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Regisseur Ken Loach ist noch immer zornig

Kino Regisseur Ken Loach ist noch immer zornig

Kino war für ihn schon immer Klassenkampf. Am Sonntag hat der britische Regisseur Ken Loach für seinen neuesten Film „I, Daniel Blake“ bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme erhalten. Der MAZ erzählt er, warum er auch mit seine 79 Jahren noch immer wütend sein kann.

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Regisseur Ken Loach mit der Goldenen Palme von Cannes.

Quelle: imago stock&people

Cannes. Der britische Regisseur Ken Loach (79) gilt mit Filmen wie „Raining Stones“ (1993), „Mein Name ist Joe“ (1998), „Looking for Eric“ (2009) als Anwalt der Underdogs. Sein Film „I, Daniel Blake“ gewann am Sonntag die Goldene Palme in Cannes – Loachs bereits zweiter Hauptpreis nach „The Wind That Shakes The Barley“ (2006).

Herr Loach, vor zwei Jahren haben Sie hier in Cannes gesessen und gesagt, Sie würden keine Filme mehr drehen. Jetzt sind Sie wieder da und haben mit „I, Daniel Blake“ einen Riesenerfolg. Was ist zwischenzeitlich passiert?

Ken Loach: Es war dumm von mir, so etwas zu sagen. Aber nach meinem Historiendrama „Jimmy’s Hall“ war ich müde, ich war beinahe eineinhalb Jahre unterwegs bei Dreharbeiten und dachte nur noch: Das war jetzt mein letzter Film. Dann saß ich ein paar Wochen zu Hause und hörte all diese Geschichten über die bewusste Grausamkeit des Staates gegenüber Hilfsbedürftigen. Das Prinzip geht ungefähr so: Wenn du keine Arbeit findest, wirst du leiden. Daraus haben mein Drehbuchautor Paul Laverty und ich eine universelle Geschichte entwickelt, so einfach und so natürlich wie möglich.

Wie realistisch ist das bürokratische Monster, das Sie in „I, Daniel Blake“ beschreiben?

Loach: Wir hätten noch viel Schlimmeres zeigen können. Wir haben immer die weniger brutale Option gewählt, um glaubwürdig zu bleiben. Es gibt Hunderte Beispiele. Einem Mann wurden die Sozialleistungen beschnitten, weil er seine Frau ins Krankenhaus gebracht und deswegen seinen Termin im Jobcenter verpasst hatte. Einem anderen ging es genauso, weil er zur Beerdigung seines Vaters gefahren war. Wir erzählen nun von Daniel Blake, der sich trotz seiner Herzprobleme als Arbeitssuchender bewerben muss, ohne arbeiten zu können, und auch von Katie, deren Leistungen gekürzt werden sollen, weil sie den falschen Bus erwischt hat und zu spät zu ihrem Bewertungsgespräch kommt.

Was für ein Zeitgenosse ist Daniel Blake?

Loach: Er ist ein gewöhnlicher Mann mit Humor und Menschenverstand. Es gibt viele wie ihn. Wichtig war uns, dass weder Daniel noch Katie wie Opfer wirken. Sie haben Selbstbewusstsein und Energie. Man denkt, sie können es gemeinsam schaffen. Und dann schlägt das System zurück.

Haben Sie in echten Jobcentern gedreht?

Loach: Nein, wir kamen nicht hinein. Das sind geheime Orte. Wir fanden einen einzigen Manager, der sagte, okay, kommt, wenn wir geschlossen haben. Wir waren 20 Minuten da, dann bekam er Angst. Echte Jobcenter-Angestellte dürfen auch keine Angestellte in Filmen spielen. Polizisten dagegen dürfen Polizisten spielen. Wir haben mit ehemaligen Angestellten gedreht, die ihren Job gekündigt hatten, weil sie das System für falsch halten.

Haben Sie schon mal daran gedacht, einen Film über Flüchtlinge zu drehen?

Loach: Das Thema ist von immenser Bedeutung, stimmt. Aber nicht jedes Thema lässt sich so einfach in Kino verwandeln. Man braucht kulturelles Wissen etwa über Afghanistan, Syrien oder auch die Kurden.

Sind Sie eigentlich für oder gegen den Brexit?

Loach: Für mich ist das eine rein taktische Frage. Die Europäische Union ist ein neoliberales Projekt. Sie muss sich grundsätzlich ändern. Wenn wir die EU aber verlassen, dann wird sich unser Land scharf nach rechts bewegen. Und was immer die EU tut, auch in den Verhandlungen über das Freihandelsabkommen mit den USA – eine neue Tory-Regierung wäre noch schlimmer. Die Attacken auf Arbeiterrechte wären heftiger, ebenso die Umweltzerstörung. Die Alternative ist also schwierig. Ich glaube, es ist wahrscheinlicher, eine linke Opposition aufzubauen, wenn wir in der EU bleiben.

Haben junge britische Regisseure heute den Impuls, die Welt zu verändern, so wie Sie ihn immer hatten?

Loach: Ja, doch nur wenige schaffen es, Kinofilme zu drehen. Sie machen Videos fürs Internet, für alle möglichen Kampagnen, für Obdachlose oder für Behinderte. Sie brennen vor Wut. Gleichzeitig aber sind viele Regisseure in der Ära Thatcher aufgewachsen. Die Gewerkschaften waren schwach, es ging nur noch um das Individuum und nicht mehr um die Gemeinschaft. Die Folge ist ein verändertes Bewusstsein, und das geben die Vierzig-, Fünfzigjährigen an die Jüngeren weiter.

Brennen Sie denn noch vor Zorn?

Loach: Ich versuche, das zu vermeiden. In meinem Alter ist das nicht so gut für den Blutdruck. Aber wie soll man nicht zornig sein? Wie soll das gehen?

Von Stefan Stosch

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