine von drei nationalen Sonderausstellungen, die im Lutherjahr in Deutschland gezeigt werden.

In Eisenach ist auf der Wartburg, wo Luther das Neue Testament übertrug, vom 4. Mai bis zum 5. November die Schau „Luther und die Deutschen“ zu sehen. Im Zentrum steht die Frage, welche Vorstellungen sich die Deutschen von dem Reformator machten.

In Wittenberg , wo Luther 1517 seine 95 Thesen anschlug, läuft im Lutherhaus die Schau „Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“. Auch hier geht es um die Wirkungsgeschichte der Reformation. Es werden 95 außergewöhnliche Exponate aus Luthers Umfeld gezeigt. 95 Personen werden vorgestellt, die eine persönliche Beziehung zu ihm hatten. Darunter Revolutionäre, Aufklärer und Nationalisten.

Gropiusbau Berlin : „Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt“. Niederkirchnerstr. 7, Berlin-Kreuzberg, Mi-Mo von 10-19 Uhr, Eintritt 12 Euro, bis 5. November.

Das berühmte Bild von „Martin Luther in Kreise von Reformatoren“ von 1650 zeigt, wie man es gerne gehabt hätte. Luther und sein Weggefährte Philipp Melanchthon am Tisch im Gespräch mit Johannes Calvin und dessen französischer Mitstreiter Théodore de Bèze, umrahmt von theologischen Widerständlern der Vergangenheit, Jan Hus und John Wycliff. Dahinter die Riege der europäische Reformatoren, vor ihnen klein und verächtlich, die Vertreter der katholische Kirche. Das Ölgemälde bildet den Auftakt der sich über 2500 Quadratmeter erstreckenden Schau von mehr als 500 Exponaten.

Von diesen Herren, die sich gewiss nicht immer grün waren, ging eine geistige Kraft aus, die Europa und die Welt verändern sollte. Die ersten intellektuellen Netzwerke entstanden zwischen Universitäten und Gelehrten in Stockholm, Wittenberg, Rostock, Tallinn, Turku und Danzig. Der reformierte Geist verbreitete sich über Wanderprediger, Übersetzungen und den aufstrebenden Buchmarkt. Die Ausstellung zeigt deren Auswirkungen exemplarisch an den Ländern Schweden, USA, Tansania und Südkorea.

Protestantismus am Beispiel von vier Ländern

Vier Länder, in denen der Protestantismus das kulturelle Leben geprägt hat. Schweden, das mit dem 30-Jährigen-Krieg zeitweise zur europäischen Großmacht aufgestiegen war, führte ihn schon bald als Staatsreligion ein. Jede andere Glaubensrichtung war verboten. Das reformierte Christentum war nicht nur Glaube, sondern auch Gesetz. In Hausverhören wurde im 17. Jahrhundert die Rechtgläubigkeit der Bürger überprüft und protokolliert, moralische Verfehlungen geahndet. Kaum vorstellbar, wie sich aus diesem religiös-fundamentalistischen Überwachungsstaat eine liberale Gesellschaft entwickeln konnte. Die Trennung von Kirche und Staat wurde in Schweden erst im Jahr 2000 vollzogen.

Aber die Reformation beförderte nun mal auch andere Tugenden. In den USA praktizierten die Quäker die Toleranz gegenüber Andersgläubigen und bekämpften die Sklaverei. Die zahlreichen reformierten Glaubensgemeinschaften – nicht alle waren so liberal und tolerant wie die Quäker – bildeten nicht nur das ethische Fundament der US-amerikanische Gesellschaft, sondern speisten zum Teil auch den Widerstandsgeist der schwarzen Bevölkerung gegen Unrecht und Unterdrückung. Die in der Ausstellung laufenden Gospels zeugen von Leid und Aufbegehren.

In Tansania die Frauen hinter den Herd verbannt

Schwarze Kirchenmusik, auch in der Tansania-Abteilung, die vor allem vor Augen führt, wie das soziale Engagement der christlichen Gemeinden den Alltag in der mit sechs Millionen Mitgliedern zweitgrößten lutherischen Kirche der Welt prägt. Der missionarische Geist der Reformation hat im Zuge des Kolonialismus freilich auch dort seine zwiespältigen Spuren hinterlassen. Die Frauen wurden von den Feldern verbannt und in die traditionelle Rolle der Hausfrau gedrängt.

Dass sich die Reformation auch flexibel an lokale Traditionen anpassen kann lässt sich in Südkorea beobachten. Erst im 19. Jahrhundert tauchten dort die ersten Missionare auf. 1950 waren lediglich drei Prozent der Bevölkerung protestantisch, 1995, als das ökonomisch boomende Land längst den Eintritt in die Modern vollzogen hatte, waren es schon 20 Prozent. Jesus-Darstellungen zeigen den Sohn Gottes mit asiatischen Gesichtszügen und in traditioneller Kleidung. Zur Geburt Christi eilen nicht drei Weise aus dem Morgenland herbei, sondern begrüßen Frauen das Neugeborene nach landesüblicher Tradition. Auch das ein Luther-Effekt.

Von Mathias Richter

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